Warum Chodorkowski freikam

Bild: Konstantin Maler

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Zufälle über Zufälle – der Freilassung Chodorkowskis gingen viele denkwürdige Ereignisse voraus. Der russische Politikwissenschaftler Georgi Bowt vermutet hinter dem Begnadigungsakt Putins ein geheimes Abkommen mit dem Westen.

Um die Freilassung von Michail Chodorkowski ranken sich so viele offene Fragen und fast schon rätselhafte Zufälle, dass man den Tod des Schriftstellers Tom Clancy nur bedauern kann – er hätte einen perfekten Thriller aus dieser Geschichte machen können. Sein Roman wäre nicht nur von einer verzwickten Handlung mit unerwarteten Wendungen bestimmt, auch verschiedene romantische Ideen kämen darin vor. Doch im wahren Leben ist alles viel einfacher.

Die Freilassung Chodorkowskis ist leider, entgegen der Behauptung von enthusiastischen Optimisten, kein „Sieg der Menschenrechtsbewegung in Russland". Es haben zwar viele Menschenrechtler und einflussreiche Industrielle wiederholt für die Freilassung Chodorkowskis plädiert, doch er wurde letztlich nicht ihretwegen begnadigt.

Seine Freilassung ist ein Abkommen mit dem Westen. Dieses Abkommen besteht sicherlich aus mehreren Punkten. Der offensichtlichste ist die Imageverbesserung Russlands im Vorfeld der Olympischen Spiele in Sotschi.

 

Wie der Zufall so spielt...

Äußerlich betrachtet sah die Freilassung Chodorkowskis, die viele an die Ausweisung Solschenizyns im Februar 1974 erinnerte (damals über Frankfurt statt über Berlin), aus wie ein Agentenaustausch. Interessanterweise könnte es in der Tat zu einem werden. Und das könnte die „deutsche Spur" im Falle der Freilassung Chodorkwskis sein, die alle so überrascht hat.

Im Sommer 2013 hatte das Stuttgarter Gericht zwei Deutsche, die vielleicht gar keine Deutschen waren, wegen Spionage verurteilt. Über 20 Jahre hinweg hatten die beiden Agenten Geheiminformation nach Russland geliefert. Im Prozessverfahren wurden sie Andreas und Heidrun Anschlag genannt. Wie es scheint, haben sie geheime Informationen über die Operation der NATO in Afghanistan, die Stationierung von Raketenabwehrsystemen in Osteuropa, den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den USA und vieles mehr an Moskau übermittelt. Ihr Anwalt, Horst Dieter Petschke, sagte damals, es würden bereits Gespräche über ihren Austausch geführt und dieser könne „jeden Moment" stattfinden. Seitdem heißt es abwarten, wo die Eheleute Anschlag auftauchen werden. Wenn wir überhaupt davon erfahren.

Ein anderer möglicher „Austausch" ist in dem Beschluss der Obama-Administration vom 20. Dezember 2013 sichtbar. Die Rede ist von der „Magnitski-Liste", von der angenommen wurde, dass sie um 20 Personen erweitert würde, einschließlich hochrangiger Beamte von Exekutivorganen. Für die Kongressmitglieder völlig überraschend ist dies jedoch nicht passiert. Natürlich konnte Chodorkowski nicht der Grund dafür gewesen sein, oder zumindest war er nicht der einzige: Moskau und Washington stehen derzeit in einem schwierigen Dialog miteinander, bezüglich einer Vielzahl von Bereichen, unter anderem auch zum Thema Syrien und Iran. Es war also nur ein Zufall.

Ein weiterer Zufall war der Besuch von Henry Kissinger in Moskau Ende Oktober. Er traf sich mit Putin und dem Leiter seiner Administration Sergej

Iwanow. Worüber sie geredet haben, weiß bis heute niemand. Aber Kissinger ist nicht dieser Basketball-Spinner Dennis Rodman, der in letzter Zeit immer häufiger den nordkoreanischen Führer besucht. Er führt die heikelsten Ansinnen der US-amerikanischen Regierung aus. Zudem vertritt er das mächtige Consultingunternehmen Kissinger Associates, das unter anderem Verbindungen zu JP Morgan und Goldman Sachs hat, und ist sozusagen Teil der „Weltregierung". Diese kennt man auch unter dem Namen der „Freimaurerloge" des Weltfinanzsystems, das unter anderem an Öl- und Gasprojekten interessiert ist. Ohne Kissingers informelles „Agreement" können, so sagt man, die meisten Verträge auf internationaler Ebene nicht abgeschlossen werden.

Am 12. November 2013 dann überzeugte man Chodorkowski, eine Begnadigungsbitte zu schreiben. Etwas später unterschrieb Rosneft mit Exxon Mobil einige weitere, wichtige Abkommen im Bereich der Erdölförderung mittels moderner Technologien der Amerikaner. Noch so ein Zufall.

All diese Zufälle bezeugen zumindest eines: Zwischen Moskau und dem Westen bestehen einige streng vertrauliche Kommunikationskanäle auf hoher Ebene, die verhindern, dass unsere Beziehungen in hemmungslose feindschaftliche Hysterie ausarten.

 

Chodorkowskis dritter Akt

Was soll Chodorkowski nun also tun? Vielleicht ist er durch bestimmte Verpflichtungen an Zurückhaltung gebunden, seine Pressekonferenz in Berlin bestärkte einen solchen Eindruck. Wenn es so ist, werden diese Verpflichtungen erfüllt – Putin war sich dessen sicher, als er ihn freiließ.

Ist Chodorkowski nun also von jeder politischen Tätigkeit ausgeschlossen, insbesondere von solcher im Stile Nawalnys? Ja, aber Chodorkowski hätte sich auch so kaum mehr in die aktuelle Politik in Russland einmischen können.

Gibt es Abmachungen bezüglich einer Nichtwiederaufnahme neuer Gerichtsverfahren gegen die Jukos-Nachfolgerin Rosneft,

einer Nichtsperrung von Konten und dergleichen? Das ist sehr wahrscheinlich, und Chodorkowski hat dies vermutlich in seinem Brief an Putin angesprochen, der der Begnadigungsbitte beigelegt war. Kurzum, Chodorkowski ist nun nicht nur im politischen Sinn, sondern auch juristisch nicht mehr gefährlich. Eine Freilassung nach zehn Jahren Haft ist ein Schock, von dem Chodorkowski sich erst noch erholen muss. Er saß ebenso lange im Gefängnis, wie er reich war. Vielleicht wird der dritte Teil seines dramatischen Lebens nun aus einem ordinären Privatleben, das sich nur um ihn und seine Angehörigen dreht, bestehen. Das wäre die verständlichste aller Fortsetzungen dieser Geschichte.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland

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