Friede den Konsumpalästen

Supermarkt fürs Volk.Copyright: photoxpress

Supermarkt fürs Volk.Copyright: photoxpress

Der Schneematsch reichte bis zu den Knöcheln. Eine riesige Menschenmenge quälte sich mit schweren Einkaufstaschen durch das Labyrinth aus Blechcontainern und alten Lastwagen, von deren Ladeflächen irgendwelche Waren verkauft wurden. „Großmarkt“ nannten sich die apokalyptischen Handelsplätze an den Stadträndern von Moskau, aber hier kauften keine Großhändler ein, sondern das einfache Volk.


Auf diesen wilden Märkten gab es alles: steifgefrorene Fische aus dem Pazifik, deutsche Joghurts, schwedisches Erdbeermüsli, Toilettenpapier, Hundefutter und Sommerkleider. Damals, im unvorstellbar lange zurückliegenden Jahr 1995, liefen wir sehr häufig über den „Großmarkt“ an der Metrostation „Jugo-Sapadnaja“ - „Südwestliche” – fast schon am Stadtrand Moskaus. Einmal, als das Wetter wieder besonders schaurig war und uns der Schneeregen in die Gesichter wehte, meinte ein Kommilitone, der für ein Auslandssemester nach Moskau gekommen war: „Warte es nur ab: In zehn Jahren steht hier ein Supermarkt mit blank geputzem Boden. Und das einzige, was beim Einkaufen stört, wird die Musik sein, die von der Decke plärrt.“ Ich schwieg dazu, aber ich erklärte meinen Bekannten insgeheim für völlig verrückt. Dabei erwies sich seine Zukunftsprognose als vollkommen korrekt.

Supermärkte fürs Volk

 

1995 gab es in ganz Moskau mit seinen zehn Millionen Menschen nur eine Handvoll Supermärkte. Die Preise waren in Dollar ausgezeichnet und so hoch, dass kaum jemand dort einkaufte. Später entstand mit der ersten Filiale der türkischen Ramstore-Kette ein Supermarkt für die ganz normalen Moskauer. Das war Ende der Neunziger noch eine kleine Sensation. Heute stehen die riesigen Einkaufszentren fast an jeder Straßenecke. Unser Stadtviertel an der Metrostation „Wojkowskaja“ blieb bis zuletzt supermarktfrei. Es gab nur ein paar kleine Lebensmittelläden für die alltäglichen Dinge. Ganz viele Waren kauften wir deshalb an der U-Bahn. Direkt an den Ausgängen waren ganze Reihen von Holzbuden, Zelten und kleinen Kiosken aufgestellt, wo es vor allem Obst und Gemüse zu kaufen gab.

Die Verkäuferinnen waren wohl allesamt illegale Einwanderer aus den früheren Sowjetrepubliken. Menschen, die oft sieben Tage in der Woche von morgens bis neun Uhr abends schufteten, ohne Rechte und für einen miserablen Lohn. Die junge Usbekin, die in einem Kiosk neben unserem Hochhaus in der Heizkörper-Straße rund um die Uhr Zigaretten, Bier und Kartoffelchips vorrätig hatte, schien in dem umgebauten roten Bauwagen ohne Räder auch zu schlafen. Für die Moskauer hatte dieses Ausbeuter-System einen enormen Vorteil. Sie konnten zu jeder Tages- und Nachtzeit wenige Schritte von der Haustür alles Notwendige einkaufen. Es gab aber auch einen nicht unerheblichen Nachteil. Auf den Märkten gehörte Betrug zum Alltag, wie das Gedränge in der Metro. Zu hoch abgewogene Äpfel, falsch abgezähltes Wechselgeld, verfaulte Paprika - über die Jahre kam da eine ansehnliche Summe zusammen.

Nach einigen sehr ärgerlichen Erfahrungen hatte ich mir mein eigenes Einkaufssystem zurechtgelegt. Weil ich mich nicht mehr von anonymen Händlern übers Ohr hauen lassen wollte, die noch dazu ständig wechselten, beschloss ich, nur noch bei ganz bestimmten Ständen einzukaufen. Mein Obst und Gemüse holte ich nach einigen Tests bei Maria aus dem ukrainischen Lwow (Lemberg) am hinteren Metro-Ausgang.

