Geheimnisse des GUM: Stalins Tränen und Gagarins Chanel-Anzüge

Eine Enzyklopädie erzählt die Geschichten des Moskauer Kult-Warenhauses.

Eine Enzyklopädie erzählt die Geschichten des Moskauer Kult-Warenhauses.

Shutterstock/Legion Media
In Moskau ist die zweibändige „GUM-Enzyklopädie“ erschienen. Die Autoren um den Kunsthistoriker Grigorij Rewsin stellen darin das Leben Russlands dar, wie es aus den Schaufenstern des Warenhauses im Herzen des Landes – dem GUM am Roten Platz – zu sehen war.

Eines haben Kartoffellager, die sowjetische Parteielite und Dior-Kollektionen gemeinsam: Sie sind untrennbar mit der bewegten Geschichte des GUMs am Roten Platz verbunden. In den Schaufenstern des Staatlichen Warenhauses – so die Bedeutung der Abkürzung „GUM“ – spiegeln sich nicht nur schaulustige Passanten. Das ganze GUM ist ein Abbild des Lebens in Russland, wie es war und wie es sein sollte. Die kürzlich erschienene Enzyklopädie wirft einen anderen Blick auf das Kaufhaus selbst und auf das Russland des 20. Jahrhunderts.

 

Ein Wohn-Kauf-Haus

Die Eröffnung des staatlichen Warenhauses im Jahr 1921 geht auf eine Initiative von Lenin zurück. Das bis heute gültige Logo dazu ließ sich der berühmte Maler Alexander Rodtschenko einfallen. Gemeinsam mit dem Dichter Wladimir Majakowski – berühmt für seine eindringlichen Verse – entwarf er auch die passenden Werbeplakate. GUM stand für Wohlstand.

Zur gleichen Zeit wohnten noch Menschen im zweiten Stockwerk des Kaufhauses. Dort verbrachte Eleonora Garkunowa, eine einfache Moskauer Bürgerin, die ersten 25 Jahre ihres Lebens – mit dem Ausblick auf die Iljinka-Straße. Zehn Familien hatten ihren Wohnsitz am Roten Platz. Der Wohnkomfort ließ für alle gleichermaßen zu wünschen übrig: fließendes Wasser – ein Traum, Gasversorgung – Fehlanzeige. Gekocht wurde auf Kerosinkochern direkt in den Wohnräumen. Für die tägliche Hygiene standen die öffentlichen Toiletten des Kaufhauses zur Verfügung. Dort holten die Bewohner auch Wasser. „Beeindrucken konnte man mit einer Wohnung im GUM niemanden. Die Nähe zum Kreml fand auch keiner aufregend. Das alles schien selbstverständlich“, erinnert sich Eleonora.

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Scharf kontrolliert wurden die Bewohner während der Militärparaden: Besuch war tabu, in den Zimmern hielten Soldaten Wache, niemand durfte ans Fenster. Auch bei Igor Kirillow, Sprecher des Staatlichen Funks und Fernsehens, hat das bis heute einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Damals kommentierte er die Paraden auf dem Roten Platz. Die vorbeiziehende Technik verfolgte er an einem kleinen Bildschirm. „Es war schon sehr verlockend, rauszuschauen und die Parade zu sehen. Ging es aber nur einen Schritt Richtung Fenster, gab es vom Soldaten sofort einen Ruck: Zurück!“ Diesem Soldaten sei er viele Jahre später zufällig auf der Straße begegnet. „Er erzählte mir, Scharfschützen hätten den gesamten Roten Platz während der Militärparade im Visier gehabt. Und sie hatten den Befehl, auf jeden zu schießen, der sich im Fenster blicken lässt.“ Bis 1953 wohnte Eleonora Garkunowa im Kaufhaus. Nach Stalins Tod wurde der Handel im GUM eingestellt, seine Bewohner umgesiedelt.

 

Der Ort, an dem Stalins Tränen flossen

In der Nacht vom 8. auf den 9. Juli 1932 erschoss sich in der gemeinsamen Dienstwohnung im Kreml Nadeschda Alliluewa, Stalins zweite Ehefrau, Mutter von zwei Kindern. Sie wurde nur 31 Jahre jung. Offenbar hat sie zwei Schüsse direkt ins Herz abgefeuert (der erste Schuss war nicht tödlich). „Wollte sie durch diese Tat nicht nur mit dem Leben abrechnen, sondern auch Stalin bestrafen, ist ihr das gelungen. Er war erschüttert“, heißt es in der GUM-Enzyklopädie.

