„Es ist ein Wandel, den Russland durchmacht“

Jewgenij Abow, Herausgeber von Russland HEUTE. Copyright: Russland HEUTE

Jewgenij Abow, Herausgeber von Russland HEUTE. Copyright: Russland HEUTE

Russland HEUTE fragt seinen Herausgeber, was die Beilage ist, was sie will und was sie in der Süddeutschen Zeitung macht.

RH: Herr Abow, die Schlüsselfrage zuerst: Wer finanziert dieses Projekt?

Jewgenij Abow: Das Projekt wird aus dem Budget der Rossijskaja Gaseta finanziert, das im Staatshaushalt permanent festgesetzt ist, weil die Rossijskaja das amtliche Bekanntmachungsblatt für Gesetze, Regierungsbeschlüsse und Präsidialerlässe ist.

RH: Mit anderen Worten - die Regierung. Wie haben denn die anderen internationalen Zeitungen auf die Beilage reagiert?

Jewgenij Abow: Die Reaktion war immer gleich: Sie fürchteten, sie würden in eine Аffäre hineingezogen, durch die der Kreml seine Propaganda in ihre Zeitungen durchschleusen will.

RH: Ist Russland Heute etwa keine Propaganda?

Jewgenij Abow: Nein, wir machen Journalismus. Und im Qualitätsjournalismus haben Propaganda und Einseitigkeit keinen Platz. Wir erörtern von verschiedenen Seiten, zeigen unterschiedliche Meinungen und drängen keine Standpunkte auf. Wir bringen die Informationen über Russland, die am ausländischen Leser – wie wir glauben – vorbeigehen. Damit wollen wir die Russland-Thematik in der ausländischen Presse vertiefen.

RH: Genau das macht der staatliche TV-Sender Russia Today aber auch…

Jewgenij Abow: RT macht Nachrichten, wie CNN. Wir machen hintergrundstarke Russland-Berichterstattung. RT zeigt internationale Ereignisse aus russischer Sicht. Wir zeigen interne Ereignisse aus internationaler, wie aus unserer Sicht.

RH: Glauben Sie, deutsche Leser wissen zu wenig über Russland?

Jewgenij Abow: Unter den internationalen Lesern sind die deutschen über die Ereignisse in Russland wahrscheinlich am besten informiert. In Russland arbeiten meines Wissens fast 40 deutsche Auslandskorrespondenten, freie Journalisten nicht mitgezählt. Das spornt an.

RH: Was wollen Sie einem SZ-Leser dann noch erzählen?

Jewgeni Abow: Wir wollen mehr über Russland schreiben, und zwar aus der Sicht der Menschen, die dieses Land von Innen her kennen.

RH: Wen meinen Sie damit?

Jewgenij Abow: Unsere Autoren, alles professionelle Journalisten führender und unabhängiger russischer Medien – wie beispielsweise Vedomosti, The Moscow Times, Kommersant, gazeta.ru. Auch schreiben für uns Korrespondenten englischer, italieniescher, französischer und amerikanischer Printmedien. Jetzt, da wir in der SZ erscheinen, wollen wir natürlich deutsche Autoren für uns gewinnen.

RH: Und sie glauben wirklich, dass der SZ-Leser sich für Russland interessiert?

Jewgenij Abow: Wie die Erfahrung zeigt, sind Russland-Informationen international doch sehr gefragt. Das Land verändert sich sehr schnell, die Anpassungsprozesse sind entsprechend heftig. Es ist ja auch ein dramatischer Wandel, den das Land gerade durchmacht. In einem Jahr legt Russland einen Weg zurück, für den Deutschland wahrscheinlich ein Jahrzehnt brauchte. Selbstverständlich rechnen wir damit, dass die Hintergründe dieser rasanten Transformationen den Leser interessieren.

RH: Wird ihre Arbeit „von oben“ überwacht?

Jewgenij Abow: Derzeit nur „von unten“: Zwei Mal im Jahr lassen wir Leserumfragen durchführen. Sollte sich herausstellen, dass wir beim deutschen Leser kein Interesse wecken konnten, würden wir Russland HEUTE einstellen. Bis jetzt ist es jedoch in keinem Land so weit gekommen.

RH: Die letzte Frage: Werden sie nun im Kreml gelesen?

Jewgenij Abow: Vor Kurzem hat unser Generaldirektor die Beilagen Dmitri Medwedjew gezeigt. Der Präsident war sehr erstaunt. Er wusste nicht, dass wir monatlich erscheinen. Er surfte ein wenig auf unserer Webseite und fügte sie seinen Favoriten hinzu. Wir haben also mindestens einen Leser im Kreml (lacht).

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