Bruchlandung in Moskau

Eine Tupolew-154M der Dagestan Airlines legt eine Bruchlandung hin. Zwei Passagiere sterben, über 50 werden teils schwer verletzt. Russische Medien werfen den Piloten menschliches Versagen vor. Kollegen sehen sie als Helden.

Am 4. Dezember gegen 14 Uhr startet Flug Nr. 372 der Dagestan Airlines  mit 163 Passagieren an Bord von Moskau nach Machatschkala vom Moskauer Flughafen Wnukowo.

20 Minuten später, im Steigflug auf 9.000 Meter Höhe, meldet sich die Crew bei der Flugsicherung: die Triebwerke machen Probleme. Zwei Minuten später fallen zwei von dreien aus – die Nummern 1 und 3. Flugkapitän Sakarischi Sakarschajew will die Maschine auf dem nächstgelegenen 80 Kilometer entfernten Flughafen Domodedowo landen. Kurz darauf fällt auch Triebwerk Nummer 2 aus.

Die Passagiere merken vorerst nichts

„Gleich nach dem Start schlief ich ein“, erinnert sich Sajtun Dadaschew, der im hinteren Teil des Flugzeuges gesessen hatte. Der 33-jährige wacht erst auf, als das Flugzeug in Turbulenzen gerät. Er spürt, wie das Fahrwerk ausfährt. „Dann sah ich aus dem Fenster auch schon den Boden“, erzählt Dadaschew.

In diesen Minuten ist es ruhig an Bord. Das Flugzeug kippt links: „Ich dachte, die Tragfläche berührt gleich den Boden“. In letzter Sekunde bringen die Piloten die Tupolew in die Waagrechte, als sie mit voller Wucht auf der Domodedowo-Fahrbahn aufschlägt.

„Wir hatten die Landebahn Nr. 2 innerhalb weniger Minuten für Flug Nr. 372 geräumt“, erzählt Elena Galanowa, Pressesprecherin des Domodedowo-Flughafens, „sämtliche Starts und Landeanflüge aufgeschoben“. Der Luftraum über Domodedowo ist frei. Notärzte, Ambulanzen, Feuerwehr- und Rettungsleute warten in Alarmbereitschaft.

Die Fahrwerke der Tupolew halten dem Aufprall zunächst stand. Während das Flugzeug über die Bahn rollt, duckt sich Sajtun Dadaschew in seinem Sessel. Sekunden später spürt er, wie das vordere Fahrwerk bricht – die Tupolew pflügt sich mit der Nase in den Boden, es kracht, die Menschen schreien.

Die Piloten sehen nichts

„Die TU-154 landete unter sehr schweren Wetterbedingungen“, sagt später Aleksandr Neradko, Leiter von Rosawiazija, der föderalen Agentur für Flugwesen. 100 Meter über dem Boden hängt eine dichte Wolkendecke. Als die Tupolew diese durchbricht, hat die Crew keine Zeit mehr, die Signale der der Landebahnmarkierung zu befolgen. Zwar informierten Fluglotsen die Piloten permanent über ihre aktuelle Position, für einen Flugmanöver reicht die Zeit aber noch weniger.

„Die Maschine saß auf dem seitlichen Sicherheitsstreifen rechts auf, kreuzte die Rollbahn, rollte auf den linken Sicherheitsstreifen und fuhr dann weiter“, so umschreibt Neradko die Bruchlandung.

„Wir mussten hinunterspringen“

Ungefähr einhundert Meter vor der nördlichen Grenzmauer des Domodedowo-Flughafens rollt die Tupolew mit Vollgas über den Sicherheits-Erdwall. Vorderes Fahrgestell bricht, und reißt die Flugzeugnase mitsamt Cockpit und den vorderen Sitzreihen ab. Der Rumpf gräbt sich in den Boden und kommt nur 15 Meter vor der Betonmauer zum Stillstand. Unverbrauchtes Kerosin fließt aus den zerquetschten Tanks.

„Es herrschte Gedränge. Ich wollte den Notausgang öffnen, doch das klappte nicht. Als die Tür dann endlich aufging, ließ sich die Evakuierungsrutsche nicht aufblasen. Wir mussten alle hinunterspringen“, erinnert sich Dadaschew.

Panik habe bei der Rettungsaktion aber nicht geherrscht. Die Passagiere klettern auf die Tragflächen und springen von dort aus auf den Boden. Einige verletzen sich an den scharfen Kanten des aufgerissenen Rumpfs, andere brechen sich beim Sprung aus vier Metern Höhe die Beine. Die Rettungsmannschaften tragen die Schwerverletzten in den Sitzen hinaus. Rund fünf Minuten brauchen sie, um alle Passagiere in Sicherheit zu bringen. Wie durch ein Wunder entzündeten sich die 19,5 Tonnen ausgelaufenes Kerosin nicht.

