Wadim Wolkow: „Unternehmer bildeten eine parallele Gesellschaft“

Der Soziologe über die Evolution des russischen Unternehmers vom Schattengewächs der Perestroika zum Kompagnon des Staates.
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Der Soziologe Wadim Wolkowgilt als einer der wichtigsten Experten zum Thema Anfänge des Kapitalismus nach dem Zerfall der Sowjetunion. Quelle:Arseny Neskhodimov/Secret Firmy

Wadim Wolkow ist Prorektor an der Europäischen Universität von Sankt Petersburg und Professor für Soziologie und Recht. Er studierte in Leningrad und Cambridge. Wolkow ist Autor des Buchs „Violent Entrepreneurs“ und gilt als einer der wichtigsten Experten zum Thema organisierte Kriminalität und Anfänge des Kapitalismus nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Wer waren die ersten russischen Unternehmer? Wie unterschieden sie sich von den Sowjetbürgern?

Unternehmertum gab es schon zu 
Sowjetzeiten, besonders in den 
letzten fünf Jahren der UdSSR. 
Damals boomte die Schattenwirtschaft. Das war eine waghalsige Sache. Die Geschäftsleute mussten in der sozialistischen Planwirtschaft an den Bilanzbüchern vorbei wirtschaften, also nicht ausgewiesene Umsätze unerkannt in den legalen Kreislauf bringen. Das bedeutete normalerweise, dass zusätzliche Ausgaben für die Justizbehörden eingeplant werden mussten, damit die Ordnungshüter beide Augen zudrückten. Das Unternehmertum existierte also in Form einer Parallelgesellschaft. 

Ein Brutkasten des russischen 
Unternehmertums war außerdem der Komsomol. Die Jugendorganisation der KPdSU war der wohl effektivste Karriereantrieb. Die ersten Geschäftsstrukturen wurden also auf bereits existierenden und funktionierenden Netzwerken aufgebaut.

Wie sahen diese Netzwerke aus?

Um Geschäfte zu machen, braucht man Vertrauen – eine Mangelware im frühen russischen Kapitalismus in der Endphase der Perestroika. Wenn es wenig Informationen über Marktakteure gibt, kann man nur mit jemandem Geschäfte machen, den man gut kennt. In den bestehenden Gemeinschaften gab es einen Vertrauensvorschuss und damit auch günstige Kredite, gegenseitige Hilfe und Wort
treue. 

Glossar: Die Neunziger

Neue Russen: Neureiche, die sich einen ausschweifenden Lebensstil leisten konnten. Teure Autos, Markenkleidung und opulente Häuser waren ihr Markenzeichen und machten sie in der Gesellschaft unbeliebt.

Roter Direktor: Manager, der seine Vollmachten noch zu Sowjetzeiten erhalten hatte. Viele der Roten Direktoren nutzten ihren Einfluss, um Eigentum an Unternehmen zu erlangen.

Gewaltunternehmer: Wahlweise Sicherheitsbehörden, Mafia oder Sicherheitsfirmen, die Gewalt als Service anboten und daraus auf ständiger Basis Kapital schlugen.

Wie haben sich die ersten Unternehmer vernetzt?

Neben der Schattenwirtschaft und dem Komsomol gab es noch andere Kreise, ehemalige Militärs zum Beispiel. Als die Sowjetunion zerfiel, verließen viele das Militär und suchten nach einer neuen Beschäftigung. Die Sowjetoffiziere aus der DDR etwa zogen in verschiedene Städte Russlands und der GUS, bewahrten aber die Beziehungen, auf Grundlage derer sie später
Geschäfte machen konnten. Sie stiegen in den Handel oder die Bauwirtschaft ein. Das war ein neuer Schlag von Menschen.

Es gab aber auch die alten Kader, sogenannte rote Direktoren, die ihre Kompetenzen den neuen Bedingungen anpassen konnten.

Wie und warum entstand das Raub-Unternehmertum?

Die ersten Geschäftsleute aus 
Sowjetzeiten verließen sich nicht auf den Staat. Die Justiz war gelähmt. Die Sowjetunion kannte ja kein bürgerliches Recht, das den Anforderungen einer Marktwirtschaft entsprochen hätte. 

Man brauchte Institutionen, um Wirtschaftsstreits beilegen zu können. Diese wurden teils im kriminellen Milieu ausgetragen – nach ungeschriebenen Gesetzen, ähnlich dem Gewohnheitsrecht. Entscheidungen wurden nach primitiven Gerechtigkeitsstandards 
getroffen. Die Rolle des Richters, einer Respektsperson aus der 
Unterwelt, war zentral. 

