Die Anzahl der Kunstwerke von Dmitri Wrubel geht in die Tausende. Berühmt gemacht hat ihn jedoch ein einziges Bild – Der Bruderkuss zwischen Honecker und Breschnew mit der Unterschrift „Gospodi! Pomogi mnje wyschitj sredi etoj smertelnoj ljubwi" (Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben). Wrubel hat es 1989 an die Berliner Mauer gemalt. Inzwischen ist es die Hauptattraktion der so genannten East Side Gallery in der Nähe des Berliner Ostbahnhofes.

Wrubel errinert sich: „Mir fiel zufällig ein Foto aus der Paris Match in die Hände und ich begriff sofort, dass das mein Sujet war. Ich werde oft gefragt, warum gerade der Kuss zu solch einem universellen Symbol geworden ist und seine Epoche überdauert hat. Zum einen handelt es von der Liebe. Immerhin ist es ein Kuss. Sogar ein richtiger. Ein Zungenkuss. Zudem zwischen Männern. Alten Männern. Das kann man schon als Symbol einer Epoche bezeichnen. Zum anderen haben die Figuren einen hohen Wiedererkennungswert – das ist nichts Abstraktes, sondern das sind reale Menschen, die man auf der ganzen Welt kennt. Und zu guter Letzt handelt es sich um überdimensionale Gesichter. Es ist ein monumentales Fresko, und darin besteht unter anderem sein künstlerischer Effekt."

Neben dem Original an der East Side Gallery gibt es mehrere Kopien. So hängt im Mauer-Museum am Checkpoint Charlie eine Kopie, die auf Vinyl aufgetragen wurde. Eine weitere Kopie befindet sich im Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in London. Noch eine Kopie, die der Künstler eigenständig mit Malerfarben auf eine Spanplatte gemalt hatte, wurde vor kurzem bei Sotheby's für 73.000 Dollar versteigert.

Der Kuss hat Wrubels Schicksal verändert. Bis 1990 war er ein Konzeptkünstler, der seine Werke vor allem in Privatgalerien ausgestellt hatte. Doch nach 1990 wurde er plötzlich mit Einladungen überhäuft – in die Niederlande, nach Amerika und Israel.

„In den Arbeiten, die ich in den Jahren 1991 bis 1993 in Berlin schuf", erinnert sich der Künstler, „überwiegt das russische Thema. Lauter russische Gesichter. Alte Mütterchen, Arbeiter, Parteisekretäre, Pioniere, Gopniki (Vertreter des kriminellen Milieus Anm. d. Red.). Manche klassifizieren das als Soz-Art, aber in Wirklichkeit mag ich es einfach nur, ausdrucksstarke Gesichter zu malen.

Ende der 1990er Jahre fertigte ich zusammen mit meiner Frau und mit meiner Kollegin Viktoria Timofejewa für den Gründer und Chef-Redakteur des russischen Playboys, Artjom Troizkij, eine Reihe von Aktporträts bekannter russischer Frauen an: die Bojarin Morosowa, Puschkins Ehefrau Natalja Gontscharowa, Katharina die Große und Sofja Kowaljewskaja, die an der Stockholmer Universität als weltweit erste Frau Mathematik lehrte. Das Projekt wurde vorzeitig beendet, weil der Playboy von gleich zwei Seiten verklagt wurde. Zum einen von Feministinnen und zum anderen von der Russischen Akademie der Wissenschaften – wegen der Darstellung von Sofja Kowaljewskaja."

Dmitri Wrubel. Foto: PhotoXPress

Der Künstler erinnert sich: „Das Millennium war vorbei, Putin kam an die Macht. Ich las in einer Boulevardzeitung, wie der Künstler Nikas Safronow sein Putin-Porträt auf eine Million US-Dollar (735 000 Euro Anm. d. Red.) taxierte. ‚Verdammter Mist! Wir sind zu spät gekommen!', dachte ich. Aber es zeigte sich, dass wir nicht zu spät gekommen waren. Wir haben Putin im Kimono gemalt. Zudem haben wir zu seinem 50. Geburtstag im Jahre 2002 einen Kalender mit dem Titel ‚Die zwölf Stimmungen des Präsidenten' entworfen. Dieser erwies sich als riesiger Erfolg. Wir stellten in der Staatsduma aus, arbeiteten eng mit den Politikern und den Beamten zusammen."

