Halbmond über Moskau

Im Kaukasus fördert die Regierung den gemäßigten Islam, um den Fundamentalisten entgegen zu treten. Derweil streiten in Moskau Einheimische und muslimische Zuwanderer. Die Muslime Moskaus wollen ein neues Gebetshaus am Stadtrand errichten. Viele wehren sich, aus praktischen Gründen - und 
aus Fremdenfeindlichkeit. 2,5 Millionen Moslems sind in Moskau heimisch. Europaweit leben nur in Istanbul mehr Muslime.

Copyright: Sergej Muchamedow

 

 Als Muslime in Moskau das Ende des Ramadans feierten, veröffentlichten russische Medien ein Bild, das bei vielen Lesern für Irritationen sorgte: Es zeigt hunderte kniende Moslems vor einer Moschee. Ein Magazin titelte: „Moskau – Stadt der Muslime“, und meinte, es gäbe zu viele Moslems in der Hauptstadt. Dabei illustriert die Fotografie ein ganz anderes Problem: dass es in Moskau nur ganze vier Moscheen gibt, obwohl etwa ein Fünftel seiner rund 10,5 Millionen Bewohner muslimisch ist. Im industriell geprägten Bezirk Textilschiki im Südwesten der Stadt will die muslimische Gemeinde nun eine neue Moschee für ihre 3.000 Gemeindemitglieder errichten. Schon im November sollten die Bauarbeiten beginnen. Doch das Vorhaben hatte heftige Proteste bei den Bewohnern des Viertels ausgelöst. Sie forderten einen sofortigen Baustopp.

Hilferuf  an den Präsidenten

In einem offenen Brief riefen über 6.000 Bürger Präsident Dmitri Medwedjew dazu auf, sich der Sache persönlich anzunehmen. Nafigulla Aschirow, einer der Vorsitzenden des Russischen Muftirats, machen die heftigen Debatten Angst. „Es gibt fast 900 Kirchen in Moskau, aber nur vier Moscheen für zwei Millionen Muslime. Da sollte doch jeder, ob Christ oder Muslim, einsehen können, dass das wirklich nicht ausreichend ist“, sagt Nafigulla Aschirow. „Wir sind überrascht, dass manche Leute dies schlicht ignorieren.“ Die Einwände der Moschee-Gegner sind weitgehend identisch: Ein solches Gebetshaus werde den Freizeitwert der Viertels empfindlich einschränken und die bitter benötigten Parkplätze vernichten. Die Moschee soll auf der einzigen größeren Grünfläche stehen - wo der Bezirk früher einmal einen Park geplant hatte. Alexander Kusmitschjow, 55-jähriger Programmierer, erzählt, er und alle seine Kollegen seien gegen das Projekt: „Erstens ist dies eine Grünanlage, dann ein Wohnbezirk, und drittens gehen wir hier mit unseren Hunden spazieren.“ Im Falle des Moschee-Baus müssten die Hundebesitzer in die Innenhöfe der Plattenbauten ausweichen. Andere Einwohner geben sich erst gar keine Mühe, ihre Fremdenfeindlichkeit zu verbergen: Sie fürchten eine Zuwanderung ins Viertel - von Tschetschenen und anderen muslimischen Ethnien aus dem Kaukasus.

Der Protest der Moskauer Muslime

Am 11. September kamen Hunderte Demonstranten an die Wolschski-Allee, dorthin, wo bald die Moschee stehen soll. Aber auch Vertreter der muslimischen Gemeinden Moskaus waren vor Ort. Der Austausch reichte vom konstruktiven Dialog bis zu offener Feindseligkeit. Eine Moschee-Gegnerin kritisierte ausdrücklich jene Demonstranten, die versuchten, den Protest ethnisch oder religiös aufzuladen: „Wir Einwohner wollen diese Fläche erhalten, denn es gibt sonst keinen einzigen Park. Diese Leute aber provozieren und machen aus dem Alltagsthema jetzt einen politischen Konflikt.“ Die Russisch-Orthodoxe Kirche unterstützt die Moschee-Gegner nicht, zumindest nicht offen. Die Kirche sei nicht gegen die Moschee kritisiere aber die Behörden, weil sie den Bau einer Russisch-Orthodoxen Kirche am selben Platz nie bewilligt hätten, ließ ein Sprecher des Moskauer Patriarchats wenige Tage nach der Demonstration verlauten.

