„Ich bin kein Spion, ich möchte einfach nur Basketball spielen“

John Robert Holden

John Robert Holden

Russland, lange Zeit als Exporteur von Sporttalenten bekannt, kauft nun selbst Sportler im Ausland ein. Die olympischen Winterspiele in Sotschi stehen vor der Tür. Man will dadurch das “Desaster von Vancouver ”vermeiden, als die russischen Olympiasportler mit nur drei Goldmedaillen den elften Platz belegten

Allerdings stößt die neue Strategie trifft sowohl in Russland als auch im Ausland auf geteilte Meinungen.

Die eingebürgerten US-Amerikaner John Robert Holden und Rebecca Hammon, die als die größten olympischen Hoffnungsträger gelten, spielen bereits im russischen Basketballteam. Eiskunstläuferin Yuko Kawaguchi – gebürtige Japanerin – spricht inzwischen fließend Russisch: Seit den letzten Winterspielen in Vancouver ist sie ein Star in Russland.

Mit dem russischen Pass bei Wettkämpfen anzutreten sehen die eingebürgerten Sportler eigentlich als eine Ehre. Gleichzeitig ist e saber auch schwierig, denn außerhalb der Trainingshalle haben sie nicht nur mit der Sprachbarriere, sondern auch mit gewaltigen kulturellen Unterschieden zu kämpfen.

Eine weitere Herausforderung ist auch die allseitige Kritik. “Die meisten meiner Freunde und Angehörigen waren überrascht, dass die Russen mir einen Pass gegeben und mich als Spieler in ihre Nationalmannschaft aufgenommen haben”, erzählt John Robert Holden. Der Profibasketballer sei von den US-Medien stark kritisiert worden, sieht es aber locker: “So ist das Leben: es bietet nicht nur tolle Möglichkeiten, sondern auch eine Menge Probleme, denen man sich stellen muss”, sagt Holden.

Anffangs sei er Russland mit vielen Vorurteilen begegnet: “Wie die meisten Amerikaner dachte auch ich, Russland sei so, wie wir es aus den Rocky-Filmen kennen,” erinnert sich Holden an seinen Umzug nach Moskau im Jahre 2003 - ein kaltes Land mit kühlen Menschen. Der in Pittsburgh geborene Basketballprofi schaffte es nicht bis in die NBA und spielte für mehrere europäische Klubs. Schließlich wurde er vom ZSKA Moskau angeworben, wo er Gerüchten zufolge fast drei Millionen Euro pro Jahr verdienen soll. In der Euroleague führte Holden ZSKA zweifach zum Meister- und 2007zum Europameistertitel, als er in der letzten Minute einen Treffer gegen Spanien landete.


 

US-Basketball führen russische Teams zum Sieg

Rebecca Hammon, die für das Frauenteam tribbelt, ist nach Russland gekommen, um an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Nachdem sie acht Jahre für amerikanische Teams gespielt hatte, verpasste sie die Nominierung für das US-Team. Auch sie wurde zu Hause stark kritisiert. Die US-Teamtrainerin Anne Donovan nannte sie gar “unpatriotisch” und “eine Verräterin.” “Daheim habe ich allen gesagt: Leute, ich bin keine Spionin, ich will doch nur bei den Olympischen Spielen mitmachen. Hätte man mich für das US-Team ausgewählt, hätte ich alles für Amerika gegeben,” erklärt Rebecca Hammon in einem Interview für das Magazin „Sowetskij Sport“.

Es geht jedoch nicht immer nur um Geld oder Ruhm. Yuko Kawaguchi kam nach St. Petersburg, weil sie bei der russischen Trainerin Tamara Moskwina üben wollte. Diese Entscheidung fiel sie während der Winterspiele 1998 in Nagano, als sie das russische Eiskunstlauf-Paar Jelena Bereschnaja und Anton sah. Kawaguchi war derart begeistert, dass sie Tamara Moskwina in einem Brief bat, auch sie zu trainieren. Kurz darauf wurde sie eingebürgert und trat für Russland auf.

Die Japaner hatten kein Verständnis für ihren Entschluss: “Im Internet bekam ich eine Menge gehässiger Kommentare zu lesen,” sagt Yuko Kawaguchi. Einige sollen sie als eine Verräterin beschimpft haben. “Diejenigen, die verstehen, wie der Sport funktioniert, halten mich nicht für eine Verräterin. Ich betrachte mich immer noch als Japanerin. Ich entschloss mich, für Russland zu starten, weil ich in Japan keinen ebenbürtigen Partner fand”, sagt die Eiskunstläuferin.

Alexei Krawzow, russischer Eiskunstlauf-Verbandschef erklärt, warum ausländische Sportler in Russland willkommen sind. “Wir tun das nicht, damit sie in Sotschi für Russland Medaillen gewinnen. Wir wünschen uns talentierte Sportler als Richtlinie für unsere Mädels, damit sie sich im täglichen Training messen und ihre Leistungen verbessern können“, so Krawzow.

Zu viele Ausländer verderben den Einheitsbrei

Es sind jedoch nicht alle in Moskau der gleichen Meinung. “Die Einbürgerung von ausländischen Sportlern und ihr Einsatz in Nationalteams ist der falsche Weg,” sagte Sportminister Witalij Mutko bei einer Pressekonferenz. Auch Igor Semschow, Läufer der russischen National-Elf, stimmt diesem zu: “Es ist nicht gut für unser Nationalteam, wenn Ausländer darin spielen. Auch in unserem Land gibt es starke Spieler”. Besonders unter den Jüngeren bräuchte es nun wirklich keine Ausländer auf dem Spielfeld, glaubt der Mittelfeldspieler.

In anderen Ländern ist es allerdings längst zur Norm geworden, ausländische Sportler einzubürgern; allein in der deutschen National-Elf sind ein Viertel Ausländer.

Diese Praxis wird zukünftig in Russland wohl häufig angewendet: “Wir bürgern ausländische Sportler ein, damit sie nicht nur Russlands Chancen in Sotschi erhöhen, sondern auch um eine gute Wettkampfatmosphäre für russische Athleten zu schaffen,” erklärt der Pressesprecher des russischen Olympiakomitees Sergej Awerjanow. “Wenn sie mit starken Gegner trainieren, steigern auch sie ihre Leistung.”

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