Ein russischer Virenkiller nimmt Kurs auf Amerika

Jewgenij Kaspersky und sein Team

Jewgenij Kaspersky und sein Team

Jewgenij Kaspersky hat Kaspersky Lab zu einem Zugpferd des Virenschutzes gemacht. Sein Traum: In 25 Jahren die Nummer eins weltweit zu werden.

Denkt man an das Moskau der frühen 90er-Jahre, kommen einem die Männer mit Goldketten und schwarzen Lederjacken in den Sinn, die auf den Straßen mit Kalaschnikows ihre Konflikte um Geld und Macht austrugen. Abseits dieser Straßen machte ein junger Mathematiker sich daran, einen ganz anderen Ruf des post-sowjetischen Russlands zu begründen, nämlich den einer Nation wirkungsvoller Bekämpfer von Kriminalität. Genauer gesagt: von Cyberkriminellen.

 Jewgenij Kaspersky, heute ein lebensfroher Mittvierziger, begann in den späten 80er-Jahren damit, Computerviren zu untersuchen, in einer Zeit, als in Russland nur eine Handvoll elitärer Regierungseinrichtungen über Computer verfügten. Heute hat er ein Imperium aufgebaut, das einen Wert von 235 Millionen Euro hat und Software entwickelt, die weltweit Computerwürmer, Trojanische Pferde und andere virtuelle Störenfriede aufspürt und vernichtet, bevor sie bei den Usern Schaden anrichten. Als Kaspersky 1995 am Moskauer Institut für Kryptografie, Telekommunikation und Informatik sein Ingenieursdiplom in Mathematik erhielt, war die Sowjetunion, zerfallen - und auch um Russland war es nicht gut bestellt. Seine erste Anstellung fand Kaspersky bei einer ukrainischen Computerimportfirma, für die er Virenschutzprogramme entwickeln sollte. „Ich hatte mich mit Viren spaßeshalber beschäftigt, aber ich hätte nie gedacht, dass ich damit Geld verdienen könnte“, sagt Kaspersky heute. Es folgte eine Stelle bei Kami, einem der ersten russischen Hard- und Softwareunternehmen. Die Firma gab Kaspersky einen Rechner und 100 Dollar im Monat. Der junge Russe schätzte sich glücklich, denn in den 90ern war jedes Einkommen ein gutes Einkommen.

Von Null an


Doch die Firma kam trotz guter Ideen nicht aus den Startlöchern. „Wir bedienten vor allem den Binnenmarkt, aber der war praktisch nicht existent“, erinnert sich Kaspersky. Das Jahr 1994 brachte die Wende: Die Fakultät für Informatik der Universität Hamburg kürte Kasperskys Tool zum besten Antivirusscanner weltweit. Die Telefone begannen zu läuten. Kasperskys Drei-Mann-Team wurde mit Aufträgen für Virensoftware von europäischen und amerikanischen IT-Firmen überschwemmt. Bald wuchs ihnen der Verwaltungsaufwand über den Kopf - und es fehlte an Zeit für das Emtwicklungslabor. Zusammen mit seiner Frau verließ Kaspersky 1997 Kami und gründete mit seinen Kollegen eine eigene Firma. Eine gute Entscheidung. Heute ist Kaspersky Lab das viertgrößte Antivirenunternehmen weltweit. Mit Wachstumsraten von bis zu 76 Prozent hat Kaspersky es als einziges russisches Unternehmen unter die Top 100 der weltweit größten Softwarefirmen geschafft. 2010 wird er mit 342 Millionen Euro Platz 79 erreichen.

Den ganz Großen hinkt Kaspersky freilich noch hinterher: Die US-Giganten Symantec und McAfee sowie Japans Trend Micro machten 2010 jeweils 3,9 Milliarden, 686 Millionen und 733 Millionen Dollar Umsatz. Der Russe reagiert gelassen: „Wir wissen vom Sport: Nicht die Mannschaft mit dem größten Budget gewinnt, sondern die, die am besten spielt“. Und während rund um den Globus jede Sekunde ein neuer Virus geschaffen wird, spricht Kaspersky über seine Strategie: Es habe höchste Priorität, für sein Team weitere Programmierer und Virenkiller zu gewinnen. Im Januar 2009, als Russland unter der Wirtschaftskrise ächzte, heuerte Kaspersky 25 Softwareingenieure aus Sankt Petersburg an. Zwischen 2000 und 2005 war das Unternehmen in allen großen Märkten eingestiegen, unter anderem in den Vereinigten Staaten, Japan und China. Weltweit beschäftigt Kaspersky mehr als 2.200 Mitarbeiter. Ein steigendes Interesse an Kasperskys Virensoftware in den Vereinigten Staaten, traditionell eine Hochburg von Symantec und McAfee, hat das Unternehmen dazu angespornt, einen Standort mit einem Expertenteam an der US-Westküste einzurichten. Auch wenn es schwierig bleibt, echte „Cracks“ aus Silicon Valley zu Kaspersky zu locken. „Wir sind immer noch keine Aktiengesellschaft, also können wir anders als die Konkurrenz keine Aktienoptionen anbieten,“ sagt Kaspersky. „Aber wir arbeiten ständig an unserem Vergütungsprogramm.“ Der Börsengang ist vorerst vom Tisch. 2008 stand Kaspersky Lab kurz davor, aber die Finanzkrise hat den Schritt auf unbestimmte Zeit hinausgezögert. „Die Firma ist profitabel und benötigt keine zusätzliche Finanzierung“, betont Kaspersky. Allerdings werde der Vorstand zu den Plänen zurückkehren, sobald die Wirtschaft sich erholt habe.

Zukunftspläne

Um langfristig gute Geschäftsergebnisse zu erzielen, brauche man Vertragsabschlüsse, erklärt Kaspersky. Das Problem dabei: „Private Nutzer sind selten markentreu. Die Leute glauben nicht, dass es wichtig ist, welches Virenprodukt sie verwenden.“ Ganz anders verhalte es sich mit Unternehmen. Das sind die nachhaltigen Einnahmequellen für Kaspersky Lab, denn dazu gehören auch Service- und Beraterverträge. In Europa sind die Russen schon heute die Nummer zwei, weltweit kommt das Lab aber nur auf einen Anteil von fünf Prozent. Das soll sich ändern: Schon 2011 will man Trend Micro überholen und weltweit an die dritte Stelle treten. Der Russe ist optimistisch: In 25 Jahren, glaubt er, könne man sogar international die Nummer eins sein. „Für die amerikanischen Wettbewerber ist der Binnenmarkt die cash cow“, sagt er. „Wir sind anders. Wir waren noch nie ein russisches Unternehmen, unsere Märkte lagen immer außerhalb Russlands. Wir wissen: In anderen Ländern müssen wir uns anders verhalten. Dieser globale Ansatz wird uns voranbringen.“

Info:

2209 Mitarbeiter beschäfigt Kaspersky Lab weltweit, davon über 160 in der deutschen Niederlassung in Ingolstadt.

280  Millionen Euro Umsatz hat das Unternehmen 2009 erwirtschaftet, daruter 135 Millionen Euro in Europa.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland