Ihr Herz schlägt für zwei Länder

Ursula Rossmeisel in ihrer alten - neuen Heimat. Copyright: Cornelia Riedel

Ursula Rossmeisel in ihrer alten - neuen Heimat. Copyright: Cornelia Riedel

Ursula Rossmeisel wurde 1931 auf der Insel Usedom geboren, auf Hiddensee wuchs sie auf. Doch ein Tag im Jahr 1946 veränderte ihr gesamtes Leben. Es ist wie eine Zeitreise: Das geklöppelte Tischdeckchen, gemusterte Wandteppiche, die Sessel- und Couchüberwürfe mit Blumenmuster und Ornamenten im Zimmer von Ursula Rossmeisel - der „Reichsdeutschen“, wie sie sich selbst nennt. Im September 2006, Deutschland hatte gerade seinen schwarz-rot-goldenen Fußball-Sommer hinter sich, ist sie zurückgekehrt. Endlich. Zurück von einer fast 60 Jahre andauernden Odyssee quer durch die Sowjetunion und Russland. Und fern, fern der Heimat.

  

„Kommen Sie rein in mein Rattenhaus – obwohl – hier gibt es ja wenigstens keine Ratten wie in Nachodka“, sagt Ursula Rossmeisel zur Begrüßung. Ratten gab es in Nachodka, 8.000 Kilometer von hier an der russischen Pazifikküste, zuhauf. Die Deutsche wohnte dort jahrelang in einer „Kommunalka“, einer Baracke mit langem Gang in der Mitte und dutzenden Mietparteien. In ihrem Zimmer - Schlafraum, Wohnzimmer, Spiel- und Arbeitszimmer in einem - fand sich gerade mal Platz für ein Bett, einen kleinen Tisch und einen Schrank.

Weit weg von der Heimat

„Deutschland“. Damals, vor fünf Jahren, füllten sich Ursula Rossmeisels Augen mit Tränen, wenn das Wort fiel. „Auf der Lüneburger Heide“ hatte sie dann leise angestimmt. Dort, wo Ursula Rossmeisel zuletzt gelebt hat, 130 Kilometer von Wladiwostok, haben Bahnstationen keine Namen mehr, Sie heißen nach der Entfernung zur nächsten Stadt „Kilometer 118“ oder „Kilometer 57“. 6.500 Kilometer sind es von hier bis Moskau. Luftlinie.

2010, Stralsund. Eine kleine Wohnung in einer Plattenbausiedlung am Stadtrand. Ursula Rossmeisel breitet alte Unterlagen aus, Geburtsurkunde, einen zerschlissenen BRD-Pass, russische Papiere und jede Menge Fotos. Ihr Balkon quillt über vor Blumen, an der Wand hängen Familienfotos. Alle Verwandten sind in Russland geblieben.

Die Geschichte…

1931 wird Rossmeisel in Swinemünde, dem heute polnischen Swinoujscie, geboren. Ihre Eltern sterben früh, und die 14-Jährige lebt mit ihren drei Brüdern und der Großmutter im Dorf Vitte auf Hiddensee. Als die Insel zu Kriegsende von sowjetischen Truppen eingenommen wird, geht sie aufs Festland. Rossmeisel ist 16, als sie bei der Arbeit als Trümmerfrau in Stralsund von einer sowjetischen Patrouille aufgegriffen wird. Man zwingt sie zum Arbeitsdienst - ihre unfreiwillige Reise gen Osten beginnt. „In der sowjetischen Kommandantur musste ich zusammen mit anderen Mädels sauber machen, kochen und Wäsche waschen“, erinnert sie sich. Dann wird sie in das Sammellager Nr.69 in Frankfurt/Oder gebracht, später ins weißrussische Grodno. Die Jugendliche erlebt Gewalt und Hunger, wird gezwungen, einen russischen Namen anzunehmen. Eine verblasste Tätowierung, kyrillische Buchstaben, auf ihrem Arm erzählt noch aus dieser Zeit.

Erst 1957 kann sie wieder ihren deutschen Namen führen und bekommt von den sowjetischen Behörden als Staatenlose ein Ersatzdokument. Weder die sowjetische noch die russische Staatsbürgerschaft wird sie bis zu ihrer Ausreise je annehmen. November 2010. In der Einzimmerwohnung in Stralsund serviert Ursula Rossmeisel Hühnchen mit Kartoffeln. „Fleisch esse ich nur manchmal, ich spare für einen Besuch bei den Kindern im Osten.“ Noch immer klingt ihr Deutsch ein bisschen wie aus einer anderen Zeit. Hier und da mischt sich ein russisches Wort ins Gespräch, sucht die fast 80-Jährige nach den passenden Worten in ihrer Muttersprache. In der Küche hängt ein Bild von Angela Merkel: „Die liebe ich, die will Gutes für Deutschland.“

Wenn Ursula Rossmeisel von ihrem Leben erzählt, reihen sich Demütigungen, Ortswechsel und Vertreibungen wie Selbstverständlichkeiten aneinander. Sie lebt in Riga und in Leningrad, bei Archangelsk im äußersten russischen Norden und in der kasachischen Steppe. Ursula Rossmeisel hat hier einen Mann, dort einen, doch keinen heiratet sie, weil ihr die nötigen Dokumente fehlen – überall ist sie die fremde Deutsche. In den 60er-Jahren schreibt sie den ersten Brief nach Hause. Zwei Brüder hat sie noch in Stralsund.

Die Staatenlose

 Ab 1962 wohnt sie in Karaganda, in der kasachischen Sowjetrepublik, später in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe, wo sie als Gärtnerin arbeitet. Aus dieser Zeit stammt ihr BRD-Pass, den Rossmeisel nun hervorholt: Die Seiten lose, einige zerrissen, per Hand 1970 in Moskau ausgestellt. Die westdeutschen Verwandten hatten ihn beantragt. „Ich wollte zurück nach Deutschland“, sagt Rossmeisel. Mehrere Tausend Kilometer fuhr sie nach Moskau, um den Pass abzuholen. Dann sagte ihr Mann Nein. „Er wollte nicht in ein völlig fremdes Land“, erzählt sie. Zwei der fünf Kinder waren auf ihn registriert, gegen seinen Willen konnte sie also nicht gehen. Rossmeisel entscheidet sich für ihre Familie. Nach fünf Jahren verfällt ihr deutscher Pass und mit ihm der Traum von der alten Heimat – vorerst.

Als die UdSSR zerbricht, beginnt in Tadschikistan ein blutiger Bürgerkrieg, Rossmeisel flieht vor dem Chaos mit ihren drei Enkeln nach Wladiwostok zu einem ihrer Söhne. Das Achselzucken, mit dem sie von dem neuerlichen Ortswechsel spricht, lässt die größeren Brüche in ihrem Leben nur erahnen. Nachodka soll die letzte Station vor der Rückkehr nach Deutschland werden. Es ist ein elendes Leben. 960 Rubel Rente, etwa 30 Euro, bekommt Ursula Rossmeisel pro Monat, dazu 1.500 Rubel Invalidenzuschlag. In der Gemeinschaftsunterkunft zapfen sie das Wasser aus der Heizungsanlage, wenn es gerade kein anderes gibt. „Ich will meine Heimat noch mal sehen, bevor ich sterbe“, sagte Rossmeisel damals. „Der Peti, der ist für mich wie ein Sohn, ohne ihn wäre ich jetzt nicht hier“, sagt sie heute darüber. „Der Peti“, das ist Peter Schwarz, ein Dozent, der damals in Wladiwostok unterrichtet. Durch die Bekanntschaft mit ihm wird Rossmeisels Traum wieder greifbar. Er organisiert ihr die nötigen Papiere für eine erneute Anerkennung ihrer deutschen Staatsbürgerschaft und plant mit ihr minutiös die Umsiedlung nach Deutschland.

Wie das Schicksal es will

Im September 2006 schließlich ist es soweit: Zusammen mit ihrer Tochter bricht Rossmeisel nach Moskau auf. In der Deutschen Botschaft erhält sie die Ausreisepapiere, ihre Tochter begleitet sie mit einem Besuchsvisum in die neue alte Heimat. Stralsund sollte es sein, das war klar: ganz in der Nähe der beiden Brüder und nicht zu weit weg von Hiddensee, dem Ort ihrer Kindheit. „An den Flieder am Zollhaus denk ich noch oft. Aber vieles aus meinen Erinnerungen ist jetzt weg. Die Leute sind anders geworden, sie denken nur noch ans Geld und an den Tourismus.“

Ihre Kinder und Enkelkinder nachzuholen, das ist Rossmeisels neuer Traum. Von ihrer kleinen Rente spart sie einen Teil für die Übersetzung von Dokumenten, um sie als Aussiedler nachzuholen. „Ich bin Reichsdeutsche, aber meine Kinder sind Russlanddeutsche, sie haben ein Recht, herzukommen.“ Ihre Rückkehr nach Deutschland, die bereut sie nicht. „Am Anfang war es schon sehr einsam hier“, sagt sie. Denn ihre Tochter ist bald zurückgekehrt, ins alte Leben nach Nachodka. Aber ihr Bruder besucht sie ab und zu, an anderen Tagen kommt die Nachbarin Agnes zum Essen vorbei. Dann gibt es russischen Borschtsch und Manty, zentralasiatische Maultaschen. Ursula Rossmeisel schwärmt von ihrem neuen Leben, erzählt von den üppigen Blumengeschäften, von sauberen Straßen und Hausfluren und den hilfsbereiten Mädchen einer kirchlichen Organisation.

Zwei Herzen in einer Brust

Sie würde sich ihre kleine Rente gern ein wenig aufbessern: „Selbstgemachtes auf der Straße verkaufen und sich etwas dazuverdienen mit dem, was man im Garten angebaut oder gestrickt hat, so wie in Russland.“ Doch ohne Gewerbeschein ist das in Deutschland nicht erlaubt. „Aber ich halte den Kopf hoch und schaue geradeaus, so gehört es sich für ein deutsches Mädel!“ Es ist, als schlügen in der Brust von Ursula Rossmeisel zwei Herzen. „Ich liebe Russland - und ich liebe dieses Land“, sagt sie irgendwann. Im Januar war sie mal wieder ein paar Wochen in Nachodka. Doch ganz zurück nach Russland, das will sie nicht. „Meine Heimat, das ist doch hier ...“

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland