Das Leben in Isborsk, einer der ältesten russischen Städte

30. März 2017 Danil Litvintsev
Typisch russische Landschaften, alte Traditionen und der Geist der Rus: An der Grenze zur Europäischen Union liegt Isborsk mit seinen über 700 Jahre alten orthodoxen Klöster und spürt den Geist der Rus.

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Danil Litvintsev
 
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Iwan Lermontow ist 76 Jahre alt und hat einen buschigen Bart. Gerade verlässt er sein 100 Jahre altes Haus, in der Hand einen dünnen Nussbaumstock. Was heißt verlässt – er springt förmlich heraus, wenn jemand sich der Anastasia-Kapelle nähert, die vor dem Haustor steht.

Die Kapelle, das ist ein winziges Häuschen, nicht größer als ein kleiner Bus, geschmückt mit einer kleinen Kuppel und einem Kreuz. Die Anastasia-Kapelle wurde im 19. Jahrhundert von Bewohnern des Dorfes Brod errichtet, in der Nähe von Isborsk, einer der ältesten russischen Städte.

„Unsere Kapelle steht auf dem alten Opferstein. Er wurde vor 1 000 Jahren gemeißelt, noch zu Zeiten der Heiden, oder sogar noch früher“, erzählt Lermontow und klopft mit dem Stock auf die von mehreren Füßen polierte Steinplatte, die unter der Eingangsstufe hervorlugt.

Der Alte mustert die Gesichter seiner Besucher, Rucksacktouristen aus Moskau mit Kameras. Unzufrieden mit der offenbar fehlenden Wirkung seiner Worte fügt er hinzu: „Und am Ufer eines Bachs, nicht weit von hier, habe ich mal einen Steingötzen gefunden. Er war auf eine Wiese gestürzt worden, da lag er halb bedeckt von Schmutz. Er hatte einen Körper, Augen und einen Mund – wie bei einem Menschen!“

Lermontow hat Dutzende solcher Geschichten parat. Sie sollen vor allem eines zeigen: Die Historie von Isborsk, das ist keine Abfolge trockener Daten aus dem Lehrbuch, das sind greifbare Gegenstände, die einfach so überall herumliegen.

Der Ort ist nur eine halbe Stunde mit dem Auto von der Europäischen Union und 800 Kilometer von Moskau entfernt. Er liegt an der Grenze von Russland, Estland und Lettland. Vor über 1 000 Jahren nahm hier der russische Staat seinen Ursprung als Zusammenschluss slawischer und finnischer Volksstämme. Heute zieht Isborsk wegen seiner typisch russischen Landschaften Filmemacher hierher. Und Touristen suchen hier nach den Traditionen, die helfen, das größte Land der Welt zu verstehen.

Die Stadt der Auserkorenen

Isborsk ist älter als Moskau und die meisten anderen russischen Städte. Erwähnt wurde es erstmals in der „Nestorchronik“. Demnach sollen im Jahr 862 die beiden slawischen Volksstämme, die Kriwitschen und die Slowenen, und die finnischen Volksstämme, die Merja und Tschuden, müde von den feudalen Auseinandersetzungen gewesen sein und drei Waräger „aus Übersee“ zu sich eingeladen haben, um „über sie zu gebieten“.

Vor Kurzem feierte Isborsk sein 1 150-jähriges Jubiläum. Heute ist es ein Dorf mit zahlreichen einstöckigen Holzhäusern, die rund um eine Steinburg angesiedelt sind. Kaum 1 000 Menschen leben hier. Sie glauben, dass der Name ihres Heimatortes seinen Ursprung im Wort „izbrannyj“ hat, was „auserkoren“ bedeutet.

Die Forschung neigt ebenfalls zu dieser Ansicht. Dank Archäologen und Landschaftsexperten erhielt Isborsk den Status eines föderalen Freilichtmuseums. Sämtliche Klöster und die Burg gehören seither zum nationalen Kulturgut. Der bekannte sowjetische Regisseur Andrej Tarkowski kam nach Isborsk auf der Suche nach echten russischen Landschaften. Und noch ein Markenzeichen ist typisch für diesen Ort, eine Eigenart, die die „auserkorenen“ Bewohner von denen anderer Museumsstädte unterscheiden: Sie halten Touristen immer noch für Sonderlinge, die zufällig ins Dorf geraten.

