Laut einer Umfrage des Lewada-Zentrums finden 56 Prozent der Russen Breschnew gut. Nur bei 29 Prozent der Befragten löst der Name negative Assoziationen aus. Damit ist Breschnew bei den Russen der beliebteste Staatsmann des 20. Jahrhunderts – zumindest unter denjenigen, die lange genug an der Macht waren, damit sich die Russen eine Meinung über sie bilden konnten. 

 

Breschnew führt vor Lenin und Stalin

Breschnew ist damit bei den Russen etwas populärer als Revolutionsführer Wladimir Lenin, der auf Zustimmungswerte von 55 Prozent kommt, während ihm 28 Prozent der Befragten negativ gegenüberstehen. Ebenfalls mehrheitlich positiv gesehen wird Sowjetdiktator Josif Stalin, der immerhin noch 50 Prozent der Befragten gefällt, aber auch auf deutlich mehr Widerstand stößt als Breschnew und Lenin. 38 Prozent der Befragten lehnen ihn ab.

Paradox: Fast ebenso hoch ist die Zustimmung zu Zar Nikolai II, der immerhin von 48 Prozent der Befragten positiv eingeschätzt wird (von 21 Prozent negativ). Schlechter sehen die Werte schon für Nikita Chruschtschow aus. 45 Prozent Zustimmung stehen 35 Prozent Ablehnung gegenüber.

 

Gorbatschow und Jelzin unbeliebt

Ganz am Ende der Beliebtheitsskala sind die letzten beiden Staatsführer Russlands im 20. Jahrhundert. Boris Jelzin wird nur von 22 Prozent der Bevölkerung als positive Figur empfunden, während 64 Prozent seine

Herrschaft als negativ bewerten. Michail Gorbatschow kommt gar nur auf 21 Prozent Zustimmung, während zwei Drittel der Russen ihn als schlechten Staatschef bewerten.

Gorbatschow wird das Ende der Sowjetunion angelastet, das viele Russen immer noch als größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts empfinden. Jelzin wiederum muss sich für die drastische Verarmung der Bevölkerung Anfang der 90er Jahre verantworten, als die Preise explodierten und so die Ersparnisse der einfachen Menschen entwertet wurden. Zudem fiel auch die Phase der Privatisierung, bei der nur wenige Oligarchen superreich wurden, während der Rest der Bevölkerung leer ausging, in die Ära Jelzin.

 

Wohlstand unter Breschnew

Breschnew werde heute in erster Linie mit dem relativen Wohlstand assoziiert, der Ende der 60er/ Anfang der 70er Jahre in der Sowjetunion herrsche, erläutern Experten die gute Bewertung für den KP-Chef mit den markanten Augenbrauen. „In seiner Zeit habe er allerdings weder Sympathien noch Achtung hervorgerufen – die häufigste Reaktion auf seinen Namen war ein neuer Witz", erinnert sich Memorial-Mitglied Jan Ratschinski zurück.

Tatsächlich waren zu Sowjetzeiten unzählige Witze über den alternden Parteiführer im Umlauf, vor allem seine Vorliebe für Orden und das Kleben am Papier. So kursierte beispielsweise folgende Anekdote: Ein Klopfen an Breschnews Tür. Breschnew setzt seine Brille auf, nimmt ein Blatt Papier und liest ab: „Wer ist da?"

 

Mängel wurden vergessen

Doch riefen Breschnews Aussetzer zu jener Zeit eine gewisse Scham bei den Russen hervor, so ist dieses Gefühl inzwischen einer Nostalgie gewichen. Auch die damals als drückend empfundene Stagnation wird im Rückblick eher als Stabilität interpretiert, der dann im Zuge der Perestroika unter Gorbatschow und Jelzin das Chaos und der Zusammenbruch folgten.

Dass es bereits unter Breschnew zu massiven Defiziten in der Versorgung kam, weil ein immer größerer Teil des Staatshaushalts in den Rüstungssektor floss, wird dabei ebenso vergessen wie der unrühmliche Afghanistan-Krieg, der unter Breschnew begann.

 

Putin ist der neue Breschnew

Das Ende der Sowjetunion und die wilden 90er sind wie ein Filter, der die sowjetische, scheinbar sichere Vergangenheit in einem besseren Licht

erscheinen lässt. Eben diesen Wirren der 90er Jahre stellt auch Wladimir Putindie neugewonnene Stabilität gegenüber.

Putin verkörpere wie Breschnew Stabilität und „die Assoziierung Putins mit Breschnew ist für die Obrigkeit nicht beschämend", erklärt der Politologe Waleri Solowej. Tatsächlich entsprechen die Umfragewerte Putins im großen und ganzen dem Ergebnis von Breschnew. Die Zustimmung für den Kremlchef liegt bei über 50 Prozent, ablehnend stehen ihm etwas mehr als 20 Prozent gegenüber.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Russland Aktuell.