„Ich weiß noch", führt Wrubel weiter aus, „wie ich mich mit einer Mitarbeiterin der Präsidentenverwaltung unterhielt und sich herausstellte, dass sie absolut keine Ahnung von moderner Kunst hatte. Und ich begriff, dass es ähnlich wie mit dem Anthropologen Miklucho-Maklaj ist, der die Papuas in Neuguinea missionierte: Einerseits wollte er die Einheimischen

missionieren und ihnen sehr wichtige Dinge erzählen, andererseits konnte er auch in jedem Moment aus Versehen von ihnen verspeist werden."

Viele Zeitgenossen nehmen an, dass Wrubel in Deutschland politisches Asyl beantragt habe. Doch das ist mitnichten der Fall. Obgleich er durchaus brisante Projekte realisiert hat, gegen die aggressiv vorgegangen wurde, und man ihm sogar Frevelei vorwarf, hatte er nie ernsthafte Probleme mit der Staatsmacht, wie etwa der Gallerist Marat Gelman oder die Sängerinnen von Pussy Riot. „Ich will in Berlin einfach nur leben und arbeiten", erklärt Wrubel. Er fahre gerne mit dem Fahrrad die Friedrichstraße entlang, gehe in chinesische Restaurants und habe ein Faible für deutsche Künstler, besonders für Neo Rauch. Wenn Wrubel beim Friseur oder in einem Laden seine Visitenkarte mit der Darstellung des Kusses hervorholt, müssen alle grinsen.

Der Umzug nach Deutschland zog sich allerdings ganze acht Monate hin. Die deutschen Behörden stellten harte Forderungen für die Einreise: Wrubel habe seinen Unterhalt ausschließlich durch seine Kunst zu bestreiten, Nebenverdienste seien nicht zulässig. Kaum nach Berlin gekommen, wurden er und seine Frau deshalb gleich aktiv. Im Panda-Theater in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, in dem schon seit vielen Jahren traditionsgemäß russische Konzerte und Abende veranstaltet werden, richtete er sich ein öffentliches Atelier ein. Gegenüber dem Atelier befindet sich das kleine Tourismus-Unternehmen Berlin on Bike, das Stadtführungen per Fahrrad anbietet. Deshalb kommen dort täglich zwischen 100 und 1 500 Berlin-Besucher vorbei. Auch deshalb finden seine Bilder immer mehr Käufer.

Der nächste Coup Wrubels in Deutschland ist eine Facebook-Auktion, bei der er seine Stiche zu einem Startpreis von 50 Euro anbietet. Bisher kann er davon ganz gut leben. In diesem Jahr wurde ihm zudem eine nebengewerbliche Tätigkeit erlaubt. Wrubel lacht als er sagt: „Jetzt habe ich das Recht, Bratwürste zu verkaufen!"

Seine Aktivitäten im Internet sind weniger erzwungen, als vielmehr Teil eines konzeptionellen Ansatzes: „Das ist etwas, was es vor zwanzig Jahren

einfach noch nicht gab. Die Schnelligkeit des Internets ermöglicht es, mit brandaktuellen Ereignissen zu arbeiten, ein Bild zu einem Thema zu malen, das gerade die Schlagzeilen beherrscht. Das erste Mal ist mir das bewusst geworden, als Pinochet starb. Wir malten binnen einer Stunde sein Porträt und stellten es ins Internet. Der Leichnam war noch nicht einmal kalt aber sein Porträt schon veröffentlicht. Das ist beeindruckend."

In den Jahren 2011 und 2012 realisierten er und Kollegen das Global art project, das im Zusammenhang mit den aufgeriebenen Demonstrationen in Belarus stand. „Wir hatten Follower in der ganzen Welt, von New York bis nach Tobolsk. Wir verschickten die Bilder und die Leute hängten sie in ihren Städten an die Häuserwände. Dadurch kam eine weltweite Ausstellung eines einzelnen Bildes zustande. Das ist faktisch so etwas wie Graffiti, lediglich im Internet."

Zum Abschied erklärt Wrubel: „Wenn ich Berlin verlasse, muss ich weinen. Ich weiß nicht, was das Leben mit mir noch vorhat, aber hier fühle ich mich wirklich sehr wohl."