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Unter dem Schutz des Heiligen Nikolaus

Das Haus, in dem Iwan Lermontow wohnt, wurde von seinem Großvater 1913 erbaut. Vier Jahre später zerfiel das russische Zarenreich und das sowjetische Russland ließ die Wiege des russischen Staates, die Grenzstadt Isborsk, außen vor – der Ort gehörte ab diesem Zeitpunkt der unabhängigen Republik Estland an. Eine glückliche Fügung, denn so konnten die Bewohner die meisten Kulturgüter bewahren, während sie in anderen Regionen durch die Sowjets vernichtet wurden.

Von den Fenstern von Lermontows Haus aus ist ein Hügel zu sehen, so hoch wie ein 16-stöckiges Haus: Truworowo Gorodishche. Darauf erhebt sich das weiße Nikolaus-Kloster, das an der Stelle einer heidnischen Kultstätte errichtet wurde. Auf der Hochebene befand sich bereits im achten Jahrhundert, noch vor der Taufe der Rus, eine Festung – Isborsk aus der „Nestorchronik“. Historiker bezeichnen sie als die erste russische Burg.

„Mein ganzes Leben ist mit dem Heiligen Nikolaus verbunden“, erzählt Iwan Lermontow mit Blick auf das Kloster auf dem Hügel: „Als Kind ging ich in der herbstlichen Abenddämmerung mit einer Fackel in der Hand von der Schule an ihm vorbei nach Hause. Heute gehe ich an ihm vorbei, wenn ich zur Kirche will.“

Der lange Weg zum Kloster

Am Morgen des 4. Dezember, dem orthodoxen Gedenktag des Mariä Tempelgangs, legt der 76-Jährige noch vor Sonnenaufgang die drei Kilometer zur Kirche auf der durch Regen aufgeweichten Straße zurück. In der Hand trägt er saubere Schuhe, die er anzieht, wenn er das Kloster betritt.

Auf seinem Weg lässt er ein tiefliegendes Moorgebiet hinter sich, geht eine Steinstraße entlang, die steil den Hügel hoch an Truworowo Gorodishche vorbei führt – direkt zu den dunklen Türmen der Isborsker Burg.

Diese Burg wurde im 14. Jahrhundert von Pskower Herrschern errichtet. Pskow war ein Fürstentum im Westen Russlands, das dem Schutz vor dem Livländischen Orden diente, dessen Hauptsitz im heutigen Lettland und Estland lag. Die Burg an der Grenze erwies sich als eine harte Nuss: Während ihrer fast sieben Jahrhunderte langen Geschichte überstand sie Dutzende Überfälle und wurde nie erobert. Deswegen wird Isborsk in Europa auch „die Eisenstadt“ genannt.

Hinter der Verteidigungsmauer glänzt die silberne Kuppel des Nikolaus-Klosters im Licht der Sonne – die Hauptkirche von Isborsk und Ziel von Iwan Lermontow. Das Kloster ist genauso alt wie die Burg, wurde 1349 geweiht und hat seine Funktion bis heute behalten. Für Russland, wo zu Sowjetzeiten fast alle Klöster im besten Fall in Museen und im schlimmsten Fall in Gemüselager oder Garagen umgewandelt wurden, ist das Nikolaus-Kloster ein seltenes Exemplar eines erhaltenen mittelalterlichen Klosters.

Glockenspiel als Lebenszeichen

Um acht Uhr morgens sind bereits 40 Menschen da. Sie stehen rund um einen grauhaarigen Priester im silbernen Gewand, der auf Altkirchenslawisch halb singt, halb rezitiert. Die Sprache versteht kaum jemand, doch bis heute ist sie die Hauptsprache der orthodoxen Messen. Durch die vereisten Fenster strahlt ein schwaches kühles Licht. Dünne Kirchenkerzen knistern. 40 Münder atmen kalten Hauch aus.

Als der Priester verstummt, bekreuzigt sich die Gemeinde mit dem Blick auf die Ikone des Heiligen Nikolaus – Frauen in bunten Kopftüchern und Männer in dunklen Jacken, darunter auch Iwan Lermontow.

Die Klosterwände vibrieren unter den hallenden und regelmäßigen Glockenschlägen. Auf dem Glockenturm steht der Ministrant, der die größte Sturmglocke in Bewegung setzt. Vor Jahrhunderten warnte sie die Bewohner vor nahenden Feinden. Heute weckt sie das Leben in der Museumsstadt Isborsk.

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