In Russland haben viele noch immer eine negative Einstellung zu Unternehmern. Warum?

Die meisten Russen haben in den Neunzigern viel verloren. Verlierer bringen selten Sympathie für Gewinner auf, zumal diese sich nicht gerade in Bescheidenheit übten. Die ersten Unternehmer nannte man „neue Russen“. Das war praktisch ein Schimpfwort. 

Ein Wissenschaftler oder ein Offizier – angesehene Mitglieder der Gesellschaft zu Sowjetzeiten – 
hatten über Nacht alles verloren: Wohlstand und Ansehen. Sie mussten mit ansehen, wie andere Menschen zu enormem Reichtum gelangten. Diese anderen waren oft ungebildet, hatten keine Manieren, keinen Geschmack. Das alles resultierte naturgemäß in Feindschaft und Verachtung.

Welche sozialen Prozesse liefen danach ab?

Nach der ersten Aufteilung des Volkseigentums, der Privatisierung, behielten die ehemaligen Leiter von Volksbetrieben – rote Direktoren – die Oberhand. Sie kauften die Anteile an den Volksbetrieben von ihrer verarmten 
Belegschaft auf, sorgten aber auch dafür, dass die Betriebe am Leben blieben. 

In dieser Zeit kamen junge Unternehmer auf, die viel Geld verdienten. Die Phase der zweiten Aufteilung setzte ein. Neue Gruppen entstanden, die das Ruder aus der Hand der roten Direktoren an sich rissen und aus den lebensunfähigen Betrieben produktive 
Holdings machten.

Die Instrumente der zweiten Aufteilungsphase 1999 bis 2004 waren das Insolvenz- und Aktiengesellschaftsrecht, die Justiz- und Sicherheitsbehörden – staatliche wie private. 

Man sagt, die Fähigkeit, sich mit Beamten arrangieren zu können, wurde irgendwann zur Kernkompetenz.

Den Kampf zwischen Staat und Kapital gab es schon in den Neunzigern. Das war ein Kampf um Steuereinnahmen. Unternehmern war nicht klar, warum sie zahlen sollen, wenn sie darauf auch verzichten können. Ende der Neunziger-, Anfang der Zweitausenderjahre sprang die Weltkonjunktur an, die Rohstoffpreise stiegen. Das leere Staatssäckel füllte sich. Die Staatseinnahmen stiegen, ein effektiveres Steuersystem wurde eingeführt. Die Unternehmen gingen auf Annäherungskurs mit dem Staat. Die Allianz zwischen Unternehmern und Beamten wurde zu einer Erfolgsvoraussetzung. Kleinunternehmer einigten sich mit lokalen Polizisten, Mittelständler mit regionalen Machthabern, Großkonzerne mit der Staatsführung.

Was wurde aus dem Raub-Unternehmertum?

Die Gangster sind verschwunden – auf Friedhöfen oder in Gefängnissen. Andere wurden zu „sauberen“ Geschäftsleuten oder Abgeordneten regionaler Parlamente oder der Duma. Die Justiz ist in den Zweitausenderjahren erstarkt. Geschäftsleute werden nun von Anwälten vertreten, die Probleme nach dem BGB und nicht nach 
dem Ehrenkodex lösen. Teils bleibt das Raub-Unternehmertum noch den Sicherheitsbehörden vor
behalten.

Haben sich die Kompetenzen geändert, die ein Geschäftsmann für den Erfolg braucht?

Ja. Als Dmitrij Medwedjew 
Präsident war, wurde der Versuch 
unternommen, eine Modernisierung zu initiieren, eine Umorientierung auf die innovative Wirtschaft – um sich vom Öl unabhängig zu machen. Es wurde massiv für Startups geworben, Technologieparks und Innovationszentren entstanden.

Das alles ging 2011, während der Proteste der Bolotnaja-Bewegung, nahezu unter. Die sogenannte kreative Klasse wurde zum Synonym für politische Opposition. Der Staat besann sich auf die Formel zurück, dass es wirtschaftlichen Erfolg ohne Loyalität zur Macht nicht geben darf. Inzwischen hat der Staat weniger Spielraum. Das Ansehen des Staatskapitalismus und des Ölsektors hat gelitten. Es kommt eine neue Generation auf: Menschen, die eigene Projekte machen wollen, ohne politische Loyalität zum Ausdruck zu bringen.

Die ungekürzte Fassung erschien zuerst im Online-Magazin „Sekret Firmy“.

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