Tote und Schwerverletzte – auch in der Crew

Zwei Passagiere kommen bei der Bruchlandung ums Leben: der 49-jährige Gadschimurad Magomedow, Bruder des Präsidenten der Republik Dagestan, und die 81-jährige Rosa Gadschijewa, Mutter eines russischen Verfassungsrichters. An Bord sind viele dagestanische Prominente, die in der Business Class im vorderen Teil des Flugzeugs sitzen. 56 Passagiere werden in Krankenhäuser gebracht, 22 kommen auf Intensivstationen.

Auch die Besatzungsmitglieder werden stark verletzt. Flugkapitän Sakarschajew erleidet er eine Prellung am Kopf und einige Knochenbrüche. Flugingenieur Wladimir Schetinin zieht sich Platz- und Quetschwunden und ebenfalls mehrere Knochenbrüche zu. Den Navigator Marat Kimpajew trifft es mit einem Schädeltrauma und einer Brustkorbquetschung am härtesten.

Mögliche Ursachen des Unglücks

Die Unfallkommission hat inzwischen einen Bericht vorgelegt. Demnach kam es bereits in 6500 Metern Höhe bei allen drei Triebwerken zu ersten Unterbrechungen der Treibstoffzufuhr. Als zwei der Triebwerke in 9000 Metern ausfielen, konnte "die Funktion des zweiten Triebwerks wieder hergestellt und bis zur Landung um 14.36 Uhr gewährleistet werden", heißt es im Unfallbericht.

Gleichzeitig sei der von Triebwerk Nummer 3 angetriebene Stromgenerator ausgefallen – und somit auch das Navigationssystem der Tupolew. Genauere Angaben will die Unfallkomission nach der Entschlüsselung des Voice Recordes machen, der alle Gespräche der Besatzung aufnimmt. Dieser wurde bisher nicht geborgen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verstoß gegen die Flugsicherheit. Alle technischen Dokumentationen zur Dagestan Airlines-Flotte wurden beschlagnahmt. Eine Stellungnahme über mögliche Unglücksursachen verweigerte die Führung der Fluglinie vorerst. Man warte offizielle Ergebnisse der Unfallkommission ab, sagte ein Sprecher. Mirsa Omarijew, Geschäftsführer der Fluglinie, teilte jedoch mit, dass die Tupolew TU-154M 1992 gebaut wurde, somit zu den jüngeren Baureihen gehöre und erst vor einem Jahr generalüberholt sowie planmäßig gewartet wurde.

Pilotenkollegen vermuten menschliches Versagen

Indessen nannte die russische Tageszeitung Kommersant menschliches Versagen als die wahrscheinlichste Ursache für das Unglück: Ein erfahrener Pilot, der den gleichen Flugzeugtyp fliegt und namentlich nicht erwähnt, wird zitiert. Ihm sei die Unfallursache „absolut klar“: Der Unfallbericht beschreibe nämlich die Situation, wenn man beim Start vergäße, die zusätzlichen Treibstoffpumpen zu aktivieren.

Bleiben diese Pumpen aus, reiche die Leistung der Hauptpumpen bis rund 5000 Meter Höhe. Danach sinke der Druck in der Kraftstoffleitung und die Triebwerke schalten sich nacheinander ab –Triebwerk Nummer 2 zuletzt.

Gegenstimmen werden laut

Die Internetzeitung Gazeta.ru fragte nach möglichen Unfallursachen bei Piloten der Dagestan Airlines nach. Salichman Achmedow, ebenfalls ein Flugkapitän, schmetterte menschliches Versagen sofort ab. Die Unglücksmaschine sei sicherheitstechnisch auf dem neuestem Stand gewesen: "Das Flugzeug hätte bei abgeschalteten Zusatzpumpen gar nicht erst starten können, die Sicherheitsautomatik hätte das verhindert", sagt der Pilot und fügt an, dass er die verünglückte Tupolew kürzlich selbst geflogen habe: "Vor drei Wochen habe ich die belgische National-Elf  zu einem Freundschaftsspiel nach Woronesch geflogen. Die Tupolew wurde vor erst wenigen Monaten generalüberholt".

Ein anderer Dagestan Airlines-Kollege glaubte, dass minderwertiges Kerosin zu den Triebwerkausfällen geführt haben soll. Die Pressestelle des Flughafens Wnukowo dementierte jedoch prompt: Aus dem gleichen Treibstoffbehälter seien neben der Tupolew zwei weitere Flugzeuge betankt worden, die ihren Zielort ohne Zwischenfälle erreichten. Inzwischen liege auch ein Ergebnis der chemischen Untersuchung des Treibstoffs aus dem besagten Reservoir vor: Das Kerosin erfülle sämtliche Qualitätsstandards.

In einem sind sich aber alle Befragten einig: "Sakarschajew ist der beste Pilot der Region". Der 60-jährige Flugkapitän hat über 17.000 Stunden in der Luft verbracht, 10.000 am Steuer einer Tupolew-154. Seine Crew hat ein fast unlenkbares, voll betanktes Flugzeug bei einer Sichtweite von 100 Metern ohne Navigation im Gleitflug gelandet.

Dieser Artikel beruht auf Informationen aus der Tageszeitung Kommersant und der Internetzeitung Gazeta.ru.


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