Russisch-Österreichisches Wirtschaftsforum: Es geht wieder aufwärts

22. November 2016 Andrei Zolotov, Jr.
Im Rahmen der Tagung des Österreichisch-Russischen Wirtschaftsrats in Wien konnten sich diesmal auch die russischen Regionen als Investitionsstandorte vorstellen. Das neue Format soll den gegenseitigen Sanktionen entgegenwirken und die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern stärken.
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Der Wirtschaftsrat tagte erstmals unter Beteiligung der Regionen. Quelle:Pressebild

Am vergangenen Freitag fand in Wien die turnusmäßige Tagung des Österreichisch-Russischen Wirtschaftsrats statt. In diesem Jahr kam dabei ein neues Format zum Einsatz. Das traditionelle Wirtschaftsforum, das halbjährlich durchgeführt wird, wurde dieses Mal zeitgleich mit dem Tag der Regionen durchgeführt. Dies ermöglichte es Vertretern der russischen Regionen, sich zu präsentieren und Kontakte mit österreichischen Geschäftsleuten zu knüpfen.

Die Veranstaltung begann mit Präsentationen der Gäste aus den Gebieten Tscheljabinsk, Pskow, dem Moskauer Umland, Lipezk, Nischnij Nowgorod, Tula, Smolensk und Samara sowie der Stadt Moskau und der Republik Tatarstan. Danach bekamen die 180 registrierten österreichischen Unternehmen die Gelegenheit, die russischen Vertreter in einer Art „Business Speed Dating“ kennenzulernen.

„Das war der Versuch, umfangreiche Kontakte herzustellen und das Interesse österreichischer Unternehmen an den russischen Regionen zu vergrößern. Es sind gegenwärtig die Regionen, die den Motor für den Ausweg aus der Rezession darstellen“, sagte Alexander Potjomkin, Vertriebsrepräsentant Russlands in Österreich, gegenüber RBTH.

Forderungen nach Aufhebung der Sanktionen

Laut Dmitrij Ljubinskij, russischer Botschafter in Österreich, ist der Fokus auf die Zusammenarbeit mit den Regionen eine der neuen Tendenzen in den russisch-österreichischen Beziehungen. Sie ermögliche es, den negativen Einfluss der gegenseitigen Sanktionen zwischen Russland und der Europäischen Union zu überwinden. Diese Sanktionen führten auch beim Handelsumsatz zwischen den beiden Ländern zu einem Rückgang, auch wenn dieser geringer ausfalle als der EU-Durchschnitt.

„Dass heute in Wien nicht nur die Tagung des Wirtschaftsrates, sondern auch der Tag der Regionen stattfindet, ist meiner Meinung nach ein sehr positives Zeichen. Wir sehen Perspektiven, wir begreifen diese Perspektiven und, was das Entscheidende ist, wir haben die gleiche Sicht darauf, wie wir uns weiterentwickeln wollen“, sagte Ljubinskij in seinem Vortrag.

Der Vizepräsident der Wirtschaftskammer Österreichs, Richard Schenz, betonte mehrmals den Standpunkt der Kammer zu den Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland und rief zu deren schrittweiser Aufhebung auf. „Man darf Russland nicht die ganze Schuld an den Ereignissen in der Ukraine zuweisen“, erklärte Schenz.

Österreichische Investoren sind wichtig für Russland

Der stellvertretende Vorsitzende der russischen Delegation und stellvertretende Generaldirektor der Staatskorporation Rostech, Wladimir Artjakow, erklärte, dass die Politik der russischen Regierung „auf die technologische Selbstständigkeit durch Gewinnung ausländischer Investoren, die zur Ansiedlung ihrer Hightech-Produktion auf dem Territorium der Russischen Föderation bereit sind, ausgerichtet“ sei. Österreichische Betriebe seien dabei aktiv an diesem Prozess beteiligt.

Gleichzeitig treten auch russische Investoren auf dem österreichischen Markt in Erscheinung. Inzwischen existieren in Österreich mehr als 1 000 Betriebe mit russischer Beteiligung. Neben den russischen Großunternehmen Gazprom, Lukoil und Rosneft haben auch die Russischen Eisenbahnen ein umfangreiches Projekt vor Ort gestartet. In Österreich sind zudem mit der WTB und der Sberbank auch russische Banken aktiv. Dabei habe die in Wien angesiedelte Sberbank Europe ein Kreditportfolio in Höhe von drei Milliarden US-Dollar aufgebaut, wie Artjakow mitteilte. Gleichzeitig gibt es in Russlands mehr als 3 000 Betriebe, die auf die eine oder andere Weise mit Österreich zusammenarbeiten.

Potjomkin berichtete zudem über große gemeinschaftliche Projekte. So werde im Dezember dieses Jahres die Vorbereitung für den Bau einer Gleisstrecke nach russischen Vorbild zwischen dem slowakischen Košice und Wien beginnen und bereits Anfang nächsten Jahres gehe das Projekt in die nächsten Etappen über – die Vorprojekterkundung, die Projektierung und anschließend auch den Bau der Breitspurtrasse. An diesem Großprojekt sind Österreich, die Slowakei, die Ukraine und Russland beteiligt. Bei den aktuellen Berechnungen werden dabei nicht nur das Verkehrsaufkommen zwischen Russland und der Europäischen Union, sondern auch den Frachttransport aus China berücksichtigt. „Von unserem Standpunkt aus wird das Projekt „Breitspur“ die effektivste Umsetzung der Transportroute der sogenannten „Großen Seidenstraße“ werden“, sagte Potjomkin.

„Leider kennt man in Europa nur Moskau“

Zu den bedeutendsten Gemeinschaftsprojekten gehört auch der Bau eines gemeinsamen russisch-österreichischen Werks für die Fertigung von Turbinen für Wasserkraftwerke im Gebiet Saratow. So soll das Werk, das vom österreichischen Unternehmen Voith Hydro gemeinsam mit dem russischen Konzern Rusgidro gebaut wird, bereits im ersten Halbjahr 2017 in Betrieb gehen. Das Sanierungsprogramm für Turbinen russischer Wasserkraftwerke sorgt für eine große Nachfrage, denn alleine in Saratow müssen 24 Turbinen ausgetauscht werden.

Als weiteres Beispiel nannte Potjomkin das österreichische Unternehmen Backaldrin, das in Stupino, einer Stadt in der Nähe Moskaus, rund zehn Millionen Euro in den Aufbau einer Sauerteigfertigung investiert.

Denis Buzajew, Minister für Investitionen und Innovationen des Moskauer Gebiets, der seine Region präsentierte, beschrieb das Forum in seiner neuen Form gegenüber RBTH „mächtiges und notwendiges Ereignis“.

„Leider kennt man in Europa nur Moskau, vielleicht auch noch Tatarsta. Doch die heutige Veranstaltung lässt die Menschen im Ausland erfahren, dass es bei uns 85 Regionen gibt. Und keine davon gleicht den anderen, jede hat ihre eigenen Vorzüge“, sagte Buzajew.

„Um Geschäfte zu machen, braucht man Informationen. Diese Informationen wurden heute hier gegeben. Und da können sich die Unternehmer, die hier zahlreich vertreten waren, ein Bild machen“, sagte Dietmar Fellner, Regionalmanager von Außenwirtschaft Austria. „Dazu können sie die Möglichkeiten nutzen, direkt mit russischen Geschäftspartnern zu sprechen. Ein Geschäft oder einen Vertrag kann man nicht von oben verordnen. Ein Geschäft muss freiwillig zustande kommen und daher sind diese Veranstaltungen von großem Nutzen und Vorteil“, fügte er hinzu.

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