Grigorij Wygon: „Die Nachfrage aus Europa nach russischem Gas bleibt hoch“

23. Dezember 2016 Ksenija Iljinskaja
Grigorij Wygon, geschäftsführender Direktor von VygonConsulting, über den Einfluss niedriger Ölpreise auf russische Öl- und Gasproduzenten sowie deren Perspektiven auf dem europäischen Markt.

Foto: Maxim Blinov/Ria NovostiFoto: Maxim Blinov/Ria Novosti

Wie haben russische Unternehmen im Energiesektor den Preisverfall bei Energieträgern verkraftet?

Russische Unternehmen haben den Ölpreisverfall verhältnismäßig leicht überstanden. Im Förder
sektor ist er nahezu unbemerkt 
geblieben. Das hängt maßgeblich mit zwei Faktoren zusammen. Erstens: Die Besteuerung des russischen Ölsektors zeichnet sich dadurch aus, dass größtenteils Umsatzsteuern erhoben werden, die an den Ölpreis gekoppelt sind. Preisschwankungen werden durch Veränderungen in der Steuerbelastung zu rund 80 Prozent ausgeglichen.

Zahlen

62,9 Mrd. Euro
betrug der Export von Ölprodukten wie Benzin oder Diesel aus der Russischen Föderation im Jahr 2015.

Zweitens: Mit dem Ölpreisverfall ging die Abwertung des Rubels einher. Russische Konzerne rechnen die Produktionskosten größtenteils in Rubel ab. Auch hier ist also ein Kompensationseffekt eingetreten. Die Rendite des Fördersektors ist, in Rubel gemessen, praktisch unverändert geblieben – trotz der Halbierung in Dollar. Das gilt größtenteils auch für den Gassektor. Dort ist der Effekt noch größer, denn in Europa, wohin russisches Gas geliefert wird, hat der Preisverfall – aufgrund der Besonderheiten in der Preisbildung – mit einer Verzögerung von sechs bis neun Monaten eingesetzt. Und in Russland werden die Binnenpreise auf Gas reguliert und indexiert, sodass es hier überhaupt keinen Preisrückgang gab.

In der Ölverarbeitung ist die Situation freilich komplizierter: Russische Raffinerien erhalten einen Zollzuschuss – die Differenz zwischen Ausfuhrzöllen je auf Rohöl und Ölprodukte. Dieser geht mit sinkenden Ölpreisen ebenfalls runter. Mit dem Preisverfall hat sich der Zuschuss also halbiert. Das hat zum deutlichen Rückgang der Verarbeitungsmarge geführt, das operative Ergebnis einiger Raffinerien fiel negativ aus.


Wie wettbewerbsfähig sind die russischen Konzerne im globalen Vergleich?

Bei den Förderkosten zählen unsere Unternehmen zu den weltweit wettbewerbsstärksten. In einem vertikal integrierten Konzern liegen die durchschnittlichen Förderkosten bei 2,7 US-Dollar je Barrel – ein mit den Förderkosten am Persischen Golf vergleichbarer Wert. Was die gesicherten Reserven und die Perspektiven neuer Ressourcen angeht, sind sie in einer besseren Lage als die größten transnationalen Player. Dieser Konkurrenzvorteil ist durch Wirtschafts-, 
Finanz- und Technologie-Sanktionen jedoch verringert worden. Die US-amerikanische und die europäischen Regierungen haben diskriminierende Hürden für russische Konzerne aufgebaut, ihnen den Zugang zu Kapital und Technologien erschwert. Akut ist das Problem nicht, russische Unternehmen werden damit fertig: Die Importsubstitution wird aktiv vorangetrieben, die Sanktionen werden 
früher oder später aufgehoben.


Was erwartet die russischen Unternehmen künftig auf europäischen Märkten? Werden sie die Positionen halten oder gar ausbauen können?

Russland steigert derzeit die Ausfuhr hochwertiger Ölprodukte – allen voran Dieseltreibstoff der Klasse V – und fährt den Export von Halbfabrikaten wie schweres Heizöl und Gasöl zurück. Unsere Ölkonzerne werden deshalb zunehmend um den Endverbraucher konkurrieren müssen. In Europa hat dies bereits die Dieselpreise und somit die Verarbeitungsmarge gedrückt. Andererseits geraten europäische Raffinerien dadurch in eine schwierigere Lage, weil das Rohöl für sie zunehmend knapp wird.

Was das Gas angeht, werden die Lieferungen von Gazprom stabil bleiben. Wir glauben an die Umsetzung von Nord Stream 2, an die Auslastung der Opal und an den Bau zweier Stränge des Turkish Stream. Der Gastransit an der 
Ukraine vorbei wird realisiert und das russische Gas in Europa weiterhin stark nachgefragt werden – wegen des Rückgangs der heimischen Produktion. Langfristig erwarten wir eine Liberalisierung des Pipeline-Exports in Russland. Das wird den unabhängigen Produzenten den Zugang zu europäischen Märkten eröffnen. Das russische Gas wird für Europa günstiger bleiben als Flüssiggas aus den Vereinigten Staaten. Unsere Anteile am europäischen Markt werden aus wirtschaftlichen Gründen wachsen, trotz politischer Widerstände mancher EU-Mitglieder.

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