Tinder als Fintech: Suretly mischt die Kreditvergabe auf

19. April 2017 Swetlana Archangelskaja
Bei Suretly bürgen Nutzer für fremde Menschen, die einen Kredit beantragen wollen. Dahinter steht das Konzept „Crowdvoiching“ – wer die Kreditwürdigkeit eines Antragstellers richtig einschätzt, erhält eine Provision. Seine Kleinkredit-Revolution erprobt das russische Start-up derzeit in den USA.
Surety
Die App vermittelt Darlehen über Bürgschaften. Quelle:Press photo

Auf dem Handy erscheint das Foto eines Fremden. Würden Sie dieser Person ein Darlehen geben? Ein Swype nach rechts – ja, würden Sie. Ein Swype nach links – nein. Was stark an die beliebte Dating-App Tinder erinnert, nennt sich „Suretly“ und ist eine Finanz-App, die aus Nutzern Bürgen für Kreditnehmer macht.

Dahinter steht das Konzept „Crowdvoiching“, erfunden von Jewgenij Lobatschew aus Russland. Und es funktioniert so: Unterstützen genügend Nutzer den Antrag eines Kreditnehmers, zahlt ein Geldinstitut das Darlehen an diesen aus. Zahlt der Kreditnehmer das Geld zurück, erhalten die Vermittler eine Provision, wenn nicht, müssen sie für den Zahlungsausfall bürgen.

Die App vermittelt ausschließlich Kleinkredite mit einer sehr kurzen Laufzeit von bis zu einem Monat zu Spitzenzinssätzen. Indem das Geld von Finanzinstituten ausgezahlt wird, unterscheidet sich dieses System von dem in den USA verbreiteten Peer-to-Peer-Konzept. Suretly wurde von russischen Entwicklern im Sommer vergangenen Jahres programmiert und wird seit diesem Frühjahr auf dem US-amerikanischen Markt getestet.

Kreditvergabe nach Sympathie?  

Suretly / Press Photo Suretly / Press Photo

Die Entscheidung, ob jemand kreditwürdig ist, müssen die potenziellen Bürgen aber nicht allein vom Foto des Antragstellers abhängig machen – zu jeder Person wird auch ihre Vita mitsamt Kreditvergangenheit angezeigt.

Das Darlehen wird von einem Bankinstitut für Kleinkredite ausbezahlt, bei der der Kreditnehmer einen Antrag gestellt hat – aber nur, wenn er genug Bürgschaften hat, um die ganze Summe mitsamt Prozenten zu decken. Die Suretly-Nutzer teilen auf diese Art und Weise die Risiken: Abhängig davon, ob der Antragsteller den Kredit zurückbezahlt oder nicht, erhalten oder verlieren sie zwischen einem und zehn US-Dollar.

Die App teilt die Antragsteller nach ihrer Kreditwürdigkeit in sieben Kategorien von A bis G ein. Dabei gilt: Je höher das Risiko, desto höher der Zinssatz für die Bürgschaft. Die maximale Provision beträgt 1,50 US-Dollar.

„Unsere Zielgruppe sind risikofreudige Spieler. Am populärsten sind Bürgschaften für Antragsteller mit mittelmäßigem Risiko und mittlerem Einkommen. Danach folgen Bürgschaften für die schwächsten Antragsteller – dort kann man das meiste Geld rausbekommen“, erklärt App-Gründer Jewgenij Lobatschew.

Und das Konzept scheint sich zu lohnen: „Wir haben gemerkt, dass die Anzahl der zahlungsunfähigen Kreditnehmer bei Suretly um zwei bis drei Prozent niedriger ist als im Durchschnitt“, sagt Lobatschew. Er macht dafür einen erhöhten moralischen Druck verantwortlich: „Ein Darlehen von irgendeiner Bank zu bekommen – das ist eine Sache. Aber wenn zehn bis 20 Leute für dich bürgen – das ist schon eine größere persönliche Verantwortung“, erklärt Lobatschew.   

Auf dem Weg zu einer Kleinkredit-Revolution

Suretly / Press Photo Suretly / Press Photo

Der Name „Suretly“ lässt sich auf zwei englische Begriffe zurückführen: „surety“ für „Bürgschaft“ und „surely“ für „sicher“. Das Team sitzt in New York, Moskau und Nowosibirsk.

„Suretly liefert eine einfache Lösung, die allerdings schon lange auf der Hand lag, so wie Uber. Ich denke, die App hat gute Perspektiven in Lateinamerika, Afrika und Asien“, sagt Jekaterina Doroshkina, Mitgründerin und geschäftsführende Gesellschafterin von Starta Accelerator in New York, an dessen Programm das russische Start-up teilnimmt.  

Laut Jewgenij Lobatschew hat jeder Antragsteller ungeachtet seiner Kreditvergangenheit mit Suretly die Möglichkeit, Geld zu einem niedrigeren Zinssatz zu bekommen. Würden sich die Kreditnehmer direkt an eine Bank wenden, wäre das sicherlich anders. Außerdem könnten Kunden mit negativer Bonität ihre Kreditwürdigkeit verbessern und später wieder Kreditdienstleistungen mit niedrigen Zinssätzen angeboten bekommen.

Für den Bürgen ist die App eine Alternative zur Investition. Und für den Kreditgeber eine Möglichkeit, mehr Darlehen zu vergeben und an Mahnungen zu sparen, weil er sein Geld garantiert zurückbekommt.

Suretly ist auf Google Play und im App Store verfügbar. Zurzeit gibt es eine Demoversion mit Lernfunktion. Das Guthaben lässt sich mit einem Klick aufladen.

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