IT statt Waffen – Russlands neue Exportschlager

20. April 2017 Alexej Grammattschikow
Das Exportvolumen von russischen IT-Lösungen hat mit aktuell 7,17 Milliarden Euro einen neuen Höchststand erzielt – das ist fast dreimal so viel wie noch vor acht Jahren. Allmählich verlagern die Entwickler ihr Engagement von den traditionellen Märkten USA und Europa nach Asien und Lateinamerika.
Software developers at work.
Millionen Anwender weltweit setzten auf russische Entwicklungen. Quelle:Getty Images

Noch während seines Studiums an der Moskauer Lomonossow-Universität entwickelte Andrej Swiridenko mit einem Kommilitonen eine Software, die mittels künstlicher Intelligenz medizinische Diagnosen erstellen konnte. Ein Auslandssemester in Heidelberg nutzte der junge Unternehmer, um Käufer für sein Produkt zu finden. Er klapperte mit seinem Fahrrad die umliegenden Computerfirmen ab – und hatte Glück: Eine von ihnen, die GTS GmbH, kaufte eine Lizenz. Es war das Jahr 1990 und der Grundstein für Andrejs Unternehmen.

Heute ist die Spirit DSP einer der Marktführer von Softwareprodukten für IP-Kommunikation im Bereich eingebetteter Systeme. Die Unternehmenslösungen für Videoanrufe beispielsweise werden von mehr als 60 Prozent der Smartphone-Produzenten weltweit genutzt, darunter von Apple und Samsung. Andere Kunden sind Onlinedienste wie Skype und Viber sowie einige der weltweit größten Telekommunikationsunternehmen wie ATAT&T, China Mobile und die Korea Telecom.

Spirit ist nur eines von vielen erfolgreichen russischen Exportunternehmen. Nach Angaben des Verbands russischer Softwareproduzenten Russoft ist der Umsatz mit Software made in Russia im Ausland in den vergangenen sieben Jahren auf das Dreifache gestiegen: von 2,55 Milliarden Euro im Jahr 2009 auf 7,17 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: Das Volumen der ertragreichsten russischen Exportsparte, der Rüstungsindustrie, wird gegenwärtig auf 14,15 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Dem billigen Rubel sei Dank

In mehr als 60 Ländern der Welt finden die Virtualisierungslösungen von Parallels Anwendung, wie Konzern-Vizechef Nikolaj Dobrowolskij im Gespräch mit RBTH erklärt. 45 Prozent finden in Nordamerika – vor allem in den USA – Absatz, 40 Prozent in der EU – hier sind die wichtigsten Märkte Deutschland und Großbritannien. Der Rest entfällt auf Asien, vor allem Japan. Parallels Desktop für Mac wird zum Beispiel von über fünf Millionen Anwendern weltweit genutzt.

„Der Absturz des Rubels im Jahr 2014 verlieh den russischen Softwareschmieden einen bedeutenden Vorteil auf den internationalen Märkten“, sagt Dobrowolskij. „Es ist profitabel geworden, Software in Russland zu entwickeln. Preismäßig können wir durchaus mit Indien und China konkurrieren, wobei unsere Programmierer traditionell stärker sind“, erklärt der Top-Manager. Dem Anwender sei es heutzutage gleichgültig, aus welchem Land eine Software stamme, betont Dobrowolskij: „Viel wichtiger ist, dass das Produkt einfach, verständlich und bequem ist. Parallels, Abbyy, Kaspersky und Acronis sind ein gutes Beispiel dafür.“

Das Unternehmen Kibernika, das im Ausland IT-Sicherheitslösungen unter dem Namen „Cybrus“ anbietet, erweitert zurzeit aktiv seinen Absatzmarkt. „Wir sind in Malaysia, Vietnam und Thailand präsent“, sagt Unternehmenschef Andrej Ostschepkow. „Der asiatische Markt ist für uns sehr aussichtsreich. Wir planen, diese Richtung in den kommenden Jahren auszubauen.“

IT-Stars und diskrete Marktführer

Nach Angaben von Russoft geht die Zahl der russischen IT-Exporteure bereits in die Hunderte. Die größten von ihnen sind Kaspersky Lab, Luxoft, Parallels, Abbyy, Acronis, Cboss, Cognitive Technoligies, Prognos, SKB Kontur, Veeam und Spirit.

Im mittleren Segment stechen DataArt, Diasoft, Dr. Web, Epam Systems, Prognoz, Positive Technologies und RTSoft hervor. Von den Exporteuren russischer Nischensoftware sind vor allem Unternehmen wie Arcadia, Ascon, Auriga, Galactica, Group-IB, Info Watch, Naumen, Paragon und Kibernika nennenswert.

Hacker und Politik sind schlecht fürs Geschäft

Für die russische Wirtschaft ist klar, dass das hohe Niveau der IT-Ausbildung in Russland ausschlaggebend für ihren Exporterfolg ist. Allerdings wird die Euphorie durch die politischen Spannungen gedämpft.

„Der russische IT-Export leidet unter dem schlechten Image des Landes“, klagt Maxim Michaljew, bei der Unternehmensgruppe Custis verantwortlich für die Geschäftsentwicklung. „Die russischen Hackerattacken, die Erklärungen der Politik und die Sanktionen zwingen uns, über die für den russischen Export traditionellen Märkte der USA und Europas hinaus auch Asien, Lateinamerika und andere Regionen ins Auge zu fassen. Dort ist man russischen Unternehmen gegenüber aufgeschlossener“, sagt Michaljew.

Abbyy, ein führender Entwickler von Texterkennungssoftware, hat ein Büro in Dubai eröffnet und möchte seinen Export in den Nahen Osten ausbauen. Die auf Sicherheitssysteme entwickelte Firma Info Watch hat damit begonnen, den Markt Lateinamerika zu erschließen, unter anderem Kolumbien und Peru. Die Unternehmensgruppe Terrasoft, die sich auf die Entwicklung von Marketingmanagement-Plattformen spezialisiert hat, hat Vertretungen in Singapur und Australien gegründet.

Der russische Staat fördert seine IT-Exporteure. So erhalten die Unternehmen Vergünstigungen in Form von Steuervorteilen und günstigeren Versicherungsbeiträgen. Erst vor Kurzem kündigte das russische Ministerium für Telekommunikation und Massenmedien an, weitere Beihilfen gewähren zu wollen, beispielsweise Zuschüsse für die Entwicklung von Systemsoftwareprodukten, günstige Fremdfinanzierung für IT-Unternehmen sowie Kofinanzierung für einen Teil der Marketingausgaben, darunter die Organisation von Ausstellungen, Konferenzen und anderen Vertriebsmaßnahmen.

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