Tatsächlich habe die Stadtverwaltung 2008 mehrere Standorte für eine neue Moschee vorgeschlagen, so Marat-Hasrat Murtasin, stellvertretender Vorsitzender des Muftirats. Der Rat hatte sich dann für die Vorstadt Textilschiki entschieden. Laut Murtasin benötigten Moskaus muslimische Bewohner dringend das neue Gebetshaus. „Und ich glaube nicht, dass sich die 500 Leute, die sich versammelt haben um zu protestieren, nur weil sie nicht mehr mit ihren Hunden spazieren gehen können oder auf ihr Bier im Park verzichten müssen, den fast 200.000 Muslimen in Textilschiki, ernsthaft entgegenstellen können“, so der Vorsitzende des Muftirats. Alexander Werchowski, der Direktor des Sowa-Zentrums in Moskau, das extremistische Aktivitäten untersucht, sieht bei den Moschee-Gegnern eher fremdenfeindliche Motive. Hauptursache sei ein ethnischer Konflikt, der aufgrund der regen Migration aus den ärmeren Republiken nach Moskau in den letzten Jahren entstanden ist. „Wenn jemand gegen Moscheen ist, dann argumentiert er meistens, dass Aserbaidschaner, Tadschiken und Tschetschenen in die Nachbarschaft ziehen“, erklärt Werchowski. Das Problem sei also eher ethnischer als religiöser Natur. Und ein gefundenes Fressen für diverse rechtsextreme Gruppierungen.

Der Moscheebau hat Befürworter

Doch nicht alle Einwohner sind gegen den Moschee-Bau. Wera Kuitsch, eine 30-jährige orthodoxe Russin, die in einem Schlüsseldienst am belebten Markt unweit der U-Bahnstation Textilschiki arbeitet, betont, „alle haben das gleiches Recht auf einen Ort zum Beten“. Auch Dmitri, ein älterer Herr und bekennender Atheist, ist für den Bau: „Warum soll das Christentum bevorzugt werden?“, fragt er und fährt fort: „warum sollte Jesus besser dran sein als Mohammed?“ Die Spannungen zwischen den russisch-orthodoxen Christen und dem Islam haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Viele Christen sind der Meinung, Migration aus den armen muslimischen Regionen des Kaukasus oder Zentralasiens verändere das ethnische und religiöse Gesellschaftsbild.

Russische Muslime hingegen blicken mit Besorgnis auf die immer stärker werdene Verflechtung von Staat und Kirche. Als Fatich Graifullin, Großmufti für den asiatischen Teil des Landes, die Russisch-Orthodoxe Kirche im letzten Jahr um mehr Gebetsstätten für Muslime bat, glaubte er, diese Geste könne die beiden Glaubensrichtungen einander annähern . Radikal eingestellte orthodoxe Gruppierungen fassten sein Anliegen aber als Provokation auf und sahen in ihm kein Angebot zum Dialog.Derweil hat die Russisch-Orthodoxe Kirche geplant, innerhalb der kommenden drei bis vier Jahre allein in Moskau 200 neue Kirchen zu bauen, um einen engeren Kontakt zu ihren Anhängern pflegen zu können. Denn die meisten Kirchen stehen in Moskaus historischem Zentrum. „Die neuen Gotteshäuser sollen in den äußeren Wohnbezirken entstehen, die zu Sowjetzeiten errichtet wurden. Dort duldete die staatliche Ideologie damals keine Kirchen “, sagt Andrej Kurajew, Professor am Moskauer Priesterseminar. Nach russischen Zeitungsberichten wurden die Pläne für die 200 neuen Gotteshäuser nach der Absetzung des Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow allerdings vorerst auf Eis gelegt.

Viele muslimische Geistliche fühlen sich indes in ihrem Wunsch nach mehr Gebetsstätten übergangen: „Mit anderen Bauprojekten hat es hier noch nie Probleme gegeben. Man hat reihenweise Altbauten abgerissen und stattdessen Gasverteileranlagen, Restaurants und sogar Nachtclubs gebaut“, sagt Nafigulla Aschirow. „Wir dagegen kämpfen seit 20 Jahren um eine Moschee - ohne Erfolg.“

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