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Verhüllen und vergessen: Nadelstiche gegen Seelenschmerz

Für ihre stundenlange Arbeit nimmt Jewgenija Sachar aus der baschkirischen Hauptstadt Ufa kein Geld. Dabei bekommen ihre Kundinnen nicht nur ein schönes Tattoo: Wenn sie Jewgenijas Studio verlassen, haben sie Hoffnung auf ein neues, glückliches Leben.
Von Maria Azhnina, Anastassija Karagodina

„Anfangs zeichnete ich viel, dann habe ich angefangen zu tätowieren. Seit zehn Jahren mache ich das schon“, sagt Jewgenija. „Das Leben einer Tattoo-Künstlerin ist eigentlich ganz gechillt: Ständig herrscht Leben in der Bude, Kunden laden zu Partys ein – besser geht’s nicht. Aber irgendwann bin ich auf einen Artikel über Flavia Carvalho gestoßen. Die Tätowiererin aus Brasilien hilft Frauen, Narben zu kaschieren, die nach häuslicher Gewalt geblieben sind. Da dachte ich: Warum probiere ich das nicht auch?“

Über 100 Frauen habe Jewgenija auf diese Weise bereits in ihrem Studio kennengelernt. „In meiner schönen bunten Welt konnte ich mir gar nicht vorstellen, wie viele Frauen Opfer von häuslicher Gewalt werden. Die meisten von ihnen kommen zu mir hauptsächlich, um ihre Geschichte zu erzählen. Auf meiner Liegebank werden sie ihre Eindrücke los und vergessen sie für immer. Inzwischen habe ich so viele Geschichten gehört, ich könnte ein Buch schreiben. Ich versuche, ihnen eine Freundin zu sein. Ich glaube, das klappt auch. Viele von ihnen kommen später einfach so vorbei, auf einen Schnack: ‚Du hast uns zwei Stunden lang wehgetan‘, sagen sie, ‚damit wir den Schmerz vergessen, den wir jahrelang ertragen haben‘.“

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„Sie haben mir aus ganz Baschkirien geschrieben. Ob jung, alt, ruhig oder hysterisch – eines hatten sie gemeinsam: dem Schmerz. Sie alle sagten, dass sie die Narben nicht mehr sehen können. Für sie sind die Spuren eine Erinnerung an den Tag, an dem ihr Mann die Hand gegen sie erhoben hat.“

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„2009 hat mich mein Ex-Mann mit einem Freund von der Arbeit abgeholt und in den Wald gefahren. Sie wollten mich aufschlitzen. Ich war schwanger… Die Ärzte mussten mich lange behandeln, haben aber nicht nur mir, auch meinem Kind das Leben gerettet.“

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„Ich habe mit Schenja (Kurzform von „Jewgenija“ – Anm. d. Red.) gesprochen, wir haben beschlossen, einen Schmetterling zu stechen: Das Symbol für Wiedergeburt in vielen Kulturen. Heute Morgen bekam ich einen Rosenstrauß, anonym. Ich denke, das ist ein gutes Zeichen.“ Für seine Tat verbüßte der Ex-Mann eine Freiheitstrafe und wurde nach Freilassung umgebracht, vermutlich im Suff.

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„Ich war ein Jahr und zwei Monate als ich mich mit kochendem Wasser verbrühte: 84 Prozent des Körpers, ein Monat lang lag ich im Komma. Ich kann keine Kinder bekommen. In den Neunzigern habe ich mich zu plastischer OP entschieden, aber Narben sind geblieben. Diese Tätowierung hat mein Leben verändert. Ich muss mich nicht mehr schämen: Ich bin einfach ich.“

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„Vor sieben Jahren traf ich einen jungen Mann. Die islamische Hochzeit hatten wir schon, waren kurz vor dem Standesamt. Eines Tages aber kam er angetrunken nach Hause und schlug auf mich ein. Er trat mir in die Brust und in den Bauch. Ich bin zu meiner Mutter geflohen, nach Ufa. Nach einem Jahr waren die Schmerzen immer noch nicht weg: In der Brust hatten sich Schwellungen gebildet, ich musste operiert werden.“

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„Jetzt habe ich diese Narben und kann keine Kinder kriegen. Eine Beziehung klappt auch nicht so recht. Ich schäme mich meiner Nacktheit, meiner Geschichte. Ich wollte meine Erinnerungen durch die Tätowierung übermalen.“

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„Vor zwei Jahren schlug mein Mann mit einem Messer auf mich ein. Die Wunde war tief, die Leber ist gerissen, es kam zu inneren Blutungen. Ich bin den Ärzten sehr dankbar, aber man hat mich sehr grob zusammengenäht, die Narben waren groß.“

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„Ich habe den Mann nicht angezeigt. Er bat mich, zurückzukommen. Ich habe es noch eine Zeit lang mit ihm versucht, konnte es aber nicht. Er sieht seine Schuld nicht ein, sagt, dass er sich nicht erinnert und dass ich mich selbst gestochen habe.“

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„Als er das sagte, habe ich bereut, ihn nicht angezeigt zu haben. Aber ich glaube, irgendwann fällt das alles so wie so auf ihn zurück. Jetzt geht es mir gut, aber diese Narben lassen mich den Tag einfach nicht vergessen. Deshalb habe ich zu einer Tätowierung entschlossen.“

Vadim Braydov	Vadim Braydov

Nadeschda hat mit einem Menschen gelebt, mit dem es nie einfach war. Aber irgendwann ging er zu weit: Er hat sie aufs Bett geworfen, sich auf sie draufgesetzt und hat angefangen, eine Zigarette an ihrem Körper auszudrücken und mit einem Cutter ihre Arme aufzuschlitzen. „Wir haben fünf Sitzungen gebraucht, um all ihre Narben zu verdecken. Einige sind noch geblieben“, sagt Jewgenija.

Vadim Braydov	Vadim Braydov

„Eine Tätowierung kostet 2.000 bis 4.000 Rubel. Aber ich kann kein Geld von den Frauen nehmen. So haben mich meine Eltern nun mal erzogen. Wer Geld hat, der kommt und zahlt. Aber diese Frauen haben sicherlich kein Geld über. Es sind noch viele, die eine Tätowierung wollen, an die 200. Die Gewalt ist leider wie Krieg: sie währt ewig.“

22. Februar 2017
Tags: familie, frauen, häusliche gewalt

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