Der Sarg mit ihrem Leichnam wurde im Ausstellungssaal des Warenhauses aufgestellt – dort, wo heute Modeschauen stattfinden. Einen Tag nach ihrem Tod wurde der Saal für alle geöffnet, die Abschied nehmen wollten: Massen strömten in das GUM. Filmaufnahmen belegen, dass viele aus reiner Neugier an der Gedenkfeier teilnahmen. Denn dort kamen sie der höchsten Landesführung so nah wie nirgends sonst. An Alliluewas Sarg – von Blumen und Kränzen überhäuft – saß Nadeschda Krupskaja, Lenins Witwe. Die höchste Ministerriege – vom Außenminister Molotow bis zum Verteidigungsminister Woroschilow – war ebenfalls vertreten. „Und plötzlich: Stalin selbst, mit Tränen in den Augen. Wo hätte man ihn sonst so sehen können?“ Es sollte das erste und letzte Mal sein, dass Stalin sich in der Öffentlichkeit nicht beherrschen konnte. Niemals wieder hat Stalin Empathie gezeigt.

 

Vorzeigevitrine und Paradies in der sowjetischen Mangelwirtschaft

Nach Stalins Tod 1953 wurde das Warenhaus nach einem neuen Konzept rekonstruiert und wiedereröffnet. Anastas Mikojan, Handelsminister der UdSSR, war dabei federführend. Das neue GUM wurde zum Symbol für das Tauwetter, für einen Richtungswechsel in der Politik. Der Krieg war überwunden. Das Ziel war allgemeiner Wohlstand.

Mit dem Porträt Nikita Chruschtschows auf der Titelseite erschien ein Artikel über die Wiedereröffnung des GUM im „Time Magazine“. „Jeden Morgen ertönt im Kaufhaus eine Lautsprecherdurchsage: ‚Mitarbeiter! In fünf Minuten wird unser Kaufhaus eröffnet. Nehmen Sie Ihre Positionen ein und bereiten Sie sich darauf vor, unsere Kunden vorbildlich zu bedienen.‘ Danach schlug die Uhr auf dem Spasskij-Turm des Kremls, die Türen öffneten und ... innerhalb von fünf Minuten war das Kaufhaus voll.“ Um acht Uhr morgens wohlbemerkt! Mikojan hatte das GUM als Fabrik konzipiert. Und die Fabrik lief auf Hochtouren: Ein Drittel der sowjetischen Bevölkerung strömte jährlich durch das Kaufhaus.

1936 schickte Stalin seinen Handelsminister für zwei Monate in die USA. Dort sollte er die Konsumgüter- und Lebensmittelindustrie studieren. Zurück kam er „nicht nur mit dem Know-how über die Herstellung von Wurst, Würstchen und Frikadellen, nicht nur mit der Idee eines sowjetischen McDonald’s, sondern auch mit dem Konzept, die Konsumgüter- und Lebensmittelindustrie als einen großen Industriezweig zu entwickeln“, berichtet die Enzklyopädie. Der „Hamburger“ in Form eine Frikadelle für sieben Kopeken – eine Innovation des Handelsministers – blieb damaligen Russen in schmackhafter Erinnerung, und die Mikojan-Fleischwarenfabrik ist bis heute einer der russischen Marktführer. In den russischen Einzelhandel hat Anastas Mikojan das Maß aller Kaufhausdinge eingeführt: das Prinzip eines amerikanischen Supermarkts „ohne Verkäufer“.  

Sein Lieblingskind war die Modeabteilung des GUM. In der russischen Modeszene war sie maßgebend: Das war der Ort, an dem Mode kreiert und beworben wurde. Die Vorführungen im GUM waren in jeder neuen Saison ein Massenmagnet: 1959 meldete die Abteilung über eine halbe Million Besucher bei landesweiten und internationalen Modeschauen. Diese Zahlen konnte nicht einmal Dior übertrumpfen, obwohl das GUM im Juni desselben Jahres während der Vorführungen französischer Haute Couture bereits aus allen Nähten platzte. Das „Life Magazine“ fotografierte die Models von Dior direkt in den Einkaufspassagen des Kaufhauses.

Dior-Modeschau im GUM. Foto: Getty Images

GUM wurde zu einem Ort, an dem sowjetische Frauen wenigstens einen Hauch von Schönheit aus dem fernen und unerreichbaren Ausland nachfühlen konnten. Hier entstand auch die legendäre 200. Sektion, ein VIP-Bereich für die sowjetische Parteielite sozusagen. Ein Ort, an dem zur Zeit der Mangelwirtschaft ein Chanel-Anzug zu bekommen war – ein damals unerfüllbarer Traum vieler Schauspielerinnen, Balletttänzerinnen, Diplomaten und Fernsehmoderatoren. Diese Sektion war natürlich streng geheim, am Eingang vom Roten Platz aus hielt die sowjetische Miliz Wache. Mitglieder des Politbüros und ihre Ehefrauen wurden einfach durchgelassen, andere „Privilegierte“ erhielten nur mit Ausweisen Zugang, die auf Anweisung des Zentralkomitees ausgestellt wurden. Jurij Gagarin beispielsweise erhielt den begehrten rosa Schein nach seinem Weltraumflug.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RBC Style.