Altai: Die ungeöffnete Schatzkammer Sibiriens

Der Altai ist einer der wenigen Orte auf der Welt, wo bis heute eine einzigartige Volkskunst lebendig ist: das Geschichtenerzählen. Foto: Shutterstock

Der Altai ist einer der wenigen Orte auf der Welt, wo bis heute eine einzigartige Volkskunst lebendig ist: das Geschichtenerzählen. Foto: Shutterstock

Die exotische Kultur der Schamanen, unberührte Natur, eine Vielzahl an Unesco-Welterbestätten und die grenzenlose Wildnis des Altai-Gebirges sind der richtige Ort für alle, die eine unvergleichliche Reise erleben wollen.

Der Altai ist eine der ökologisch intaktesten Regionen Russlands und heißt zu Recht „grüne Apotheke“ oder „Lunge“. Die abgelegenen Gegenden des Altai bewahrten eine ursprüngliche Natur. Die Naturreservate nehmen eine Fläche von 20 Prozent des Territoriums der Republik Altai ein. Das Gebiet hat außerdem 126 Naturdenkmäler zu bieten.

Ein großer Teil der Bergkette des Altai verläuft durch die Republik Altai und die Region Altai – Verwaltungseinheiten Russlands, die oft miteinander verwechselt werden. Den Einheimischen gefällt das nicht, deshalb sollte man sich ein bisschen Mühe geben und sich daran erinnern, dass Gorno-Altaisk die Hauptstadt und zudem einzige Stadt der etwas südlich

gelegeneren Republik Altai ist. Die Stadt ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Die Hauptstadt der Region Altai und der nächste Flughafen, wo Sie wahrscheinlich ankommen werden, wenn Sie mit dem Flugzeug in den Altai reisen wollen, ist hingegen Barnaul. Bahnverkehr gibt es hier nicht, man kann nur über die Luft oder mit dem Auto in das bergige Land gelangen. Von Barnaul aus muss man mit dem Bus in die Berge fahren.

Der Altai ist einer der wenigen Orte auf der Welt, wo bis heute eine einzigartige Volkskunst lebendig ist: das Geschichtenerzählen. Die Geschichtenerzähler, auf Altaisch die „Kajtischi“, tragen ihre Werke im sogenannten Kehlgesang vor, begleitet durch das Spiel auf der Topshur, einem zweisaitigen Musikinstrument. Die Kajtschi singen sowohl Volkslieder als auch Heldenepen, genannt Kaj. Lassen Sie die Gelegenheit nicht aus, den Kaj-Sängern zuzuhören, das ist ein sehr beeindruckendes Schauspiel. Die Aufführung der längsten Kaj-Epen kann sich mehrere Tage hinziehen.

 

Nicholas Roerich – Entdecker des Altai

Als ersten Altai-Touristen kann man den russischen Künstler und Philosophen Nicholas Roerich bezeichnen, der im Jahr 1926 hierherkam. Im Dorf Werch-Ujmon (aus dem Altaischen: „zehn Weisheiten“), im Haus des Einheimischen Wachrom-Atamanow, wo Nicholas Roerich einst sein Hauptquartier einrichtete, befindet sich heute sein Museum. Warchom Atamanow wurde in der Sowjetzeit verfolgt und sein Anwesen konnte erst in den 1990er-Jahren wiedererrichtet werden.

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Im Dorf Werch-Ujmon leben bis heute die strenggläubigen Kerschaki, die bereits im 18. Jahrhundert vor Verfolgungen aus der Oblast Nischni Nowgorod in den Altai geflohen waren. Ihr Name kommt vom Fluss Kerschenez, der dort entspringt. Die Kerschaki gehörten zu den ersten russischsprachigen Siedlern in Sibirien, sie führten ein sehr zurückgezogenes Leben mit strengen religiösen Vorschriften und einer traditionellen Kultur. Außer ihnen ließen sich in dieser Gegend auch andere

Siedler nieder, die vor den behördlichen Abgaben geflohen waren, und bildeten die ethnische Bergbewohner-Gruppe der Altaischen Kamenschtschiki.

Nach Meinung Roerichs, der die Kultur der Kerschaki erforschte, befindet sich genau hier, im Tal der Flüsse Buchtarma und Katun, das legendäre Land Belowodje, das slawische Shambhala, „Land der Freiheit“, aus der russischen Volksüberlieferung. Nach dem Tod des Philosophen erhielt einer der Altai-Gipfel ihm zu Ehren seinen Namen. Heute kostet eine Gipfelbesteigung zu Pferd ungefähr 1 000 Rubel (etwa 20 Euro). Viele Touristenstationen im Altai bieten ein- oder mehrtägige Pferde- und Fußwanderungen an. Langeweile kommt so garantiert nicht auf.

