Steht der paralympische Sport in Russland vor dem Ende?

7. September 2016 Indira Schestakowa
Russlands paralympische Sportler fahren nicht nach Rio und nicht nach Pjöngjang 2018. Von anderen internationalen Wettkämpfen sind sie ebenfalls ausgeschlossen. Ist das nun das Ende des paralympischen Sports in Russland?
The Russian Paralympic team
International gesperrt, erfahren die Athleten in Russland viel Solidarität. Quelle:Anton Denisov / RIA Novosti

Der Ausschluss Russlands vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) führte automatisch zur Disqualifikation der russischen Athleten sowohl bei den Paralympischen Spielen als auch bei anderen internationalen Turnieren. Wie sehr trifft das die paralympische Bewegung in Russland?

Rima Batalowa, 13-fache paralympische Siegerin, Vize-Präsidentin des Paralympischen Komitees Russlands (PKR) und Abgeordnete der Staatsduma, warnt vor einer Überbewertung des Skandals. Ihrer Meinung nach sei es zu früh, um über die Folgen für den paralympischen Sport in Russland zu reden, da die Organisation alles Mögliche tun werde, um den früheren Zustand wiederherzustellen. „Ich habe mit (Sergej) Lawrow gesprochen, er hat zu der Lage bereits Stellung genommen. Sie (die Regierung) werden sich ebenfalls damit befassen“, sagte Batalowa in einem Gespräch mit RBTH.

Auch Sergej Schilow, sechsfacher Ski-Alpin-Sieger und Mitglied des PKR-Exekutivkomitees, glaubt nicht an das Ende des paralympischen Sports in Russland. „Unsere Athleten werden trainieren und an Wettkämpfen teilnehmen. Auf jeden Fall muss man versuchen, mit dem IPC einen gemeinsamen Nenner zu finden. Wir müssen ihnen mehr über unsere Athleten und unser System erzählen, damit alles transparenter wird. Viele wissen nicht, wie wir arbeiten“, erklärte der Sportler.

Solidarität für den paralympischen Sport

Der Sport sei für Russlands paralympische Athleten der effektivste Weg zur Rehabilitation und sozialer Akzeptanz, betonte Alexander Schlytschkow, Vorsitzender des Europäischen Para-Taekwondo-Verbands. „Dass die Ereignisse der letzten Monate für jeden paralympischen Athleten schwierig waren, braucht man nicht zu wiederholen“, sagte Schlytschkow RBTH.

„Diese Art von Skandalen schadet den Athleten, sie rauben Kräfte und Zeit, die sie in Trainingseinheiten investieren könnten. Es ist möglich, dass es Menschen geben wird, die dem emotionalen Druck nicht standhalten und sich von der paralympischen Bewegung verabschieden. Diese Menschen darf man nicht verurteilen“, fügte Schlytschkow hinzu.

Die dreifache Paralympics-Siegerin von London 2012 im Weitsprung, 100-Meter-Lauf und in der 4x100-Meter-Staffel Margarita Gontscharowa mit ihrem Ehemann Iwan Gontscharow, ebenfalls Paralympic-Athlet und Biathlonsportler, beim Training.  Mikhail Mokrushin / RIA Novosti

Die dreifache Paralympics-Siegerin von London 2012 im Weitsprung, 100-Meter-Lauf und in der 4x100-Meter-Staffel Margarita Gontscharowa mit ihrem Ehemann Iwan Gontscharow, ebenfalls Paralympic-Athlet und Biathlonsportler, beim Training. 

Sie holte Silber bei den Paralympics 2008 in Peking und wurde zweimal Weltmeisterin im Schwimmen – Anastassia Diodorowa. Iliya Pitalev / RIA Novosti

Sie holte Silber bei den Paralympics 2008 in Peking und wurde zweimal Weltmeisterin im Schwimmen – Anastassia Diodorowa.

​Der vierfache Paralympics-Sieger von London 2012 und Peking 2008 im Kugelstoßen und Diskuswerfen Alexej Aschapatow fährt ebenfalls nicht nach Rio.     Iliya Pitalev / RIA Novosti

​Der vierfache Paralympics-Sieger von London 2012 und Peking 2008 im Kugelstoßen und Diskuswerfen Alexej Aschapatow fährt ebenfalls nicht nach Rio. 

 

 Sergej Schilow, sechsfacher Ski-Alpin-Sieger beim Training.  Artur Lebedev / TASS

 Sergej Schilow, sechsfacher Ski-Alpin-Sieger beim Training. 

 
1/4
 

Doch hinsichtlich der Spiele 2018 in Pjöngjang sei noch alles offen. „Wir müssen einen Dialog mit dem IPC führen und auf die Vorwürfe an das PKR richtig reagieren. Wir sehen, dass sowohl die Sportler als auch die Verantwortlichen hart daran arbeiten“, gibt sich der Funktionär zuversichtlich.

Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse sei das Interesse für den paralympischen Sport in Russland gar gestiegen. Von Entwicklungs- und Finanzierungsproblemen könne deshalb keine Rede sein, erklärt Schlytschkow. Behörden als auch Unternehmen hätten sich bereit erklärt, paralympische Wettkämpfe zu unterstützen. Und die Handballmannschaft der Frauen spendete einen Teil des Preisgeldes an die paralympische Mannschaft. Einen Ausweg gibt es immer, darin sind sich die Experten einig.

Russland richtet eigene Paralympics aus

Bereits bei dem Treffen mit dem russischen Olympia-Team Ende August versprach Wladimir Putin, dass es für die paralympischen Athleten einen eigenen Wettbewerb als Olympia-Ersatz geben werde. Für die Erfolge der Athleten wurden dieselben Preisgelder versprochen wie für die Siege in Rio. Der alternative Wettbewerb soll am 7. und 8. September in der Oblast Moskau stattfinden.

Gesperrt und wieder gesperrt

Neben den Paralympischen Spielen 2016 in Rio und 2018 in Pjöngjang ist den russischen Athleten auch eine Teilnahme unter anderem an den Weltmeisterschaften im Rollstuhltanz in Sankt Petersburg, an den Para-Taekwondo-Europameisterschaften im September in Warschau, an den Handball-Europameisterschaften in Maia (Portugal), an den Wettkämpfen im Parabadminton in Beek (Niederlande) und an den Weltmeisterschaften im Rollstuhlfechten in Pisa im November untersagt. Wie es weitergeht, hängt von der Entscheidung über die Klage des Paralympischen Komitees Russlands ab. Diese wird etwa sechs bis sieben Monate auf sich warten lassen.

Die Beschwerde des russischen Teams wurde indes vom Internationalen Sportgerichtshof Cas abgelehnt. Die Anfechtung des Urteils beim Schweizerischen Bundesgericht blieb ebenfalls ohne Erfolg. Mehr als 200 paralympische Sportler hatten zudem beim Internationalen Paralympischen Komitee Einzelanträge auf Zulassung zu den Spielen eingereicht – am Donnerstag erhielten alle eine Absage.

Alle Rechte vorbehalten
+
Folgen Sie uns auf Facebook