Kaschin und meine schöne Welt

Am Wochenende vor vier Wochen saß ich mal wieder an einer Kolumne über die Feinheiten der Romantik in modernen Beziehungen, als mich die fürchterliche Nachricht über den Angriff auf Oleg Kaschin, Journalist bei der Zeitung Kommersant, erreichte. Erst war ich fassungslos. Danach stellte ich mir mehrere Fragen: Warum mache ich das hier eigentlich? Warum schreibe ich über Liebe, Sex und Reisen statt über den Fall Chodorkowski oder Wirtschaftsskandale? Warum habe ich mich für einen risikolosen und oberflächlichen statt engagierten Journalismus entschieden? Fehlt mir Courage? Bin ich pessimistisch? Oder nur desillusioniert?

Copyright : Niyaz Karim

Romantische Journalisten der Neunziger

Höchstwahrscheinlich von allem ein bisschen. Seit Mitte der 90er bin ich Journalistin. Der Beruf hatte damals ein romantisches Image. Vielleicht retten wir die Welt nicht, dachten wir, aber wir können sie ein bisschen verändern. Dieser Gedanke bedeutete uns viel, als wir im ersten Semester an der Fakultät für Journalismus der Moskauer Lomonossow-Universität unser Studium begannen. Journalisten des Kommersant hielten bei uns Vorlesungen und Seminare. Und wurden unsere Vorbilder. 1996 fing ich als Stadtreporterin bei der damals unabhängigen und liberalen Wochenzeitung Argumenty i Fakty an. Fünf Jahre lang schrieb ich über die Stadtverwaltung, über Straßenbau, Schulen, Kommunalwesen, Obdachlose und zahllose andere Großstadtthemen. Bis ich eines Tages alles liegen ließ und zum Studium an die Columbia University in New York ging. Nach einem Job als Reporterin bei USA Today kehrte ich nach Russland zurück.

Von Zeitungen wollte ich nichts mehr wissen. Vor mir lag die Welt der Hochglanzmagazine. Sie zahlten gut und waren flexibel bei Terminen. Sie suggerierten ihren Mitarbeitern den Lebensstil eines Kosmopoliten, was für mich damals wie heute sehr anziehend ist. Aber noch viel wichtiger: Ich konnte dort schreiben, was ich wollte. Unsere Realität war eine andere als die offizielle. Ich nahm eine Stelle als Redakteurin bei einem Frauenmagazin an und hüllte mich fortan in ein Informations-Vakuum. Das ist sehr angenehm: Mein Blatt sieht schön aus, es duftet gut, und es offenbart prêt-a-porter-Lösungen für Leserinnen, die sich als „eine Frau, die alles hat“ fühlen. Es ist fast komplett politikfrei. Ein nachgedrucktes Interview mit Obama war es nicht. Als wir danach ein Porträt über die russische Präsidentengattin schreiben wollten, rief ihre Pressestelle nie zurück. Ein paar „harte“ Geschichten machte ich aber auch hier: Ich berichtete aus dem Nordkaukasus über Frauen in Hilfsorganisationen oder aus Tschuwaschien über die Frauen in der Regierung.

Träume, statt Realtiät


Ich finde es gut, dass mein Magazin einen konsumfreudigen Lebensstil predigt. Wir verkaufen Träume als Zuflucht vor der schmerzhaften Realität. Vielleicht brauchen Französinnen oder Britinnen diese Ablenkung nicht, die Russinnen schon. Gerade weil nur wenige sich die von uns beworbenen Dinge leisten können. Die anderen wollen träumen - und sich Ziele setzen. Ich sehe nicht fern und lese keine Zeitungen. Die Nachrichten hole ich mir aus dem Internet. Meine eskapistische Haltung ist ein Kompromiss, den ich bei meiner Rückkehr nach Russland einging. Nicht jeder kann für die Wahrheit kämpfen, redete ich mir ein. Und dass ein scharfsinnig und witzig verfasster Text über zwischenmenschliche Beziehungen ebenso wichtig ist wie politische Recherche. Ich fliege jeden Monat ins Ausland und schreibe darüber bei Facebook. Ich spiele mir vor, in einem freien und transparenten Land zu leben, fast im Westen. Vielleicht sogar besser als im Westen, weil es für die jüngere Generation dank der aufstrebenden Wirtschaft mehr Möglichkeiten gibt.

Aber viele meiner Journalistenkollegen machen keine Wellness-Dienstreisen auf die Malediven. Wenn ich höre, dass sie für das, was sie sagen oder schreiben, fast getötet werden, dann will ich nicht mehr in diesem Land leben. Doch ich glaube an die Macht des geschriebenen Wortes und an den Wandel, den es bewirken kann – wenigstens in den Köpfen. Ich glaube, dass wir viel mehr Journalisten wie Kaschin brauchen. Leider wird man nicht gerade motiviert, wenn man sieht, was Menschen passieren kann, die diesen Job gut machen. Ich jedenfalls habe enormen Respekt vor Journalisten, die immer noch Journalismus machen.

Swetlana Kolschik, 33, ist stellv.Chefredakteurin der russischen Marie Claire.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland