Integration im Vielvölkerstaat

An einem Wochenende im September warten sechs junge Frauen in langen, farbigen Gewändern und mit Kopftüchern ungeduldig auf ihren Bus. Er soll sie in die dagestanische Hauptstadt Machatschkala bringen, in die Nordkaukasische Universität für Islamische Bildung und Wissenschaft. Die Studentinnen sind ernst und schweigsam. Sie haben sich auf ihr erstes „Zairat“ vorbereitet – den Besuch bei einem Scheich. Ein altes sufistisches Ritual.

 

„Dies ist der wichtigste Tag in meinem Leben“, sagt Renata, eine 18-jährige Studentin und Anhängerin des Sufismus. „Ich werde herausfinden, ob ich eine Murid, also eine Anhängerin meines Lehrers werden kann. Mein Herz wird die Antwort kennen, sobald ich persönlich vor ihm stehe.“ Die von Renata und ihren Kommilitoninnen ausgeübte Religion ist eine moderate Ausrichtung des Islam, die die Regierung verstärkt unterstützt, um dem religiösen Extremismus entgegenzuwirken, der sich in Dagestan und anderen russischen Republiken des Nordkaukasus ausgebreitet hat. In Dagestan herrscht eine Art Guerillakrieg. Selbstmordattentate, Morde an Polizisten, Bürgermeistern, religiösen Anführern und Zivilisten sind an der Tagesordnung. Die Verbrechen sind eng mit ethnischen Konflikten, Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit verflochten.




Der Kreml will in Religion investieren

Um der aus dem arabischen Ausland finanzierten Rekrutierung islamischer Fundamentalisten entgegenzuwirken, will der Kreml nun an sieben islamischen Universitäten, in Moskau, Tatarstan, Baschkirien und vier nordkaukasischen Republiken die Ausbildung moderater religiöser Anführer und Lehrer finanziell unterstützen. Darunter auch in Dagestan. Zur Stärkung des gemäßigten Islam wurde ein Fördertopf eingerichtet: 9,6 Millionen Euro sollen jährlich für Bildung, Stipendien und Informationskampagnen ausgegeben werden. Auch an Renatas Universität soll eine Form des Islam gefördert werden, die die Regierung vertretbar findet. Neben religiös ausgerichteten Fächern besuchen die 1.500 Studenten Vorlesungen zu Journalismus, Betriebswirtschaft, Geschichte, Jura und Finanzwesen. „Als Reformer entwickeln wir einheitliche Methoden für die Lehrerausbildung “, erzählt Maksud Sadikow, Vorsitzender des Rats für Islamische Bildung. „Für die rund 2.500 Moscheen Dagestans müssen wir Imame ausbilden, Hunderte Lehrkräfte für Grundschulen, Koranschulen und muslimische Universitäten. Auch schulen wir Berater für die Polizei und für den FSB, um den Extremismus in der Republik zu bekämpfen.“ Manche Menschenrechtler glauben jedoch, dass die Sanktionierung einer bestimmten Form des Islam bei gleichzeitiger Marginalisierung anderer Richtungen den gewalttätigen Extremismus nur verstärken wird.„Um den Islam zu reformieren, muss der Staat alle religiösen Führer zu Wort kommen lassen, nicht nur die regierungstreuen“, sagt Tatjana Lokschina, Vorsitzende der Human Rights Watch in Moskau . Die Gründung zivilgesellschaftlicher Institutionen, die die Menschenrechte schützen – das ist die Lösung für die Probleme Dagestans.“

Die Meinung der Dagestaner

Unter den Dagestanern jedoch herrscht die Meinung vor, dass der Staat nur eine bestimmte Form des Islam akzeptiere. Wer sich einer konservativeren Ausrichtung anschließt, wird verfolgt. Aischa Jusupowa hat sich von ihrem Mann Eldar Narusow scheiden lassen – um sich vor Repressionen durch die Polizei zu schützen. Die Familie bekennt sich zum Salafismus, einer puritanischen , fundamentalistischen Richtung des Islam. „Mein Mann wurde immer wieder verhaftet, weil er angeblich die Extremisten in den Bergen unterstützt hat“, erzählt die 30-Jährige. Trotz ihrer Scheidung wird sie weiterhin überwacht. „Ja, ich bin Salafistin, aber auch friedliche Muslimin, und ich möchte meine Ruhe“, sagt Jusupowa. „Aber das versteht hier niemand.“

Nach dem Ende der Sowjetunion strömten arabische Ideologen in den Kaukasus und propagierten eine fundamentalistische Form des Islam. „Sie lehrten Arabisch und brachten lastwagenweise Wahhabiten-Literatur auf Russisch mit“, erzählt die 37-jährige Lehrerin Patimat Magomedowa. „Sie sagten uns, wir sollten unsere sufistischen Scheiche und unsere eigenen Islamtraditionen vergessen“. Junge Dagestaner studieren heute in Syrien, Ägypten, der Türkei und in anderen Ländern, die kostenlos islamische Bildung anbieten. Laut Schätzungen der Regierung studieren etwa 1.000 von ihnen im Nahen Osten, und zwar überwiegend religiöse Studienfächer. „Der wichtigste Gedanke unserer Bildungsreform ist die Vermittlung eines grundlegenden Verständnisses des Islam daheim in Russland“, sagt Juri Michajlow, einer der Initiatoren des neuen Bildungsprogramms. „Später, mit 25 Jahren, können die Absolventen als Postgraduierte an Universitäten weiterstudieren, mit denen Russland Verträge hat. Der russische Staat muss registrieren, wer wo im Ausland studiert.“

Die isalmische Universität in Gubden

Doch nicht alle islamischen Universitäten in Dagestan wollen von Moskau unterstützt werden. 5.000 Jahre alt ist die Stadt Gubden, 200 Kilometer südlich von Machatschkala. Zu Sowjetzeiten unterrichteten die „Alims“, wie die Lehrer hier genannt werden, die Kinder heimlich zu Hause. Im letzten Jahrzehnt hat die Gemeinde unter der Führung konservativer Imame ihre Koranschule aus eigenen Mitteln wieder aufgebaut. Doch 2009 wurde ihr die Lehrerlaubnis entzogen, was die rund 500 Zöglinge nicht davon abhielt, weiterhin am Unterricht teilzunehmen. „Die Regierung soll uns in Frieden lassen. Seit Jahrhunderten bilden wir unsere Kinder im Islam aus, wir haben dazu, Allah sei Dank, unsere alten Bücher und unsere Alims“, sagt Direktor Akram. Er lud Journalisten dazu ein, sich ein Bild vor Ort zu machen. Hunderte Kinder hockten auf dem Boden, wiegten sich hin und her und lernten dabei den Koran auswendig. Die Ausbildung, welche die Bildungsbeauftragten des Kultusministeriums vor Augen haben, ist das sicher nicht. Ähnlich wie Lokschina glaubt aber auch Michajlow, dass unterschiedliche Ausrichtungen des Islam sich gegenseitig bereichern könnten - und nicht unterdrückt werden sollten. „Dagestan wird seine Probleme nicht ausschließlich durch politische Maßnahmen lösen können. So drängen wir lediglich die religiöse Opposition aus der Gesellschaft zu den Guerillas“, sagt er. „Stattdessen sollten Debatten in den unabhängigen Medien und in einer funktionierenden Zivilgesellschaft geführt werden.“

Anna Nemtsova schreibt über Russland und den Kaukasus für das amerkianische Newsweek Magazin.

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