Leben Sie wohl, Herr Luschkow

Die berühmte Mütze Luschkows

Die berühmte Mütze Luschkows

Moskau hat eine gravierendere Stadterneuerung erlebt als unter Stalin. Soweit ich weiß, hat Jurij Luschkow niemanden auf dem Gewissen. Keiner erfror, als er die Retschnik-Siedlung abreißen ließ und die Polizei ihre Einwohner bei Minus 30 Grad aus den Häusern trieb. Niemand fiel dem Feuer zum Opfer, als manche Häuser Moskaus in Flammen aufgingen. Das erleichterte für Luschkow den Abriss, wenn es für mich auch häufig nach Brandstiftung aussah. Er ließ die Häuser ohne ihre Bewohner lodern, zumindest erhielten sie immer eine Chance, vorher rauszukommen. Hin und wieder wurde jemand unter Trümmern begraben, wie beim Deckeneinsturz des Transwaal-Wasserparks 2004. Das kann aber auch böses Schicksal gewesen sein.

Luschkow verfolgte eine ganze Reihe von Journalisten strafrechtlich und brachte sie vor Gericht. Und obwohl es bei diesen Prozessen nicht immer rechtens zuging, schickte er ihnen keine Bomben und ließ sie nie verprügeln. Es waren stets Prozesse, die für die Presseleute mit Strafen und Dementis endeten, nie aber im Knast. Ich habe Luschkow 15 Jahre lang kritisiert, ausgelacht und verhöhnt. Und er hat nie versucht, mich umzubringen. Ich bin der lebende Beweis. Könnte woanders aber auch ein toter sein. Und dafür kann ich ihm nur danken. In unserem Land gibt es Regionen, über die man so nicht schreiben könnte. Will man Jurij Luschkow bewerten, braucht man besondere Maßstäbe. Vor seiner Absetzung war meine Werteskala europäisch geprägt: Ich richtete ihn nach meiner Vorstellung Moskaus von 1992, als ich noch träumte, wie schön die russische Hauptstadt hätte werden können. Das war ein Fehler. Luschkow wurde ja nicht in Kitzbühel geboren, da hat er nur sein Anwesen. Er ist Moskauer, geboren am Pawelezkij-Bahnhof.   

Moskauer mit Leib und Seele

 

Er liebte Moskau aufrichtig und von ganzem Herzen. Und er schenkte seiner Geliebten Gebäude-Diamanten und Verkehrsring-Colliers. Nun gut, statt kostbarer Juwelen und Meisterstücke der Goldschmiedekunst jubelte man ihm häufig billige Fälschungen und minderwertigen Modeschmuck unter. Er war ja auch kein Diamantenspezialist, er wollte es doch nur schöner haben.Luschkow war Baufanatiker: 20 Jahre lang hat er jede Woche jede Baustelle der Stadt persönlich abgeklappert. Er liebte das Schöne und Laute. Er liebte Künstler und ihre Skulpturen. Darunter waren seltsame Gewächse wie der Bildhauer Zereteli oder der monarchistische Maler Glasunow. Doch leider fand Luschkow nie die Zeit, ernsthaft an seinem Geschmack zu feilen. Er liebte die Würze und die Schärfe des Lebens. Er liebte das Theater, er liebte Feste, auf denen alle lustig und zufrieden waren, tanzten, tranken und feierten. Sich selbst und anderen versüßte er das Leben mit seinem Imkerhonig aus eigener Produktion. Ein Russe durch und durch. Aufgrund seiner leidenschaftlichen Art wurden seine Interessen zum Thema der Öffentlichkeit. Mit einer Ausnahme: Von seiner Hobby-Imkerei ließen sich nur wenige anstecken. Ihm ist es zu verdanken, dass die Moskauer heute ein reges – wenn auch negatives – Interesse für Skulpturen, architektonische Meisterwerke und Neubauten entwickelt haben.


Zu guter Letzt...

Ich hatte viele Gelegenheiten, Luschkow zu kritisieren und auszulachen. Danke, dass ich noch lebe, danke für die Vielzahl an Themen. Und sonst? Nichts zu danken. Moskau hat in den letzten 15 Jahren eine gravierendere Stadterneuerung erlebt als unter den Avantgardisten und Stalin zusammen, so gewaltig wie in Berlin oder Schanghai. Die Stadt hätte eine Welthauptstadt der Architektur werden können und wurde es nicht. Sie könnte einzigartig sein, mit Straßen, Häusern und Höfen, die Geschichte verströmen. Sie ist es nicht. Und deswegen bin ich untröstlich. Leben Sie wohl, Jurij Michajlowitsch, danke und auf Nimmerwiedersehen.

Grigorij Rewsin ist Kunsthistoriker und Kolumnist der Tageszeitung Kommersant.

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