Russische Unternehmen bauen Expat-Stellen ab

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Russische Personalagenturen erhalten mehr Bewerbungen von Expats, Unternehmen entlassen jedoch verstärkt ausländische Mitarbeiter. Die Ursachen liegen sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Bereich.

Seit November 2014 gingen immer mehr Bewerbungen von ausländischen Fachkräften ein, die Zahl sei im mittleren Management um zehn bis 15 Prozent gestiegen, erzählt Juri Dorfman, Partner der Personalagentur Cornerstone, in einem Interview mit der Zeitung „RBC“. Gleichzeitig sparen russische Unternehmen ein: Im vergangenen Jahr seien verfügbare Stellen für Expats in Russland im Durchschnitt um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen, wie Galina Melnikowa, Generaldirektorin der Manpower Group in Russland und den Ländern der GUS, feststellt. Das liege daran, dass Unternehmen ihre Ausgaben optimieren müssten, sagt Dorfman. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

 

Zu teuer, zu unflexibel

Laut der Umfrage „The Expat Explorer Survey“, die die britische HSBC-Bank jährlich durchführt, landete Russland im vergangenen Jahr auf Platz 17 von 34 Ländern, was die wirtschaftliche Attraktivität für Expats angeht. Kein Wunder – 2009 belegte Russland den ersten Platz im HSBC-Ranking bei den höchsten Löhnen und Gehältern für ausländische Top-Manager: 30 Prozent der Befragten gaben an, mehr als 250 000 US-Dollar im Jahr zu verdienen.

„Ein ausländischer Arbeitnehmer ist für das Unternehmen im Durchschnitt um das Zwei- bis Dreifache so teuer wie ein russischer Mitarbeiter“, sagt Dorfman. Seine Erklärung: „Hier geht es nicht nur um die Vergütung, sondern auch um eine komfortable Luxuswohnung, den Umzug der ganzen Familie, eine erweiterte Versicherung, die das Unternehmen abschließen muss, und die Erledigung von juristischen Formalitäten.“ 

Vor dem Hintergrund des Rubelverfalls müssen Unternehmen sparen – das trifft besonders Expats: „Die Löhne und Gehälter der ausländischen Arbeitnehmer sind in der jeweiligen ausländischen Währung berechnet und fixiert, was vor dem Hintergrund des Dollar- und Euro-Wechselkurses für Arbeitgeber im Vergleich zum vergangenen Jahr jetzt viel teurer ist“, erklärt Roman Schikin, Leiter des Bereichs Business-Development bei der Personalagentur Kelly Services.   

Laut Melnikowa gibt es beim Rückgang der Zahlen auch einen politischen Aspekt, der auf die Ukraine-Krise zurückzuführen ist. Mal wollten Expats selbst nicht mehr in Russland bleiben, mal sei der Arbeitgeber nicht willig, sie in den hohen Positionen zu belassen. Und ein weiteres Problem: Ein ausländischer Mitarbeiter kann wegen der Sanktionen unter anderem nicht auf der Krim arbeiten. Die Entlassungen würden jedoch sehr anständig durchgeführt, berichtet Juri Dorfman. Meist gehe es dabei um einen Verzicht auf die Vertragsverlängerung und nicht um eine Kündigung.

 

Vertrauen in die eigenen Leute steigt

Laut Einschätzungen der Higher School of Economics waren 2013 etwa 46 000 Ausländer in Russland als Leiter von Unternehmen, Organisationen oder Niederlassungen tätig. Weitere 20 000 wurden als hochqualifizierte Spezialisten eingesetzt, 21 000 verfügten über eine mittlere Qualifikation.

Zwischen 2000 und 2008 kamen immer mehr ausländische Fachkräfte ins Land. „Der Anteil der Expats auf dem Markt zwischen 2000 und 2009 hat etwa 11,9 bis 15,6 Prozent betragen“, sagt Sergej Solnzew, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Labor für Arbeitsmarktforschung an der Higher School of Economics. Seine Kollegen Wladimir Karatscharowski und Gorgej Jastrebow fügen hinzu: „Nach der Krise bis 2011 verschwanden viele wieder – mehr als 66 Prozent der Spezialisten aus den USA und 64 Prozent der Spezialisten aus der EU.“

Der Anteil ausländischer Top-Manager in russischen Unternehmen machte vor der Krise etwa fünf bis zehn Prozent aus. In ausländischen Unternehmen in Russland betrug die Anzahl der Expats ganze 37 Prozent, aber infolge der Krise sei sie wieder auf 25,7 bis 27,1 Prozent gesunken. Abgesehen von wirtschaftlichen Aspekten führt Solnzew diese Dynamik auf eine Sättigung der Unternehmen mit Top-Managern und auf ein wachsendes Vertrauen in die russischen Spezialisten zurück.  

Marina Tarnopolskaja, leitende Partnerin des Headhunting-Unternehmens Agentstvo Kontakt, bestätigt die Tendenz, ausländische durch russische Führungskräfte zu ersetzen. Das sei heute sogar dort zu sehen, wo traditionsgemäß seit den neunziger Jahren nur Expats tätig gewesen seien. „Früher hatten nur zwei von zwölf Top-Managern im Unternehmen die russische Staatsbürgerschaft. Heute beträgt der Anteil von Expats auf der Führungsebene maximal 20 bis 30 Prozent“, sagt Tanopolskaja.

Juri Dofman glaubt jedoch nicht, dass ausländische Fachkräfte „in absehbarer Zeit komplett ersetzt werden“. Galina Melnikowa schätzt, dass die Zahl der potenziellen Positionen für Expats sich auf etwa 30 000 einpendeln werde.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RBC Daily.

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