Gewänder und Gewehre: Das Museum Moskauer Kreml

Jelena Gagarina, Generaldirektorin des Staatlichen Kulturhistorischen Museums Moskauer Kreml, stellt im Interview mit der „Nesawisimaja gaseta“ die Erweiterungspläne für das Museum vor und verrät, warum beim Aufbau einer Sammlung heute schon an morgen gedacht werden muss.

„Nesawisimaja Gaseta“:  Frau Gagarina, welche Ausstellungen planen Sie zurzeit?

Jelena Gagarina: Bis zum Ende des Sommers läuft die Ausstellung „Ritterorden Europas“, danach beginnen wir mit der Vorbereitung der Säle für ein Projekt über Boris Godunow (russischer Zar von 1598 bis 1605, Anm. d. Red.). Das Thema Godunow, so könnte man meinen, ist bereits gut erforscht. Tatsächlich aber weiß man über seine Zeit noch längst nicht alles. Wir haben für die Ausstellung Exponate aus ganz Russland zusammengetragen.

Hat die Wirtschaftskrise Auswirkungen auf das Budget des Museums?

Wir mussten unsere Ausgaben um zehn Prozent reduzieren, das ist viel. Aber unsere wichtigsten Sponsoren sind uns zum Glück treu geblieben. Es trifft uns nicht so hart wie andere Museen, vor allem die kleineren außerhalb der großen Städte. Den Kreml wollen weiterhin alle sehen, unsere Besucherzahlen lagen vor der Krise bei jährlich etwa zwei Millionen und daran hat sich nichts geändert.

Derzeit haben Sie wenig Platz für Sonderausstellungen. Im Frühjahr dieses Jahres wurde ein Erlass unterzeichnet, der Ihnen ein Gebäude am Roten Platz zusichert. Wurde dort schon mit dem Umbau begonnen?

Durch den Erlass des Präsidenten steht uns das Gebäude der Mittleren Handelsreihen am Roten Platz zur Verfügung. Die Sanierungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen. Wir wollen einen Teil der Dauerausstellung dorthin auslagern und die Räume ansonsten für Sonderausstellungen, Restaurierungswerkstätten und unser Museumsdepot nutzen. Unsere Mitarbeiter werden die Räumlichkeiten im Kreml verlassen, die dann der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Heute sind unsere Büros, Werkstätten und Depots nämlich in Denkmälern aus dem 15. bis 19. Jahrhundert untergebracht, die besser genutzt werden könnten. Ein Teil unseres Bestands zum Beispiel lagern wir in den Emporen der Mariä-Entschlafens-Kathedrale, wo es wunderschöne Fresken gibt, und im Philaret-Anbau des Glockenturms Iwan der Große, wo ebenfalls Ausmalungen erhalten sind.

Die Kremlbesucher sind neben den Ausstellungen sicherlich vor allem an der Architektur interessiert. Wie stehen Sie zum Staatlichen Kremlpalast als Teil dieses architektonischen Ensembles?

Ich halte es für sinnlos, darüber zu sprechen, was in den 1960er-Jahren getan wurde. Es ist sehr bedauerlich, dass auf dem Gelände des heutigen Kremlpalastes die alte Rüstkammer von Iwan Jegotow abgerissen wurde oder auch die Erlöserkirche am Walde, die einem Anbau der Nordfassade des Großen Kremlpalastes weichen musste. Aber die Geschichte kennt keinen Konjunktiv. Wir können später, wenn ein Denkmal zerstört wurde, an seiner Stelle nur ein neues Bauwerk errichten. Der Kreml gehört zum Unesco-Welterbe, der Staatliche Kremlpalast ist ein Teil von ihm. 

Man könnte meinen, die Sammlung der Kremlmuseen sei nun vollständig und endgültig. Sie wollen den Bestand dennoch erweitern ...

Die Sammlung steht natürlich, das ist die Schatzkammer des russischen Hofes, anfangs der Fürsten, später der Großfürsten und schließlich der Zaren. Aber wir versuchen dennoch, diese Sammlungen zu erweitern. Wir kaufen außerdem byzantinische Arbeiten, wenn wir die Gelegenheit dazu haben, was sehr selten der Fall ist. Wir bauen unsere Ikonensammlung aus, dabei sei erwähnt, dass die Ikonensammlung des Kremls weltweit einzigartig ist.  Gelegentlich erwerben wir auch Gewänder, die bei der Inthronisation unserer Monarchen getragen wurden. Wir erweitern unsere Ordensammlung und sorgen für eine Weiterentwicklung unserer modernen Bestände an Waffen und Schmuckkunst.

Woher haben Sie die Waffen?

Die Ischmasch-Werke haben uns einen kompletten Satz an Kalaschnikows überlassen, das ist unsere jüngste Sammlung. Jetzt wollen wir bei der Kreml-Kommandantur dafür werben, uns Paradewaffen und eine Uniform des Präsidentenregiments zu überlassen. Manchmal scheinen  in der Gegenwart verwendete Dinge noch keinen besonderen Wert zu haben, aber fünfzig Jahre später kann sich das schon geändert haben, wenn es sie nirgendwo mehr gibt.

Die ungekürzte Fassung des Interviews erschien bei „Nesawisimaja Gaseta“.

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