Aljona Savchenko, Julia Obertass und Tatjana Wolossoschar wurden alle zwischen 1984 und 1986 in der Ukraine geboren. Allen wurde ein Talent für Eiskunstlauf in die Wiege gelegt. Obertass zog als Erste nach Sankt Petersburg, um mit bekannten Trainern zu arbeiten, beendete ihre Karriere allerdings bereits 2007 nach einer Reihe persönlicher Rückschläge. Savchenko und Wolossoschar sind dagegen weiter auf dem Eis aktiv und sehr erfolgreich.

Unter neuer Flagge

Aljona Savchenko startet mittlerweile als Paarläuferin für Deutschland. Leicht fiel ihr das nicht. 2002 musste ihr damaliger Trainingspartner Stanislaw Morosow wegen einer Verletzung aufhören, ein neuer Partner war nicht leicht zu finden. Fast hätte Savchenko ihre Karriere vorzeitig beendet, doch der Journalist Arthur Werner vermittelte ihr den Kontakt zum deutschen Eiskunstlauftrainer Ingo Steuer. Es ergab sich, dass dieser mit Robin Szolkowy einen passenden Partner für Savchenko im Team hatte.

Elf Jahre lang waren Savchenko und Szolkowy ein erfolgreiches Eiskunstlaufpaar. 2014 beendete Szolkowy seine Karriere jedoch im Alter von 34 Jahren. Savchenko hingegen wollte die Schlittschuhe noch längst nicht an den Nagel hängen. Seit März 2014 steht ihr nun der Franzose Bruno Massot zur Seite. Er lief vorher mit der Russin Daria Popowa. Das russische Temperament ist ihm also vertraut; ein nicht unwichtiger Aspekt im Paarlauf.

Tatjana Wolossoschar läuft seit 2010 für Russland. Vom ukrainischen Eiskunstlaufverband erhielt sie vorher nahezu keine Unterstützung. Sie und ihr Partner Stanislaw Morosow, der wie erwähnt zuvor mit Savchenko auftrat, mussten sich komplett selbst finanzieren. Nach den Olympischen Spielen in Vancouver 2010 kehrte auch Morosow der Eissporthalle den Rücken. Wolossoschar fand in dem Russen Maxim Trankow einen neuen Partner, siedelte nach Moskau um und erhielt wenig später die russische Staatsbürgerschaft. 

Offene Rechnungen

Savchenko und Wolossoschar sind seit jeher Konkurrentinnen. Zuletzt lag Wolossoschar vorne. Dreimal EM-Gold, einen Weltmeistertitel und vor allem Olympiagold in Sotschi kann das Paar Wolossoschar/Trankow für sich beanspruchen. Savchenko reichte es in Sotschi jedoch nur zu Bronze.

Kurztanz von Savchenko/Massot auf der Eiskunstlauf-EM in Bratislava im Januar 2016. Quelle: Youtube

Savchenko und Massot führen den innovativen Stil, der einst Savchenko/Szolkowy berühmt gemacht hatte, fort. In der Saison 2015/2016 erwiesen sich ihre beiden Programme als außerordentlich erfolgreich. Und – ganz objektiv betrachtet – auch als eine Spur interessanter als die Meisterschaftsprogramme von Wolossoschar/Trankow. Von Verletzungen sind Savchenko und Massot bislang verschont geblieben – anders als die russische Konkurrenz. Vor allem Trankow musste nach Olympia verschiedene Verletzungspausen hinnehmen. Seine Partnerin verletzte sich jüngst beim Aufwärmen vor der NKH Trophy.   

Die einzigartige Savchenko: Prognose 2016/2017

Wie wird es in dieser Saison weitergehen? Wolossoschar/Trankow setzen nicht mehr auf eine zunehmende Komplexität ihres Programms. Vielmehr wollen sie mit gelungener Inszenierung und perfekter Umsetzung punkten. Savchenko/Massot sind hingegen in künstlerischer und sportlicher Hinsicht unersättlich – die perfekte Motivation, um neue Gipfel zu erstürmen. Und das Potenzial des deutschen Paares ist beträchtlich: Zwei der drei Hebungen im Kürlauf müssten vielleicht noch ein wenig nachjustiert werden, 15 Punkte wären dann möglich. Weitere vier Punkte sind aus den Sprungkombinationen herauszuholen.

Kurztanz von Wolossoschar/Trankow auf der Eiskunstlauf-EM in Bratislava im Januar 2016. Quelle: Youtube

Vom 28. März bis 3. April 2016 finden in Boston in den USA die ISU-Weltmeisterschaften statt. Dort werden beide Paare wieder aufeinandertreffen. „Das Duell in Boston wird sicherlich für Aufsehen sorgen. Jedes Paar hat seine eigenen Asse im Ärmel“, sagt der russische Trainer Nikolaj Belikow. „Das deutsche Paar hat ein bekanntes Gesicht und traditionell interessante Programme. Bei Wolossoschar und Trankow ist das Programm zwar weniger interessant, aber ihre Ausführung ist wahrlich meisterhaft. Was den Ausgang des Duells bei der kommenden Meisterschaft angeht, will ich mich daher nicht festlegen“, so Belikow.

Im nächsten Jahr aber, schätzt Belikow, würden wohl wieder Savchenko und Massot die Führung übernehmen. Der Partner müsse nur mehr Selbstbewusstsein und den nötigen Halt erlangen: „Die größten Stärken Aljona Savchenkos sind ihre Erfahrung, ihr Charakter, ihre große Persönlichkeit. Vor diesem Hintergrund wirkt das russische Paar etwas farblos“, meint er. Diese Farblosigkeit sei Segen und Fluch zugleich. Auf jeden Fall hätten Wolossoschar/Trankow Potenzial, davon ist der russische Trainer überzeugt. Ob das aber reicht, um Savchenko zu besiegen? 

„Wolossoschar und Trankow sind sehr, sehr talentiert. Savchenko ist jedoch einzigartig“, resümiert Belikow.

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