Russisches Gas: Steht der „Turkish Stream“ vor dem Aus?

 „Turkish Stream“ steht offenbar auf der Kippe. Auf dem Bild: Der Türkei-Energieminister Taner Yildiz (L)  und Gazprom-Chef Alexej Miller im Februar 2015.

„Turkish Stream“ steht offenbar auf der Kippe. Auf dem Bild: Der Türkei-Energieminister Taner Yildiz (L) und Gazprom-Chef Alexej Miller im Februar 2015.

Getty Images/Fotobank
Steht nach dem South-Stream-Projekt auch der Bau der Pipeline „Turkish Stream“ vor dem Aus? Gazprom plant laut Medienberichten nur noch mit der Hälfte der ursprünglich angedachten Liefermengen und soll die Arbeiten an Zuleitungen bereits eingestellt haben.

Der russische Gaskonzern Gazprom will die Kapazitäten der geplanten Pipeline „Turkish Stream“ um die Hälfte kürzen. Nur noch 32 Milliarden Kubikmeter Gas sollen jährlich durch die Pipeline aus Russland in die Türkei und weiter in südeuropäische Länder geliefert werden. Deshalb hat Gazprom Berichten der russischen Wirtschaftszeitung „Kommersant“ zufolge den Bau des sogenannten Südkorridors der Pipeline auf russischem Territorium teilweise auf Eis gelegt. Ursprünglich war der östliche Strang des Südkorridors als Zuleitung für den „Turkish Stream“ geplant. Marktbeobachter gehen nun davon aus, dass dieser kaum mehr als eine lokale Bedeutung haben wird. Als Alternative für Gaslieferungen nach Europa könnte Gazprom die Ostsee-Pipeline Nord Stream ausbauen. 

 

Gazprom kündigt Subunternehmer

Ursprünglich sollte der Südkorridor an die Pipeline „South Stream“ angeschlossen werden, um so russisches Gas über einen Unterwasserabschnitt durch das Schwarze Meer bis nach Bulgarien zu transportieren. Das South-Stream-Projekt wurde von der russischen Regierung jedoch Ende vergangenen Jahres gekippt. Die bereits fertiggestellten Abschnitte sollten nun die Zuleitungen für den „Turkish Stream“ werden.

Die Arbeiten am Südkorridor werden nach Informationen des „Kommersant“ nun nur am 881 Kilometer langen westlichen Strang fortgesetzt. Die Bauarbeiten am 1 626 Kilometer langen und damit kostenaufwändigeren östlichen Strang sollen zurzeit ruhen. Rund 4,8 Milliarden Euro soll der Energiekonzern in das Vorhaben bislang investiert haben, schreibt das Wirtschaftsblatt. Eine Anfrage von RBTH ließ Gazprom unkommentiert.

Das italienische Unternehmen Saipem, ein Gazprom-Subunternehmer, teilte jedoch mit, der russische Konzern habe am 9. Juli die Zusammenarbeit eingestellt. Ein Spezialschiff des Unternehmens sei zur Verlegung der Pipeline auf dem Meeresgrund bereits vor einem halben Jahr in russischen Gewässern eingetroffen, aber nicht zum Einsatz gekommen. Die Standzeit habe den russischen Gasriesen bisher 280 Millionen Euro gekostet, eine Vertragsstrafe, die von Gazprom laut „Kommersant“ auch bezahlt wird.

Die russische Regierung schließt indes einen möglichen Zusammenhang zwischen der Vertragskündigung und einer Kürzung der Turkish-Stream-Kapazitäten aus. „Die Vertragsaufhebung zwischen Gazprom und Saipem wird auf die Umsetzung des Turkish-Stream-Projekts keinen Einfluss nehmen“, sagte der russische Energieminister Alexander Nowak der Nachrichtenagentur Interfax.

„Der Südkorridor genießt bei Gazprom oberste Priorität. Das Projekt ist in der aktiven Umsetzungsphase und niemand beabsichtigt, es auf Eis zu legen“, widerspricht auch Dmitrij Baranow, leitender Analyst bei Finam Management, dem „Kommersant“ und ergänzt: „Ein großer Teil der Arbeiten an dieser Gaspipeline ist zudem bereits verrichtet.“

 

Alternative Nord Stream

Sollten die Arbeiten am Südkorridor dennoch tatsächlich eingestellt werden, würde der „Turkish Stream“ Dmitrij Baranow zufolge ausschließlich die Türkei mit Gas versorgen können. „Bis heute sind keinerlei Abkommen zum Gastransit durch türkisches Territorium unterzeichnet“, sagt Baranow. „Mit einem derartigen Abkommen entstünde aber auch bloß eine weitere Route für Gaslieferungen nach Europa. Die bestehenden Lieferrouten würden dadurch lediglich ergänzt, nicht ersetzt werden“, fügt er hinzu.

Mitte Juni dieses Jahres unterzeichnete Gazprom mit den Unternehmen Shell, OMV und Eon ein Memorandum über den Ausbau des Nord Streams. Dazu sollen zwei weitere Stränge mit einer jährlichen Kapazität von 55 Milliarden Kubikmetern durch die Ostsee verlegt werden. „Das unterzeichnete Dokument ist im Grunde eine Absichtserklärung, verbindliche Klauseln enthält es nicht“, bemerkt jedoch Ilja Balakirew, Leitender Analyst bei UFS IC.

Außerdem seien die beiden bereits bestehenden Stränge aufgrund von Bestimmungen des Dritten Energiepakets zu 50 Prozent ausgelastet. Der Beschluss der Eurokommission untersagt Konzernen, gleichzeitig als Gaslieferant und Gastransporteur zu fungieren. Gazprom sei an beiden Projekten interessiert, sagt Balakirew, doch der Konzern müsse seinen Partnern zu verstehen geben, dass es möglich sei, auf eines der beiden Projekte zugunsten des anderen Vorhabens zu verzichten. Daraus ergebe sich eine stärkere Verhandlungsposition, erklärt der Analyst.

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