 

Der Tschuiski-Trakt

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Wenn man durch die Bergregion des Altai reist, wird man kaum die Ferntrasse M52 umgehen können, die auch Tschuiski-Trakt genannt wird. Die M52 mit einer Länge von 541 Kilometern verläuft durch die gesamte Bergregion bis zur Grenze der Mongolei. Mit dem Bau der Trasse wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnen, fertiggestellt wurde sie erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie ist eine der malerischsten Magistralen Russlands, wenn nicht der ganzen Welt. Der Tschuiski-Trakt führt nach Kalbak-Tasch (aus dem Altaischen: „flacher Stein“) – einer ehemaligen Siedlung am rechten Flussufer des Tschui, voller Runeninschriften. Hier sind Tausende Felszeichnungen von Skythen, Hunnen und früher Turkvölker erhalten. Die Felszeichnungen von Kalbak-Tasch hinterlassen einen starken Eindruck. Bislang sind sie noch allgemein zugänglich, und die Besichtigung ist kostenlos. Fotografieren ist erlaubt.

 

Die Pasyryk-Kurgane

Nicholas Roerich schrieb in seinen Tagebüchern, dass der Altai zur Zeit der Völkerwanderung eine Schlüsselrolle spielte. Er stellte eine Drehscheibe für eine Vielzahl der über den Kontinent ziehenden Nomadenvölker dar. In prähistorischer und historischer Hinsicht aber ähnelt der Altai, so Roerich, einer „bislang ungeöffneten Schatzkammer“. Teil dieses Schatzes sind die Kurgane aus der Pasyryk-Kultur – Grabhügel skythischer Stammeshäuptlinge aus dem fünften bis zweiten Jahrhundert vor Christus. In den Permafrostböden in 2 000 Metern Höhe haben sich die Mumien in den Gräbern bestens erhalten. Die Körper sind so gut konserviert, dass auf der Haut selbst komplizierte Zeichnungen zu erkennen sind, weltweit die ältesten Beispiele für Tätowierungen. Außerdem sind in einzelnen Kurganen bis zu drei Meter lange Begräbniswagen erhalten und Textilfunde, darunter der älteste Teppich der Welt. Die meisten der Fundstücke sind in der Eremitage in Sankt Petersburg ausgestellt.

 

Der Telezker See

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Von den Pasyryk-Kurganen ist es ein Katzensprung bis zum Gebirgspass Katu-Jaryk (aus dem Altaischen: „gefährlicher Ort“) – diese Passstraße wurde in Rekordzeit gebaut, mit nur drei Bulldozern im Laufe von drei Sommern. Die Steigung der Berge auf dem Katu-Jaryk erreicht 70 Prozent. Über den Pass gelangt man auf die Südseite des Telezker Sees, der zum Bestand der Unesco-Welterbestätte „Goldene Berge des Altai“ gehört.

Der Telezker See ist der Baikal in Miniaturausführung. Auch er hat mehrere Zuflüsse, aber nur einen Abfluss – den Fluss Bija. Selbst im Sommer

erwärmt sich das Wasser auf nicht mehr als plus zehn Grad Celcius. Der Telezker See fasst 40 Kubikkilometer kristallklares Wasser. Mit einer Tiefe von bis zu 325 Metern ist er einer der 15 tiefsten Seen der Welt. Noch ist der See vom Massentourismus unberührt, vor allem Freizeitangler sitzen am Ufer. Die Luft ist rein, Jagen und Angeln ist erlaubt – abgesehen von den geschützten Bereichen. An einem einzigen Tag kann der See umrundet werden. 

Das Altai-Naturreservat, eines der größten in Russland, nimmt fast den ganzen östlichen Teil der Republik Altai ein. Auf seinem Gebiet gibt es 1 290 Pflanzenarten, 73 Säugetierarten, 300 Vogelarten und 1 190 Gletscherseen.

 

Anreise in den Altai

 

Die Republik Altai hat eine verkehrstechnische Besonderheit: Es gibt keinen Bahnverkehr. Um zum gewünschten Ort zu gelangen, muss man daher zuerst entweder nach Barnaul, Nowosibirsk oder auch Bijsk reisen. Von dort aus geht die Reise mit Bus oder Auto weiter. Das Transportunternehmen Altai Transport zum Beispiel, das über einen eigenen, sehr geländetauglichen Personen-Autotransport verfügt, organisiert die Beförderung von Touristengruppen, Individualtouristen und Tagesausflüglern aus Gorno-Altaisk, Bijsk, Barnaul, Nowosibirsk, Tomsk, Omsk, Kemerowo und Nowokusnezk. 

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