Gas für Europa, Öl für die Welt: Russlands Konzerne trotzen der Krise

27. Dezember 2016 Tamara Wojewodina
Seit zwei Jahren kämpfen Russlands Energiekonzerne mit einer schweren Krise. Die Preise sind niedrig, Technologien teuer. Dennoch stehen russische Firmen im Vergleich zur Konkurrenz passabel da und hoffen auf einen Anstieg der Preise.

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Am Ende scheint das Jahr doch noch versöhnlich zu enden für Russlands Energiebranche. Ende November einigten sich die Opec-Mitglieder auf eine Kürzung ihrer Förderung, Russland gelobt mitzumachen. Nicht nur die Ölpreise, sondern auch der russische Rubel schossen in die Höhe. Nur einige Tage zuvor hatte Gazprom zusammen mit der Bundesnetzagentur und der Opal-Transportgesellschaft einen neuen Vergleichsvertrag unterzeichnet, der dem russischen Gasexporteur erlaubt, bis zu 90 Prozent der Nord-Stream-Verlängerung auf deutschem Boden zu nutzen. Bisher erlaubten EU-Gesetze den Russen, lediglich 50 Prozent der Kapazität auszuschöpfen, weshalb auch die teure Nord-Stream-Röhre teilweise leer stand. Doch die EU-Kommission lenkte nach ei-nem jahrelangen Tauziehen ein und machte den Weg für einen neu-en Vertrag frei. Bereits in absehbarer Zukunft könnte nunmehr russisches Gas von Wyborg nach Greifswald fließen. Höhere Ölpreise und mehr Gas für Europa – da-mit kommt Russland seinen zwei wichtigsten Zielen immer näher: Stabilität auf dem Ölmarkt und eine effektive Verteidigung der Anteile auf Europas Gasmarkt.

Trotzdem können diese beiden Erfolge nicht darüber hinwegtäuschen, dass die vergangenen Monate auch Russlands Energiewirtschaft kräftig gebeutelt haben. So ist der Export beim Öl im ersten Halbjahr 2016 von 48 auf 33 Milliarden US-Dollar gesunken, der Export von Gas in der gleichen Zeit von 22 auf 15 Milliarden Dollar. Dabei pumpen die Exporteure so viel Erdöl und Gas über die russische Grenze wie lange nicht mehr. Im November stellten Russlands Ölförderer mit täglich 11,2 Milliarden geförderten Barrel pro Tag einen historischen Rekord in Russlands jüngster Geschichte auf. Auch Gazprom erreichte in Sachen Export nach Europa wieder Rekordhöchststände. Allein die Exporte nach Deutschland legten nach Konzernangaben in den ersten zehn Monaten um 7,5 Prozent zu, nach Europa insgesamt um zehn Prozent. Damit hat Gazprom im laufenden Jahr seinen Marktanteil am europäischen Gasmarkt von 30 auf 33 Prozent erhöht.

So schwankt der Rubel in Abhängigkeit vom Ölpreis

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Gazprom gerät ins Straucheln

Die Gründe dafür sind vielfältig. Unter anderem weil der europäische Markt für Flüssiggas verglichen mit Asien noch nicht attraktiv genug ist, schließlich kassieren Händler in Fernost noch immer einen Aufschlag. Was jedoch noch viel wichtiger ist, sind die niedrigen Preise, die die Russen für das Gas verlangen. Das dritte Jahr in Folge ist der durchschnittliche Preis für 1 000 Kubikmeter Gas gesunken, von 380 Dollar im Jahr 2014 auf 250 im vergangenen und auf 175 US-Dollar im laufenden Jahr. Der wachsende Export könne die fallenden Preise nicht wettmachen, meint Dimitri Marinchenko von der Agentur Fitch Rating. Bei den aktuellen Preisen kassiere Gazprom pro 1 000 Kubikmeter exportiertem Gas weniger als 50 Euro Gewinn. Im vergangenen Jahr lag der Wert noch doppelt so hoch. Das hat dazu geführt, dass das einstige Vorzeigeunternehmen Gazprom immer mehr ins Hintertreffen gerät. Noch vor zwei Jahren stand der Riesenkonzern an der Spitze aller russischen Unternehmen, gemessen an der Marktkapitalisierung. Doch im Frühjahr löste Rosneft, der staatliche Ölkonzern, der einst auf den Trümmern des Jukos-Imperiums entstand, Gazprom als größtes Unternehmen des Landes ab.

Innerhalb weniger Monate verlor der Gasriese, ähnlich wie die Konkurrenz aus dem Gassektor, einen großen Teil seiner Gewinne. Nach Unternehmensangaben haben sich die Profite des Exportmonopolisten im laufenden Jahr auf etwa 1,1 Milliarden Euro mehr als halbiert. Zudemmusste das Unternehmen auch seine Förderprognose im laufenden Jahr nach unten korrigieren. Während Gazprom-Manager noch vor wenigen Monaten mit einem Plus von über acht Prozent rechneten, prognostizieren sie nun zum Jahresende ein Minus von mehr als zwei Prozent. Mit 410 Milliarden Kubikmeter Gas fördert das Unternehmen so wenig wie seit 2006 nicht mehr – insbesondere auf dem Heimatmarkt, wo Gazprom im Gegensatz zum Export kein Monopol besitzt.