Unersetzbare Obstverkäuferinnen

Und die Rechnung ging auf. Der tägliche Besuch am Obststand wurde zum Ritual. Bald gab es zum Kilo Bananen noch regelmäßig eine Kiwi „für das kleine Mädchen“ oben drauf. Wenn vier Sorten Tomaten vor dem Stand ausgelegt waren, erfuhr ich mit hundertprozentiger Sicherheit, welche „leider überhaupt nicht gut schmeckt“. Wir hätten ewig so einkaufen können, doch eines Tages war Maria weg. Verschwunden von heute auf morgen. War sie festgenommen worden? Oder abgeschoben in die Ukraine? Ich stand vor einem riesigen Problem: Wie sollte ich meine Stammverkäuferin ersetzen? In der Tat eigneten sich bei Weitem nicht alle Stände zum täglichen Einkauf. Nach einigem Suchen fand ich dann doch Ersatz. Drei Buden weiter in Richtung Metro-Eingang versorgten wir uns von da an bei Gülya aus Aserbaidschan mit Gemüse, Mandarinen, Äpfeln und netten Sprüchen.

Das abendliche Einkaufen machte wieder richtig Spaß. Nach einigen Wochen freilich kehrte Maria an ihren angestammten Platz zurück - sie hatte sich alle ihre freien Tage für einen längeren Heimaturlaub zusammengespart. Nun stand ich vor einem wirklichen Dilemma. Auf dem Nachhauseweg von der U-Bahn kam ich gezwungenermaßen an beiden Ständen meiner Stammverkäuferinnen vorbei. Beide grüßten mich jedes Mal schon freundlich von Weitem, schließlich hatten sie sich an meine täglichen Einkäufe gewöhnt. Wir haben sehr, sehr viel Obst gegessen in jenem Herbst. Zugegeben: Die Stände, in denen die Verkäuferinnen im Winter versuchten, sich hinter durchsichtigen PVC-Platten vor der Kälte zu schützen und die ausgelegten Früchte vor dem Erfrieren zu bewahren, passten eigentlich nicht mehr richtig ins 21. Jahrhundert. Und mit jedem Jahr wurde es verwunderlicher, dass der nette CD-Händler immer noch seine raubkopierten Auslagen präsentieren durfte.

Supermärkte, statt Obstverkäufer


Mehrmals unternahmen die Behörden schließlich Anläufe, den ganzen Markt am Metro-Ausgang aufzulösen. Ihre Aktionen begründeten sie mit fehlenden Kassenbons, dem Kampf gegen illegale Zuwanderung und der Gefahr von Terroranschlägen. Über Nacht waren die Kioske dann geschlossen, aber nach einigen Tagen trauten sich die ersten zurück an die Arbeit, und spätestens nach zwei Wochen rollte wieder der Rubel, als wäre nichts gewesen. Tatsächlich waren meine Obstverkäuferinnen und ihre Kolleginnen da aber schon angezählt und mittlerweile sind alle fliegenden Händler von „meinem“ Metro-Eingang verschwunden. Stattdessen hat auf der anderen Straßenseite ein neuer, rund um die Uhr geöffneter, riesiger Supermarkt eröffnet - klimatisiert, mit Einkaufswagen und elektronischen Kassen. Die Moskauer finden das ganz gut so.

Nur einmal im Jahr wird der Gehweg zur U-Bahn noch immer zum Basar. Im Herbst kommen die Lastwagen aus Südrussland und Mittelasien und laden direkt vor den Hochhäusern riesige Berge von Wassermelonen ab, mitsamt Melonen-Wächter, der neben seinen Waren oft auch übernachtet und seine Mahlzeiten zu sich nimmt. Denn eine Vorliebe lässt sich nicht so schnell ändern: Russen wollen ganze Melonen. Keine in Klarsichtfolie abgepackten 300-Gramm-Portionen aus dem Supermarkt.

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