Kinokünstler Alexander Panov: Hollywoods Krise ist Chance für Russland

21. August 2013 Jan Schenkman, Russland HEUTE
Um das Image der Stadt Moskau zu verbessern und westliches Know-how ins Land zu holen, schlägt der russisch-amerikanische Künstler Alexander Panov eine engere Zusammenarbeit zwischen Moskau und Hollywood vor.
Der Künstler Alexander Panov will amerikanische Filmemacher nach Moskau holen. Foto aus dem persönlichen Archiv
Der Künstler Alexander Panov will amerikanische Filmemacher nach Moskau holen. Foto aus dem persönlichen Archiv

Der Russe Alexander Panov ist in keiner Szene der Hollywood-Blockbuster „Verblendung", „Star Trek", „The Social Network" oder auch „Spiderman" zu sehen. Aber dass diese Filme so faszinierend, poppig und ungewöhnlich sind, ist der Verdienst eben dieses Kinokünstlers, Stylisten und Artdirectors.

Als Zwanzigjähriger kam Alexander Panov in den frühen 1990er-Jahren in die Vereinigten Staaten. Er reiste mit einem Touristenvisum ein, um seine Freundin zu besuchen, aber als er dann vor Ort war, hatte diese bereits einen anderen gefunden. Zurück wollte er nicht mehr. In Russland brachen damals schwere Zeiten an. Das Land ging den Bach runter: Armut, Arbeitslosigkeit, Gewalt, kaum Hoffnung auf eine gute Zukunft. Deshalb blieb er in den USA – ohne Geld, ohne Kontakte, ohne Beruf, alleine in dem riesigen Land.

Er lebte in einem kleinen Städtchen in New Jersey bei einer amerikanischen Familie. Er lernte Englisch und hielt sich mit diversen Jobs über Wasser. Nach einiger Zeit und dank immenser Anstrengungen bekam er eine finanzielle Unterstützung in Form eines Stipendiums über 60 000 Euro von einer Stiftung für ausländische Studenten. Dank dieser konnte er das Dartmouth College besuchen, eine der besten Universitäten in den USA. Er spezialisierte sich auf die Bereiche Kunst und Kino. Nach beendetem Studium stand Panov aber vor einem Problem: In den Vereinigten Staaten dürfen sich ausländische Uni-Absolventen nach dem Hochschulabschluss lediglich ein Jahr lang im Land aufhalten. Danach läuft das Visum aus und wer bis dahin keinen Arbeitgeber gefunden hat, der muss in seine Heimat zurückkehren.

 

Malerjobs und ein unerwarteter Besuch

„Nach dem Abschluss der Universität", so erzählt Panov, „hatte ich eine umfangreiche Mappe zusammengestellt. Ich hatte Empfehlungen von Fachleuten auf dem Gebiet der modernen Kunst erhalten und konnte mit der Unterstützung diverser Galerien rechnen. Ich wohnte zu dieser Zeit in Südkalifornien, wo ernsthafte moderne Kunst nicht so sehr gefragt ist wie beispielsweise in New York. In dieser Gegend bestand kein sonderlich großes Interesse an meiner Kunst. Um mich über Wasser zu halten, musste ich zusammen mit mexikanischen Immigranten Malerjobs übernehmen – es war eine harte Zeit."

Doch es blieb nicht dabei, wie der Künstler erzählt: „Eines schönen Tages stand zu meiner großen Überraschung Professor Peter Selz, ehemaliger Kurator des Museum of Modern Art in New York, bei mir im Studio vor der Tür. Er hat über zwölf Bücher verfasst, von denen ich die meisten während meines Studiums gelesen hatte – eine absolute Koryphäe auf diesem Gebiet. Und da war er also – bei mir, in meinem kleinen Studio. Irgendwer hatte ihm von ‚diesem jungen russischen Künstler' erzählt, da beschloss er, einmal vorbeizuschauen. Nachdem er sich meine Arbeiten angesehen hatte, sagte Sels, dass sie bemerkenswert seien und schrieb einen kurzen Brief an die Ausländerbehörde, gerade einmal einen Absatz, und mein Schicksal nahm eine schnelle Wendung. Als ‚Person mit besonderen Fähigkeiten auf dem künstlerischen Gebiet' erhielt ich eine Green Card, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung."

 

Ein russischer Exot in Hollywood

„Nun konnte ich mich frei im Land bewegen, zog nach Los Angeles und begann meine Karriere beim Kino, zu dem ich mich schon länger hingezogen gefühlt habe. Der Film bietet die Möglichkeit, sehr viele Arten der Kunst zu vereinigen: bildende Kunst, Literatur, Musik, Video oder auch Multimedia. Das war genau das, was mir vorschwebte."

Seine Hollywood-Karriere begann Panov mit kleinen Projekten. 1997

realisierte er sein erstes Projekt, ein Musikvideo, für das der Künstler noch eigenhändig die Dekoration baute. Allmählich machte er sich einen Namen, erhielt Empfehlungen, erweiterte und verbesserte sein Repertoire stetig, baute sein Kontaktenetzwerk auf. Aber erst wesentlich später, nach vielen Jahren, kam es dann zur Zusammenarbeit mit David Fincher und anderen Hollywood-Größen.

