Russlands Wirtschaft schrumpft um 3,7 Prozent

AP
Das Bruttoinlandsprodukt Russlands ist im ersten Halbjahr 2015 um 3,7 Prozent gesunken. Doch damit sei das Schlimmste überstanden, sagen Ökonomen und prophezeien eine baldige Erholung der russischen Wirtschaft. Das künftige Wachstum sollen vor allem ausländische Investoren antreiben.

Der Sinkflug der russischen Wirtschaft hat die Talsohle durchschritten, bald wird der Aufschwung einsetzen. Dieses optimistische Bild zeichnen Wissenschaftler der renommierten Higher School of Economics in Moskau in einer aktuellen Studie. Darin erklären sie, dass das Bruttoinlandsprodukt Russlands in der ersten Hälfte 2015 um 3,7 Prozent geschrumpft ist.

Die Russische Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten Russlands (RANEPA), einer regierungsnahen Einrichtung zur Wirtschaftsforschung, kommt zu einer ähnlichen Einschätzung. In ihrem Jahresbericht zur Wirtschaftslage heißt es: „Der Juni bedeutete für die russische Wirtschaft gewissermaßen die Wende in der Entwicklung der jetzigen Krise.“ Insbesondere habe sich der freie Fall einiger wichtiger Parameter verlangsamt.

 

Wachstum schon im nächsten Jahr?

Demnach verzeichnete die Industrie im Juni einen Rückgang von nur noch 4,8 Prozent statt 5,5 Prozent im Vormonat. Zudem betrage die Investitionsflucht nur noch 7,1 statt 7,6 Prozent. Und die Arbeitslosenquote habe sich auf konstante 5,5 Prozent eingepegelt. „Anscheinend sind wir jetzt am wirtschaftlichen Tiefpunkt angelangt“, unterstreicht Jurij Archangelskij aus dem Beratungsunternehmen KIT Finans Broker.

Die Forscher der Higher School of Economics rechnen mit einem erneuten Wirtschaftswachstum bereits im kommenden Jahr. „Bis Ende 2015 wird der Rückgang immer weniger, 2016 wird ein erstes Wachstum einsetzen“, prophezeit ihre Studie. Doch bis dahin, so merkt die Analystin Jelisaweta Belugina des Brokers FBS an, werden „jedwede positive Tendenzen nicht mehr als temporär sein“. Insbesondere werden Angaben der RANEPA zufolge „neben der Binnennachfrage ein Rückgang der Investitionsaktivität, ein Schrumpfen der Kreditlinien und das Sinken der Erdölpreise weiterhin Einfluss auf die Dynamik der russischen Industrie haben“.

Belugina hält eine baldige Erholung sogar für eher unrealistisch: „Wenn die Erdölpreise auf dem Niveau von 60 US-Dollar pro Barrel verbleiben – und in den nächsten Monaten werden sie wohl sogar niedriger liegen –, wird es um den russischen Haushalt sehr kritisch stehen. Es wird dann keine Kräfte mehr geben, die wieder zu einem BIP-Wachstum führen können“, meint die Ökonomin. Dem hält Walentina Gawrilowa, Direktorin der Marktforschungsabteilung des Immobilienunternehmens CBRE, entgegen: „Die größten Hoffnungen liegen auf dem vierten Quartal 2015, in dem es eine saisonal geprägte Nachfrage nach Erdöl geben wird und die Prozentsätze naturgemäß steigen werden.“

 

Die Hoffnungen ruhen auf dem Ausland

In vielerlei Hinsicht wird das Wachstum der russischen Wirtschaft von Investitionen aus dem Ausland abhängen. Die Investitionen haben bereits einen Umfang von 300 Milliarden US-Dollar (270 Milliarden Euro) erreicht, heißt es in einer Studie des Gajdar-Instituts der RANEPA.

„Die westlichen Investoren machen sich nichts mehr aus den negativen Perspektiven, die aus den geopolitischen Risiken für Russland aufgrund der Krim-Angliederung erwachsen“, sagt einer der Autoren der Studie, RANEPA-Laborleiter Alexander Abramow. Mittelfristig würden Investoren dann aber doch eher entwickelte Märkte bevorzugen, glaubt der Experte. „Erhöhte Risiken durch eine weitere Rubelabwertung, die makroökonomische Instabilität, eine mögliche Verschärfung der Sanktionen, der politische Druck auf die Investoren – all das kann eine neue Welle des Aktien-Ausverkaufs nach sich ziehen“, erklärt Abramow.

Diese Einschätzung teilt auch Georgij Waschtschenko, Analyst der IC Fridom Finans. Investoren würden bevorzugt in entwickelte Märkte investieren, wo es eine positivere Dynamik gibt. „Aus Sicht der größeren Fonds hat der russische Markt keine Vorteile gegenüber den Märkten der USA und Europas.“ Der Anteil der russischen Wertpapiere im Portfolio globaler Fonds sei üblicherweise allerdings unbedeutend, erinnert der Experte. Er betrage nicht mehr als ein bis zwei Prozent des Gesamtwerts des Portfolios.

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