Hackerangriffe in Russland: Kreativer Protest oder Cyberkrieg?

11. März 2014 Dan Potozki, Russland HEUTE
Vermutlich ukrainische Cyberterroristen haben mehrere russische Internetseiten angegriffen. Experten halten das einerseits für eine ganz normale Erscheinung des „Hacktivismus“, sehen aber andererseits eine Entwicklung hin zu einer ernsten Bedrohung für Staat und Unternehmen.
Die Zahl der Attacken auf russische Webseiten haben in den vergangenen Wochen zugenommen. Foto: Russland HEUTE
Die Zahl der Attacken auf russische Webseiten haben in den vergangenen Wochen zugenommen. Foto: Russland HEUTE

Am 7. März 2014 wurde die Internetseite der „Rossijskaja Gaseta" durch Cyberterroristen angegriffen und war eine Zeit lang nicht erreichbar. Die „Rossijskaja Gaseta" ist eines der größten russischen Nachrichtenportale und die Regierungszeitung der Russischen Föderation. Zu ihr gehört auch das Unternehmen Russia Beyond the Headlines, dem die deutsche Ausgabe Russland HEUTE angehört. Die Megatags der Webseite für die Suchmaschine „Google" wurden in „pwned by CyberMaidan" geändert.

„Es besteht absolut kein Zweifel, dass dies ein Hackerangriff war und hier Profis am Werk gewesen sind. Zuerst wüteten sie auf der Internetseite herum und legten dann den Server lahm, nachdem sie dort ihren ‚Gruß' – ‚Hundertschaft vom Maidan' (Maidan100) – hinterlassen hatten", berichtete der Chefredakteur des Verlags Wladislaw Fronin.

Die Organisation „Cyber-Hundertschaft", die hinter dieser Aktion vermutet wird, veröffentlichte auf ihrer Facebook-Seite eine Gegendarstellung. Sie seien zwar „bereit, gegen die russische Propaganda anzukämpfen". Doch sie erklärten: „Der Hackerangriff auf die Internetseite der ‚Rossijskaja Gaseta' ist allerdings nicht unser Verdienst." Der größte russische Entwickler von Antiviren-Software, das Unternehmen Kaspersky Lab, teilte mit, dass es sich bereits mit dem Vorfall beschäftige.

Zuvor, am Sonntag, dem 2. März 2014, war bereits die Internetseite des russischen Staatssenders „Russia Today" zum Ziel eines Cyberangriffs geworden. „Der Admin-Zugang wurde gehackt, aber inzwischen haben wir die Kontrolle über unsere Internetseite zurückgewonnen", erklärte ein Vertreter des Fernsehsenders.

 

Neben Medienunternehmen werden auch Industrien attackiert

Die Cyberterroristen haben dabei aber ganz offensichtlich nicht vor, sich auf Medienunternehmen zu beschränken. Am 6. März stellte eine Gruppe von Anonymous-Hackern Dokumente ins Internet, die angeblich den größten russischen Waffenexporteur, die Firma Rosoboronexport, bloßstellten, und erklärten den russischen Rüstungsbetrieben den Krieg.

Der Anonymous-Erklärung, die auf der Internetseite „Cyberguerrilla.org" veröffentlicht wurde, zufolge wollen die Hacker alles versuchen, um die Infrastruktur der russischen Verteidigungsindustrie zum Erliegen

zu bringen. Anonymous sagte, die jüngsten Erklärungen von Vertretern russischer Regierungsbehörden zum Thema Ukraine hätte die Organisation zu diesem Schritt bewegt. Anonуmous schreibt weiter, dass es bereits gelungen sei, die Computer von Oboronprom, dem Konstruktionsbüro Suchoj, von Gasflot, UC Rusal, Weles Capital und anderen mit Viren zu infizieren. Rosoboronexport hat die Erklärung bislang nicht kommentiert.

Witalij Kamljuk, führender Antivirus-Spezialist von Kaspersky Lab, sagte: „Wir sind durch unsere Abhängigkeit von der Technik und der gigantischen Rechenleistung, über die Computer heutzutage verfügen, für Attacken verschiedenster Motivationen potenziell angreifbar geworden. Wir haben bereits gesehen, wie Anonymous in anderen Ländern vorgegangen ist. Und ungeachtet der von uns unternommenen Anstrengungen werden diese Cyberangriffe wohl kaum in der nächsten Zeit aufhören."

 

Hacktivismus: Kein Cyberangriff – nur kreativer Protest

Einige der Experten befürchten, dass wir uns schon mitten in einem Cyberkrieg befinden. „Der Krieg hat bereits begonnen, und sein Hauptziel ist der Angriff auf die öffentliche Meinung", glaubt Ilja Satschkow, Chef der Group-IB, einem auf den Kampf gegen Cyberverbrechen spezialisierten Unternehmens. „Um für Verwirrung und Durcheinander zu sorgen, werden weitere Informationsressourcen wie soziale Netzwerke, Blogs und Mikroblogs genutzt", so Satschkow.

Aber nicht alle Experten stimmen mit einer solch kategorischen Sichtweise überein. „Die Verwendung des Begriffs ‚Cyberkrieg' ist vollkommen unangebracht", sagte Kamljuk von Kaspersky Lab und erklärt: „Es handelt sich in diesem Fall eher um ‚Hacktivismus'. Dies ist eine Form des Cyberangriffs und Ausdruck des politischen und sozialen Protests. Es ist schließlich viel einfacher, die Internetseiten von Regierungsbehörden und Massenmedien zu attackieren, als Protestaktionen und Demonstrationen

auf der Straße zu organisieren. Eine besonders große Aktivität legen die Hacktivisten unter den Bedingungen angespannter politischer Ereignisse an den Tag. Eben dies ist zurzeit in der Ukraine zu beobachten."

„Vor dem Einsatz einer der ersten Cyberwaffen, des Computerwurms ‚Stuxnet', hatte sich in Russland kaum jemand Gedanken darüber gemacht, was im Falle der Verlagerung eines Kriegs in den virtuellen Raum geschehen würde", bemerkt Alexej Lukazkij, Experte für Informationssicherheit bei Cisco Systems. Lukazkij zufolge hat die Situation sich vor ein bis zwei Jahren geändert, als russische Regierungsbehörden begannen, sich des Problems der Cyberangriffe anzunehmen.

Erst im vergangenen Jahr hatte das russische Verteidigungsministerium erklärt, über die Einrichtung einer gesonderten „Cyberarmee" nachzudenken. Damit wollte man Angriffe vonseiten anderer Staaten abwehren und gegebenenfalls Gegenangriffe durchführen können.

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