Ein russischer Künstler in Hollywood – das ist Exotik pur. „Hier gibt es in meiner Branche nur sehr wenige Russen", sagt Panov. „Vor Kurzem, bei ‚Star Trek 2', traf ich rein zufällig die Assistentin des Artdirectors. Sie stammt aus Sankt Petersburg und ist Mitglied der gleichen Gewerkschaft wie ich. Ab und zu begegne ich Leuten, die mit Timur Bekmambetow, dem Regisseur von ‚Wächter der Nacht', zusammenarbeiten. Er ist wohl der bekannteste Russe in Hollywood. Sonst gibt es dort niemanden aus meiner Heimat."

 

Kooperationen im Filmbereich sollen Klischees abbauen

Dabei gibt es für russische und amerikanische Filmschaffende viele, bisher kaum genutzte Möglichkeiten der Zusammenarbeit: gemeinsame Drehbücher, Koproduktionen, Austausch von Schauspielern. Aber all das steckt noch in den Kinderschuhen. Panov beschloss vor wenigen Jahren, sich in dieser Marktlücke zu positionieren und eine Brücke zwischen den beiden Ländern zu bauen, denn er fühlt sich auf beiden Seite des Ozeans zu Hause. Seitdem bietet er mit seinem Unternehmen Intalent-Media kostenlose Beratungen für russische Regisseure auf dem Gebiet gemeinsamer Projekte an und sucht beharrlich nach Berührungspunkten.

Intalent-Media hat bereits mit dem berühmten Produzenten Sergej Seljanow, dem russischen Filmstudio Moskino, mit Art Pictures und dem Fernsehsender Rossia 1 zusammengearbeitet. Es gibt zudem Know-how

für die gemeinsame Produktion von Musikvideos und Kurzfilmen – Panov hat dabei geholfen, Filme und Videos in Los Angeles zu drehen. Aber das ist erst der Anfang – es gibt Hoffnung auf eine wesentlich umfassendere Zusammenarbeit.

Panov erzählt: „Mir als Russen ist es nicht sehr angenehm, dass sich in den USA eine solch verzerrte Vorstellung über die Russen herausgebildet hat. Einige glauben bis heute noch, dass die Russen mit einem Bären an der Leine auf dem Roten Platz spazieren gehen, dass sie nicht arbeiten können und nichts Professionelles zustande bekommen. Das sind sehr negative Klischees – und die meisten davon stammen aus Kinofilmen."

 

Mit russischen Zutaten gegen den filmischen Einheitsbrei?

„Es ist klar, dass die amerikanische Kinoindustrie um ein Vielfaches mächtiger ist als die russische, aber nichtsdestoweniger ist auch dort nicht alles rosig. Hollywood erlebt seit Langem schon eine existenzielle Krise. Namhafte Regisseure wie Steven Spielberg und George Lucas machen kein Geheimnis daraus." Panov kennt auch den Grund dafür: „Kino ist eine sehr teure Angelegenheit geworden. Für einen Film wird so viel Geld ausgegeben, dass ein einziger Misserfolg das Studio in den finanziellen Ruin treiben kann. Warum denn werden gegenwärtig so viele Remakes und Sequels gedreht? Es gibt keine neuen Ideen. Oder es gibt sie, aber die Produzenten trauen sich nicht, diese Projekte zu realisieren. Bei solch exorbitanten Kosten benötigt man Garantien."

Aber er sieht gerade in den aktuellen Herausforderungen auch Potenzial:„In dieser nicht ganz einfachen Situation eröffnet sich eine Chance für Russland. In den Vereinigten Staaten gibt es permanent, und besonders heutzutage, einen Mangel an Helden. Russland jedoch hat eine heroische

Geschichte. Da gibt jede historische Gestalt den Helden für einen Film her. Und erst die wunderschöne Natur. Warum sollte man Hollywood-Filme nicht in Russland drehen? Warum soll man nicht auch einmal das moderne Moskau mit seinen wunderbaren Restaurants, Museen, historischen Gebäuden und seiner einzigartigen Metro zeigen?"

„Moskau – die Stadt als Kinostar" nennt der Künstler sein Projekt. „Die Idee ist ganz simpel. Ich fühle mich in der Lage, Hollywood-Unternehmen der mittleren und oberen Kategorie für Dreharbeiten nach Moskau zu locken, aber ihnen müssten Steuervergünstigungen angeboten werden, so wie es Kanada und viele US-Bundesstaaten bereits praktizieren."

Wie er erklärt, könne dies auch mit Russland funktionieren: „Das ist schließlich zum beiderseitigen Vorteil. Hollywood erhält Vergünstigungen und frische Ideen. Und Moskau erhält Auftraggeber, die alles Mögliche benötigen, einschließlich Arbeitskräfte. Unsere zukünftigen Filmemacher lernen dabei noch etwas dazu, wenn sie mit den Profis aus dem Westen arbeiten. Aber das Wichtigste ist, dass die Stadt ihr Image wesentlich verbessern kann. Ich hoffe, dieses Projekt stößt auf Interesse in Russland."

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