Wada-Leaks: Die doppelte Moral der Welt-Anti-Doping-Agentur

14. September 2016 Nikolaj Schewtschenko
Nach der Veröffentlichung von vertraulichen Dokumenten der Welt-Anti-Doping-Agentur ist Russland entsetzt: Während ihre Sportler wegen der Einnahme verbotener Präparate gesperrt wurden, haben US-Athleten offenbar Sondergenehmigungen erhalten.
Serena Williams
Vor allem aber wird über Serena Williams (Bild) und ihre Schwester Venus gesprochen. Quelle:Getty Images

Nach der Veröffentlichung von vertraulichen Wada-Dokumenten durch die russische Hacker-Gruppe „Fancy Bears“ wird die Welt-Anti-Doping-Agentur in Russland für ihre doppelte Moral heftig kritisiert. Die geleakten Dokumente belegen, dass die Behörde amerikanischen Athleten die Verwendung von bestimmten verbotenen Präparaten erlaubt hat. Auch wenn der Hacker-Angriff eigentlich auf die US-Athleten zielte, so sorgten diese Enthüllungen doch für großen Unmut in Russland.

Biles und Amphetamine

Die US-Turnerin Simone Biles, die nach den Spielen in Rio auch in den russischen sozialen Netzwerken gefeiert wurde, wird nun heftig kritisiert. Den gehackten Dokumenten zufolge leidet die Sportlerin unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Sie habe das Stimulans Methylphenidat eingenommen, ein Amphetamin-Derivat, das in Russland und in anderen Ländern der Welt aus dem Verkehr gezogen wurde.

Im russischen Netz scherzten einige über Amphetamine, andere zweifeln an der Krankheit der Sportlerin. Andere nehmen Biles in Schutz und behaupten, dass eine sichere Landung auf dem Balken unter dem Einfluss des Amphetamins nicht möglich gewesen wäre.

Vor allem aber wird über die Williams-Schwestern gesprochen. Auch sie hätten laut der Wada-Dokumente verbotene Präparate zu therapeutischen Zwecken einnehmen dürfen. Ein besonderer Schock für die Russen: Die russische Tennisspielerin Maria Scharapowa, die positiv auf Meldonium getestet wurde, war für zwei Jahre gesperrt worden. Das Präparat war erst seit dem 1. Januar 2016 verboten.

Der ehemalige Leiter der russischen Anti-Doping-Agentur, Nikolai Durmanow, erklärte im Interview mit dem staatlichen TV-Sender Perwy kanal, was die Russen so empört: „Man hat den Eindruck, dass es sich bei den Sportlern um Menschen mit schweren Behinderungen handelt, da sie unglaubliche Kombinationen von stark wirkenden Substanzen erhalten. Drei davon sind Drogen. Ein Handel mit solchen kann sowohl bei uns als auch in Europa zu einer Freiheitsstrafe führen. Das unglückliche Meldonium, für das wir so bestraft wurden, ist im Vergleich dazu harmlos wie ein Küken“, sagte er. 

„Zu früh für Schadenfreude“

Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, kommentierte den Fall Williams auf ihrer Facebook-Seite ziemlich harsch. „Ich würde gern die Diagnose erfahren. Vielleicht hat sich Tarpischew gar nicht entschuldigen müssen?“, schrieb Sacharowa auf ihrer Seite und stützte sich dabei auf die Aussage von Schamil Tarpischew, dem Präsidenten des russischen Tennisverbands, der Venus und Serena Williams als „Williams-Brüder“ bezeichnet hatte.

Nicht alle Nutzer fanden die Aussage der Sprecherin angemessen. Einige Athleten nahmen ihre amerikanischen Kollegen sogar in Schutz. Der russische Sprinter Sergej Schubenkow, der aufgrund der Leichtathletik-Sperre für Russland nicht teilnehmen konnte, schrieb auf Twitter: „Bei den Williams war alles legal. Sie nahmen Präparate, die außerhalb des Wettbewerbs erlaubt sind. Sie kurierten Verletzungen aus und waren deshalb in dieser Zeit nicht aktiv.“ Schadenfreude komme für ihn zu früh.

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