Russland braucht Elite-Unis

Welche Uni ist die Beste? Der Akademiker-Wettlauf beginnt. Copyright: Dmitr Divin

Welche Uni ist die Beste? Der Akademiker-Wettlauf beginnt. Copyright: Dmitr Divin

Russland will moderne Hochschulen. Dafür sollen bereits existierende Universitäten zukünftig besser subventioniert werden und einen besser klingenden Beisatz im Namen tragen. Die Universitäten haben aber noch viel schwierigere Hürden zu meistern, glaubt Igor Fedjukin, Leiter für empirische Forschungen an der Neuen Wirtschaftsschule Moskau

Viele russische Akademiker waren unangenehm überrascht, als Andrei Fursenko, Minister für Bildung und Wissenschaft, eine Art „Oberliga“ für Universitäten forderte, wie sie unter Fußballvereinen üblich ist. Dem Beispiel Deutschlands, Chinas und Pakistans folgend, will nun auch Russland ein ehrgeiziges Programm durchsetzen und mehrere Universitäten aufwerten. Um den Titel Elite-Universität haben sich alle russischen Hochschulen beworben. Rund zwei Dutzenden wurde der Status anerkannt. Jetzt erhalten sie zusätzliche Fördermittel und können ihren Lehrplan unabhängiger gestalten – im Gegensatz zu anderen Universitäten, die nach wie vor nach einem zentral geregelten Plan arbeiten. Im Gegenzug sollen diese neu erschaffenen „Flaggschiffe“ des Hochschulsystems eine effizientere Verwaltung demonstrieren, jüngere Wissenschaftler einstellen, ihre Dozenten fortbilden und letztendlich auch die Bedingungen für die Forschungsarbeit aufbessern. Dadurch, so ist jedenfalls die Erwartungshaltung, würden sie in den akademischen Kreisen international besser auffallen.

Eine Hochschulreform erwünscht

 Eine derartige Differenzierung wäre in Russland längst angebracht gewesen. Zum einen würde sie eine gesunde Konkurrenz zwischen den Hochschulen fördern, die es in der Sowjetzeit nicht gab. Zum anderen, würde dadurch die akademische Mobilität in Russland zunehmen. Bis heute entscheiden sich die meisten russischen Abiturienten für ein Studium in ihrer Heimatstadt. Die besten Schulabgänger gehen nach Moskau oder St. Petersburg, wo die inoffiziellen Elite-Universitäten Russlands stehen. Ferner müsste dadurch zwangsläufig die Qualität der vermittelten Bildung zunehmen, die über die letzten 20 Jahre konstant abfiel. Dieser Rückgang ist einerseits dem Anstieg der Studierenden-Anzahl zu verdanken, die sich über zwei Jahrzehnte mehr als verdoppelte. Andererseits aber auch der hochschulinternen Wirtschaftspolitik. Noch vor Jahren führten alle russischen Universitäten Quoten für Studenten ein, die Studiengebühren zu entrichten haben. Diese Quoten werden seit Jahren erhöht, während der Anteil ihrer Kommilitonen, die auf Staatskosten studieren, immer mehr abnimmt. Dabei steht bei den zahlungskräftigeren Studenten nicht immer die Leistung im Vordergrund, sondern eher ihre finanzielle Liquidität. Das heißt, immer mehr Studenten müssen für ihre Bildung bezahlen. Dabei nimmt ihr Bildungsniveau aber konstant ab. Ein weiteres indirektes Problem ist der Wehrdienst: Viele Studenten wollen diesen durch eine Immatrikulationsbescheinigung umgehen.

All diese Probleme haben russische Diplome extrem abgewertet. Die Situation muss sich aber durch den Wettbewerb zwischen den Universitäten wie ihren Studenten zwangsläufig ändern. Das Programm der Elite-Universitäten soll ebenso den Wettbewerb in der Industrie fördern. Die Namenszusätze „Nationale Forschungsuniversität“ sowie „Föderale Universität“ sollen die besten Studenten und Geldgeber anlocken. Denn nach dem Elite-Modell müssen die Universitäten untereinander auch um zusätzliche Subventionen konkurrieren.

Elite-Universitäten zu schaffen ist eine Herausforderung

 

Somit schafft das Programm klare internationale Kriterien, nach denen jede Universität gemessen und bewertet werden kann, wie z. B. nach der Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen in internationalen Fachzeitschriften und nach deren Impact-Faktor, nach der Anzahl der ausländischen Studenten, der Promovierenden sowie nach international erfolgreichen Studenten. Natürlich ist die Herausforderung gigantisch. Zunächst einmal können sich die meisten russischen Akademiker nichts unter einer internationalen Spitzenuniversität vorstellen. Wie eine Befragung unter russischen Rektoren neulich belegt, hat nur ein Rektor dieser neugeformten Eliteuniversitäten Berufserfahrung im Ausland gesammelt, 22 der 24 befragten Rektoren haben ihren Abschluss auch direkt an ihrer Uni gemacht. Lediglich zehn von ihnen haben noch an anderen Universitäten gearbeitet.Das heißt, die meisten Rektoren kamen noch als Studienanfänger an ihre Universität und haben sie auch nie verlassen.

Daher sind Wortlaute aus der Innenpolitik, man wolle in 15 Jahren mit Stanford gleichziehen oder etwa die Publikationen in internationaler Fachpresse innerhalb von drei Jahren verdreifachen eher unrealistisch. Das Programm hat viel Kritik geerntet, weil es einfach überbürokratisiert ist. Dennoch rückt eine Veränderung des russischen Hochschulsystems in greifbare Nähe. Man kann nur hoffen, dass russische Elite-Universitäten den Sprung bis in die globale Liga schaffen. Bisher sind sie darin mit nur zwei Hochschulen vertreten.

 Igor Fedyukin ist Leiter für empirische Forschungen an der Neuen Wirtschaftsschule in Moskau.

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