Weil früher die Exportpreise ein Vielfaches höher waren als im Inland, musste sich das Unternehmen nicht mit anderen Konkurrenten streiten. Wegen des Preisverfalls ist der Unterschied zwischen Export und Binnenmarkt stark geschrumpft. Heute liegen die Exportpreise nur noch 40 Prozent höher als in Russland. Entsprechend wichtiger wird der Heimatmarkt. Konkurrenten wie der private Förderer Novatek jagen dem Exportmonopolisten wichtige Industriekunden ab. Auch in Sachen Export wackeln die Konkurrenten am Thron des Branchenprimus. So schrieb Novatek-CEO Leonid Michelson einen Brief an die Regierung des Landes, in dem er freien Zugang zu Exportmärkten forderte. Nicht wenige Branchenkenner glauben, dass die Auflösung von Gazproms Monopol nur eine Frage der Zeit ist.

Ölkonzerne fühlen sich wohler als internationale Konkurrenz

Anders als in der Gasbranche fühlen sich die Ölhersteller trotz Krise durchaus wohl. „Den meisten Konzernen in Russland geht es ausgezeichnet“, erklärt Andrej Polischtschuk, der für die Raiffeisenbank in Moskau die Energiemärkte unter die Lupe nimmt. Das Steuersystem ist so ausgelegt, dass der Staat in guten Zeiten einen Löwenanteil der Gewinne kassiert, in schlechten Zeiten jedoch fast das volle Risiko eines Preissturzes abbekommt. „Liegt der Ölpreis bei 40 US-Dollar pro Barrel, bekommen Russlands Exporteure etwa 22 Dollar. Steigt der Preis auf 100 Dollar, kassieren die Exporteure lediglich etwa 35 Dollar pro Fass, während der Rest jeweils beim Finanzamt landet“, rechnet Mikhail Krutikhin vom Branchendienst Rusenergy vor. Entsprechend geringer waren die Gewinneinbrüche der Ölkonzerne. So verzeichnete Rosneft in den ersten neun Monaten einen Gewinn von rund fünf Milliarden Euro – ein Einbruch von lediglich 13 Prozent. Gazpromneft, ein staatlicher Konkurrent, fuhr ein Ergebnis vor Steuern von vier Milliarden Euro ein – ein Plus von fünf Prozent.

Die Konkurrenzfähigkeit russischer Konzerne sei hoch, erklärt Krutikhin. Die Kosten sind wegen der Rubelabwertung gesunken, gleichzeitig hätten die Konzerne, anders als große Teile der internationalen Konkurrenz, kaum Probleme mit der Anpassung an das niedrigere Preislevel gehabt.

Doch weil die Regierung nun viel weniger Überschüsse aus der Branche absahnen kann, reifte im Kabinett von Dimitrij Medwedjew die Entscheidung, Teile des Tafelsilbers zu verkaufen. Vor wenigen Wochen sorgte die Übernahme von Baschneft für Turbulenzen, als nach einem Tauziehen Rosneft als Käufer zuschlagen durfte, obwohl das Unternehmen selbst in staatlicher Hand ist. Die nächste Mammutaufgabe dürfte darin liegen, einen geeigneten Käufer für etwa ein Fünftel der Rosneft-Anteile zu finden.

Russlands Energieprojekte

Nord Stream 2

Seit Jahren strebt Russland danach, sich beim Gasexport nach Europa von Transitländern unabhängig zu machen. Vor einigen Jahren wurde dafür die erste Ostsee-Pipeline gebaut. Mit dem Projekt Nord Stream 2 soll die Kapazität durch einen zweiten, parallelen Strang verdoppelt werden. Die Röhren sollen von Ust-Luga bei Sankt Petersburg nach Greifswald verlaufen und den Transport von bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas ermöglichen. Das Vorhaben wird stark von der Opposition in Deutschland sowie den Regierungen der osteuropäischen Länder kritisiert. Befürchtet wird der Verlust der Transitgebühren und ein noch stärkerer Einfluss seitens russischer Gaskonzerne. Dagegen unterstützt nicht nur die Bundesregierung das Projekt, sondern auch die beiden deutschen Energiekonzerne Wintershall und Uniper.

Turkish Stream

Ursprünglich wollte Russland eine Pipeline durch das Schwarze Meer nach Bulgarien bauen. Doch weil Bulgarien seine Teilnahme zurückzog, schwenkte Gazprom auf die Türkei als möglichen Partner um. Insgesamt sind zwei Stränge mit einer Gesamtkapazität von gut 30 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahrgeplant, die vom russischen Anapa in den europäischen Teil der Türkei verlaufen werden. Zu den Hauptabnehmern sollen wiederum Kunden in Europa und die Türkei selbst gehören. Anfang Dezember hatte der türkische Präsident Erdoğan einen entsprechenden Vertrag mit Russland abgesegnet. Der eigentliche Bau der Pipeline soll nach Angaben von Gazprom in der zweiten Jahreshälfte des kommenden Jahres beginnen. Die Gesamtkosten für das Vorhaben werden derweil auf über elf Milliarden Euro beziffert.

Yamal LNG

Flüssiggas von der Jamal-Halbinsel soll Russland auf den LNG-Markt zum Erfolg führen. Dazu investiert der russische Gasförderer Yamal zusammen mit Partnern aus China rund 25 Milliarden US-Dollar in Förderung, Verarbeitung und Infrastruktur des Projekts. Pro Jahr sollten über 16 Millionen Tonnen Flüssiggas per Schiff zu Abnehmern in Asien über die Nordostpassage an Russlands Nordküste entlang transportiert werden. Dazu haben die Betreiber bereits mehrere Tanker im Wert von über zwei Milliarden Dollar bestellt. Darüber hinaus entstehen auf der Halbinsel ein neuer See- und Flughafen. Die Anlagen von Yamal LNG sollen bereits ab dem kommenden Jahr in Betrieb gehen. Russland will dadurch seinen Marktanteil am Welthandel mit Flüssiggas von derzeit unter fünf Prozent mittelfristig auf etwa zehn Prozent anheben.

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