Russlands Sport – In ist, was den Politikern gefällt

12. Juli 2014 Alexej Denissow, RBTH
In Russland sind Politik und Sport seit jeher eng miteinander verflochten. Hatte ein Staatsführer sich einmal für eine bestimmte Sportart begeistert, erlangte sie bald nationale Bedeutung und war im ganzen Land fortan beliebt.
Foto: Photoshot/Vostock-Photo
Foto: Photoshot/Vostock-Photo

Der Gründer der Sowjetunion Wladimir Iljitsch Lenin liebte das Schachspielen. Bis heute ist eine 1908 in Italien entstandene Fotoserie erhalten, auf der er und ein anderer großer Bolschewik, Alexander Bogdanow, in ein Schachspiel vertieft sind. Beobachter der Partie ist der berühmte russische Schriftsteller Maxim Gorki, dessen Gastfreundschaft Lenin genoss.

Während seiner erzwungenen Emigration in Europa pflegte Lenin noch ein anderes Hobby – er unternahm Radreisen. Damals war dieses Hobby noch etwas für Wagemutige. Die Fahrräder ließen sich nicht gerade einfach lenken, auf den Pariser Straßen zu fahren war nicht ungefährlich. Im Jahr 1910, während einer seiner gewohnten Fahrradtouren, geriet der Führer der Bolschewiki in eine ernsthafte Kollision.

Lenin beschrieb diesen Vorfall später in einem Brief an seine Mutter Maria Alexandrowna folgendermaßen: „Ich kam aus Juvisy als mich ein Auto auf dem Fahrrad anfuhr. Ich schaffte es gerade noch so abzuspringen. Passanten halfen mir, das Kennzeichen zu notieren, sie boten sich als Zeugen an. Ich erkannte den Fahrer des Autos, es war der Vicomte (hol’ ihn der Teufel). Jetzt führe ich einen Rechtsstreit mit ihm. Ich hoffe, ich gewinne das Verfahren.“ Und tatsächlich bekam Lenin in dieser Sache Recht. Er erhielt von dem Vicomte die geforderte Summe, kaufte sich ein neues Fahrrad und setzte seine riskanten Touren fort.

Alexander Bogdanow, Maxim Gorki und Wladimir Lenin. Foto: aus den freien Quellen

Die ersten Sportarten, die nach der Revolution eine deutliche Konjunktur erlebten, waren nahe liegender Weise der Radsport und Schach. 1918 fanden die ersten großen Fahrradrennen statt, 1920 die erste Schachmeisterschaft im ganzen Land. „Die Regierung begriff, dass Schach ein Bestandteil der  Volksbildung ist, dass sich mit seiner Hilfe die Kultur des Landes fördern und der Bildungsrückstand in dem armen Russland bekämpfen lässt“, erklärt der Schachweltmeister Anatoli Karpow in dem Dokumentarfilm „Tri kita sowjetskogo sporta“ (Die drei Säulen des sowjetischen Sports).

Kein ganz großer Sport unter Stalin

Auch Stalin waren sportliche Leidenschaften nicht fremd. Zeitgenossen erinnern sich, dass er ein großer Liebhaber des Volkssportes Gorodki („Städtchen“) war. Der Grundgedanke des Spiels ist es, fünf Holzklötzchen die zu verschiedenen Figuren aufgebaut werden, mit einem Wurfstock aus einer bestimmten Entfernung von ihrem Platz aus dem abgegrenzten Spielfeld zu schlagen. Der berühmte Flugzeugbauer Sergej Iljuschin schreibt in seinen Memoiren: „...Stalin hörte zu, kein Wort kam ihm über die Lippen. So verging ungefähr eine halbe Stunde. Als ihm klar war, dass die Frage nicht leicht zu entscheiden war, unterbrach er schließlich die Diskussion mit dem Satz: „Gehen wir Gorodki spielen“. Diesem Vorschlag schlossen sich alle sehr gerne an. Vier Stunden lang herrschte auf dem Gorodki-Feld ein fröhliches Getümmel. Stalin war mit Leidenschaft bei der Sache, geschickt schlug er die Figuren, die erfolgloseren Mitspieler bespöttelte er ein wenig …“

Um den ganz großen Sport war es jedoch in der Stalin-Ära nicht sehr gut bestellt. Die sowjetischen Sportler traten in Wettkämpfen hauptsächlich gegen Vertreter der Arbeiterbewegung anderer Länder an, und das war nicht immer die sportliche Crème de la Crème. Teilweise war das auf politische Erwägungen zurückzuführen, nicht zu vernachlässigen war jedoch sicher auch eine fast pathologische Angst der sowjetischen Sportfunktionäre vor einer Niederlage.

