Die Schlacht um Stalingrad war eine der blutigsten des Zweiten Weltkriegs. Die erbitterten Kämpfe zwischen Wehrmacht und Roter Armee um die Stadt, die den Namen des sowjetischen Diktators trug, kosteten mehr als 700 000 Menschen das Leben. Zugleich war die Vernichtung der 
6. Armee an der Wolga ein entscheidender Wendepunkt im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland.


Hitler und Wehrmacht gingen im Frühjahr 1942 davon aus, dass nur noch in diesem Jahr die Möglichkeit bestand, mit einem großen Aufgebot an der Ostfront um einen vermeintlichen Sieg zu kämpfen. Danach würde sich das Rüstungspotenzial der Vereinigten Staaten spürbar bemerkbar machen und die Westalliierten neue Fronten gegen das Deutsche Reich eröffnen.


Die 6. Armee unter der Führung von Friedrich Paulus versuchte, Stalingrad aus der Bewegung einzunehmen, was am erbitterten Widerstand der 62. Armee unter Generalleutnant Wasilij Tschuikow scheiterte. Nachdem der Plan fehlgeschlagen war, sollte eine systematische Eroberung Straße um Straße, Haus für Haus, zuweilen sogar Etage für Etage erfolgen. Anfang November 1942 hatte die 6. Armee 90 Prozent der Stadt eingenommen und Tschuikows Truppen auf einen schmalen Streifen entlang der Wolga zusammengedrängt. Doch die Angriffskraft der Deutschen war erschöpft.


Die Verluste beider Seiten erreichten in dieser Zeit das Ausmaß der Blutmühle von Verdun. Drastisch schilderte ein Rotarmist in einem Brief die Ankunft von 4000 Mann Verstärkung, die sofort zum Einsatz kamen. Nur 15 bis 20 Soldaten überlebten das Gefecht: „Die Zeit die nötig war, um diese Division zu zerstören, betrug nicht einmal 15 Minuten.“


In Deutschland war die Erinnerung an die Schlacht bis ins neue Jahrtausend hinein fast ausschließlich die Geschichte des Opfergangs der 6. Armee. In der Sowjetunion wurde die Legende des heldenhaften Kampfes und Sieges der Stadt geschaffen, in der der tragische Kriegsalltag und seine Opfer keinen Platz fanden.

Trotz aller Forschung ist das in der russischen Geschichtsschreibung überlieferte Bild der Schlacht unscharf. Nach 1945 entstanden Darstellungen, die die sowjetischen Erfolge kritiklos verherrlichen. Nach dem Preis des Sieges wurde nicht gefragt, die Person Stalins als erfolgreicher Heerführer stand nicht zur Diskussion. Daran änderte weder das Tauwetter unter Chruschtschow noch die Breschnew-Ära etwas. Die UdSSR brauchte den unbefleckten Mythos des großen Sieges.


Erst mit der Perestrojka wurde es möglich, eigene Verluste zu beziffern und eine wirklichkeitsnahe Geschichte der Schlacht an der Wolga zu schreiben. Gleichwohl gelang es diesen Arbeiten kaum, gegen den sakralen Charakter der öffentlichen Erinnerung an Stalingrad anzuschreiben.


Kritische Darstellungen der Kriegsgeschichte gelten bis heute schnell als Verunglimpfung des Gedenkens an die Gefallenen. Deshalb bleibt die menschliche Dimension des Kämpfens und Sterbens unbeachtet, da sie es in den Augen der Verantwortlichen nicht erlaubt, den Mythos Stalingrad in verdaulicher Form an die Nachkommen weiterzureichen.


Inszenierungen sollen Abhilfe schaffen, doch Kostümspiele mit gebügelten Uniformen, blankgewichsten Stiefeln und blitzenden Feldküchen können nicht die Wirklichkeit des Todes, Blutes, Drecks, Hungers, des „Rattenkrieges“ vermitteln, der die Teilnehmer der Schlacht prägte. Erst wenn die Erinnerung aus dem Korsett von Instrumentalisierung und Mythologisierung befreit wird, kann sie jüngeren Generationen deutlich machen, was diejenigen prägte, die der Hölle entronnen: „Nie wieder Krieg!“


Dr. Matthias Uhl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Moskau.

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