Sparzwang: Russen in der Krise

Die kriselnde Wirtschaft zwingt die Russen zum Sparen. Sie kürzen ihre Ausgaben für Lebensmittel, Haushaltswaren und Freizeitaktivitäten teils drastisch. Die Industrie zwingt das zu mehr Kreativität. Nur die Gastronomie erfreut sich ungebrochener Beliebtheit.

Die Wirtschafts- und Rubelkrise zwingt die Russen auch in der Urlaubszeit zum Sparen. Laut einer im Juli durchgeführten Umfrage des Allrussischen Zentrums für Meinungsforschung WZIOM wollen 40 Prozent der Russen ihren Urlaub in diesem Jahr in Russland verbringen. Als Hauptgrund werden finanzielle Schwierigkeiten genannt. Ein Drittel der Befragten plant Urlaub auf der Datscha, elf Prozent wollen ihre Ferien in den Städten verbringen. Nur sechs Prozent fahren ins Ausland.    

Der Inlandstourismus wird zunehmend beliebter. „Steigende Wechselkurse, Visaregelungen und höhere Ticketpreise für internationale Flüge begünstigen diesen Trend“, sagt Olga Wolkowa, Beraterin in einem Reisebüro. Die beliebtesten Reiseziele seien dieses Jahr die Krim, die Region Krasnodar und Abchasien. Im Ausland seien die Türkei, Ägypten und Griechenland besonders gefragt – als Alternative für das teure Spanien und Italien, die sich viele dieses Jahr nicht mehr leisten können.

 

Lebensmittelhersteller tricksen

Doch nicht nur ihre Reiseziele, auch ihre Essgewohnheiten mussten viele Russen in diesem Jahr ändern. Nach einer Umfrage, die die Stiftung Öffentliche Meinung FOM im Februar durchführte, haben 51 Prozent der Befragten ihre Ausgaben für Lebensmittel reduziert. Die Russen kaufen demnach weniger Fleisch, Käse, Obst und Fisch. „Früher betrug unser Budget für Lebensmittel 5 000 Rubel (etwa 72 Euro) pro Woche und das Geld reichte. Jetzt können wir uns das nicht mehr leisten“, erzählt die 45-jährige Elena.

Damit ist sie nicht allein: 39 Prozent aller Befragten kommen nicht mit dem Monatsgehalt durch und jeder Dritte überlegt, einen Nebenjob anzunehmen. „Im Februar 2014 habe ich ein Kind zur Welt gebracht und wollte ein Jahr zu Hause bleiben. Aber als meine Tochter fünf Monate alt war, musste ich anfangen zu arbeiten: Wir kamen mit dem Geld meines Mannes nicht mehr durch, obwohl er zusätzlich am Wochenende als Fahrer arbeitet“, sagt die 32-jährige Jewgenia.

Laut dem russischen Statistikamt Rosstat ist das reale Einkommen in Russland in den ersten sechs Monaten des Jahres um 8,5 Prozent gesunken. Und nicht nur die Kaufkraft geht zurück. Wie die Zeitung „Wedomosti“ berichtet, verzeichnen Lebensmittelhersteller bereits seit einem Jahr Gewinneinbußen. Produzenten werden deshalb immer kreativer: „Man senkt den Preis, indem man einen billigeren Käse verwendet, das Gewicht reduziert und die Verpackungsart ändert“, erklärt Dmitri Wostrjakow, Entwicklungsdirektor der Assoziation der Lebensmittelhersteller und -lieferanten Rusprodsojus.

So stieg der Konservenproduzent Pomidorprom von Glasflaschen auf Plastikverpackungen um. Einige Teehersteller reduzierten die Füllmenge der Teebeutel. Manche Schokoladenhersteller verwenden statt geriebenem Kakao billigeres Kakaopulver und statt Kakaobutter Nebenprodukte wie Palm- oder Rapsöl.          

 

Russen verzichten nicht auf Restaurantbesuch

Auch die Gastronomie leidet unter der Wirtschafts- und Rubelkrise. In Moskau und Sankt Petersburg mussten bereits erste Restaurants schließen. Nach Angaben des Unternehmens 2GIS, das elektronische Karten für Russland herausgibt und Informationen über Cafés, Restaurants, Museen und Hotels sammelt, gab es in der russischen Hauptstadt im November vergangenen Jahres noch 2 824 Restaurants. Im Januar lag die Zahl bei nur noch 2 778. Geschlossen haben sowohl gehobene Restaurants als auch günstigere Bistro-Kneipen. Wie die Online-Zeitung „RBC“ berichtet, seien alle betroffen: Sushi-Bars und Pizzerien als auch Restaurants mit orientalischer und russischer Küche.

Doch die Besucherzahlen und Einnahmen sind erstaunlich stabil geblieben. „Durchschnittlich kostet ein Besuch in einem unserer Restaurants des mittleren Niveaus etwa 1 450 Rubel (etwa 20 Euro), in einem Restaurant des gehobenen Niveaus 2 160 Rubel (etwa 30 Euro)“, sagt Oigul Musachanova, einer der Gründer des Restaurants und Clubs „Ribambelle“. Man habe die Preise nicht erhöht, um die Kunden zu behalten, erklärt er, obwohl einige Lebensmittel im Ausland gekauft und mit Fremdwährung bezahlt werden müssten.

Statt an Restaurantbesuchen sparen die Menschen lieber bei anderen Dingen. 48 Prozent der Russen reduzierten ihre Ausgaben für Kleidung, Freizeitaktivitäten, Haushaltsgeräte, Kosmetikwaren und Reinigungsmittel. „Früher achtete man vor allem auf die Marke, derzeit eher auf den Preis“, berichtet Alena, Beraterin eines Onlineshops von Haushaltsgeräten. Bei Beratungsgesprächen würden Kunden heute gleich zu Beginn des Telefonats das Budget nennen, früher fragte man erst am Ende des Gesprächs nach dem Preis. 

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