Zu dieser Frage schrieb Nikolai Romanow, der nach dem Vaterländischen Krieg das Sportressort in der Kommunistischen Partei leitete: „Der Beschluss, sich an Wettkämpfen im Ausland zu beteiligen, verpflichtete uns zum Sieg. Sonst hätte die „freie“ bürgerliche Presse nicht nur die sowjetischen Sportler mit Schmach und Schande überschüttet, sondern das ganze Volk, was nicht nur einmal vorgekommen war. Um eine Erlaubnis für die Teilnahme an einem internationalen Wettkampf zu erhalten, musste ich Stalin ein spezielles Schreiben vorlegen, in dem ein Sieg garantiert wurde …“ Aus diesem Grund trat ein Team der UdSSR auf den Olympischen Spielen erstmals im Jahr 1952 an, obwohl sowjetische Sportler früher bereits eingeladen worden waren.

Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow hegte für Sport keine besonderen Sympathien. Leonid Breschnew wiederum, der ihn in seinem Amt beerbte, war ein hervorragender Schwimmer und Rennfahrer. Als Zuschauer interessierte er sich besonders für Hockey und Eiskunstlauf. Während seiner Amtszeit erlebten diese Sportarten ihr „goldenes Zeitalter“.

Schwarzer Gürtel für Judoka Putin

Der erste russische Präsident Boris Jelzin erinnerte seine Schuljahre so: „...Ich war ein begeisterter Volleyballspieler und hätte am liebsten nichts anderes mehr gemacht. Mir gefiel es, dass der Ball mir gehorchte, dass ich mit einem unglaublichen Sprung selbst die hoffnungslosesten Situationen retten konnte … Mir fehlen an der linken Hand zwei Finger, daher bereitete mir die Ballannahme manchmal Schwierigkeiten. Aber ich erarbeitete mir eine eigene Technik, mit einer besonderen Stellung der linken Hand. Ich nehme Bälle auf meine eigene und unkonventionelle Weise an …“

Wesentlich bekannter wurde übrigens Jelzins Begeisterung für Tennis. Dank seines Interesses für diese Sportart erhielt Tennis eine großzügige staatliche Förderung und Präsenz im Fernsehen. Die russische Tennisnationalmannschaft, die früher einen Mangel an Weltklassespielern verzeichnete, holte zweimal – in den Jahren 2002 und 2006 - den Davis Cup, den weltweit angesehensten Titel im Mannschaftstennis. „Jelzin hat der Tennis in unserem Land sehr viel zu verdanken“, so Schamil Tarpischtschew, der frühere Trainer der Tennismannschaft der UdSSR und Mitte der 90er Jahre Berater des Präsidenten für Sport war, in einem Gespräch mit der Zeitschrift Itogi. „Mehrere Staatsführer unseres Landes spielten Tennis. Wie man weiß standen selbst Molotow und Berija oft auf dem Tenniscourt. Und als Jelzin dann in Shorts und mit Tennisschläger in den Händen durch die Medien ging, erlebte diese Sportart eine echte Renaissance.“

Boris Jelzin. Foto: Photoshot/Vostock-Photo

Der russische Expräsident Dmitri Medwedjew war in seiner Jugend Schwerathlet und begeisterte sich für den Kajaksport. Während seiner Amtszeit warb er mit allen Kräften für Badminton. Sein Engagement in diese Richtung zahlte sich aus: Von den Olympischen Sommerspielen 2012 in London brachten Nina Wislowa und Walerija Sorokina erstmals in der Geschichte für Russland eine Medaille im Badminton-Doppel nach Hause.

Das derzeitige russische Staatsoberhaupt Wladimir Putin ist Judo- und Sambomeister und gewann mehrere Meisterschaften in Leningrad. Er hat den schwarzen Gürtel in Karate, Judo und Taekwondo. Bekannt ist auch Putins Vorliebe für den Alpinsport. „Er fährt Ski wie ein erfahrener Profi, sehr schön, schnell, technisch versiert. Aber es gibt einen Fehler, mit dem ich, wenn wir zusammen fahren, ein wenig kämpfe“, erzählt Swetlana Gladyschewa, Präsidentin der russischen Föderation für Ski Alpin und Snowboarding in einem Gespräch mit der Zeitung Iswestija. „Schon an seinem Gang ist zu sehen, dass ein Arm ein wenig nach vorne zieht, das überträgt sich auch auf die Skier“.

Vor kurzem hat Putin Hockey für sich entdeckt. 2011 stand er zum ersten Mal auf Schlittschuhen, heute spielt er regelmäßig in Freundschaftswettkämpfen mit Veteranen der Mannschaft der UdSSR.

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