Georg Genoux. Foto: RIA Novosti

Meine Eltern sind Künstler, als Kind habe ich gegen sie rebelliert. Wenn man so will, habe ich Antikunst betrieben – Fußball und Basketball. Als ich 13 wurde, sagte mein Trainer, mich plötzlich siezend: „Sie haben bald Ihr Interesse am Fußball verloren. Sie werden sich mit Literatur und Theater befassen." Er war ein guter Psychologe, nach einem Jahr spielte ich bereits in „Romeo und Julia".

Statt Militär wählte ich den Zivildienst im Ausland. Als ich von meiner Russischlehrerin hörte, dass in einer Schule in Schu
kowski bei Moskau ein Hoffeger gebraucht werde, bin ich nach Russland gefahren. In dieser Schule wurde plötzlich die Deutschlehrerin krank, und ich sollte sie vertreten. Mein 
Russisch war schlecht, mit den 
Kindern habe ich mich nur auf Deutsch unterhalten, und ich war wohl kaum ein guter Lehrer. Besser gelang es mir, mit ihnen Theaterstücke zu inszenieren. Mit vielen ehemaligen Schülern bin ich bis heute befreundet.

Nach meiner Rückkehr bekam ich einen Studienplatz für Regie an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Aber ich habe mich entsetzlich gelangweilt: kein Praxisbezug, die ganze Zeit nur Theorie. Dann kehrte ich nach Russland zurück. Im selben Jahr nahm Mark Sacharow

Georg Genoux kam nach dem Abitur erstmals nach Russland: In einem Moskauer Vorort leistete er seinen Zivildienst.

Ab 1999 studierte er Theaterregie an der Russischen Akademie für Theaterkunst 
(GITIS). Genoux gründete mehrere Theater in Moskau.

Heute lebt er in Hamburg, Sofia und Moskau und leitet unter anderem das internationale Theaterprojekt NEDRAma.

neue Studenten auf, und ich konnte bei ihm anfangen. Bald hatte ich gewichtige Gründe, hier zu bleiben: Ich lernte ein Mädchen kennen, mit dem ich dann lange zusammen war; Pjotr Todorowski besetzte mich für die Hauptrolle in seinem Film „Im Zeichen des Stiers"; und dann lernte ich noch Leute kennen, die das Festival für junge Dramatik „Ljubimowka" organisierten. Ich gründete das dokumentarische Theater Teatr.Doc.

Meine Mitstudenten konnten nicht verstehen, warum ich mich mit irgendwelchen sozialen Fragen beschäftigte, die auf den ersten Blick keinerlei Bezug zum Theater haben, und dazu noch ohne Geld und in einem schmutzigen Keller.

Meine Diplomarbeit hatte das Stück „Zeitnot" zum Thema. Ich habe zwei Jahre lang Material gesammelt, indem ich mit Leuten sprach, die den Tschetschenienkrieg mitgemacht haben. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die 18-jährigen Jungs, die von dort zurückkehrten, um einiges älter als ich 23-Jähriger waren. Und ich fühlte mich ihnen gegenüber so hilflos, ich wusste nicht, wie ich mit ihnen umgehen sollte. Ein ähnliches Gefühl hatte ich später, als ich mit Bewohnern der Norilsker Kommune für HIV-Infizierte sprach.

Ich war immer stolz, dass meine beiden Großväter Deserteure waren und nicht für die Nazi-Truppen gekämpft haben. Ich war 17, als der Vater meines Vaters starb. Ich sah seine Papiere durch und fand auf einmal das

Foto eines Offiziers in SS-Uniform. So erfuhren wir, dass der Mann, der meinen Vater großgezogen hatte, nicht sein leiblicher Vater war. Mein Vater wurde schwer krank, als er von dieser Nachricht erfuhr.

Es gibt eine gewisse Realität, die man nicht dokumentarisch mit der Kamera festhalten kann, sondern die viel mächtiger ist als die, die sich an der Oberfläche zeigt. Aber gerade sie lenkt uns. Ein russischer Theaterkritiker hat sie sehr genau als Gedächtnisdrama bezeichnet.

Bei all meiner Liebe zu Moskau sehe ich, wie diese Stadt die Menschen zum Schlechteren verändert. Und mit Schrecken stelle ich fest, dass ich selbst immer zynischer werde. Jetzt scheint mir, dass es wichtiger ist, sich selbst zu bewahren, als das Theater voranzubringen.