Der Chodor

1997 auf einem Ölfeld tief in der Provinz. Schon damals  wird Michail Chodorkowski „Der Chodor“ genannt.  Foto: Sergei Avduevski

1997 auf einem Ölfeld tief in der Provinz. Schon damals wird Michail Chodorkowski „Der Chodor“ genannt. Foto: Sergei Avduevski

Jungkommunist, zynischer Geschäftsmann, Verkünder der Bibel. Das Schicksal Michail Chodorkowskis im Spiegel des gewandelten Russlands: von der UdSSR zur Russischen Föderation.

Unser Kompass ist der Profit, den man bei strengster Einhaltung aller Gesetze erzielen kann. Unser Idol ist das Kapital, unser Ziel die Milliarde.

 

M. Chodorkowski, L. Newslin
  

Der Mann mit dem Rubel, 1993

1987 bewarb sich Leonid Newslin, 28-jähriger Programmierer, am Moskauer NTTM (einem Konsomol-Unternehmen) . Der Leiter, kein anderer als Michail Chodorkowski, entsprach haargenau seinen Vorstellungen von einem Arbeitgeber, und schnell wurden aus den beiden Komsomolzen Verfechter der freien Marktwirtschaft.

Ihre ersten Millionen machten sie mit Bargeldgeschäften, später handelten sie mit Computern, Jeans und gepanschtem französischen Brandy. In dieser Zeit des wilden Kapitalismus und noch unausgereifter Gesetze handelte Chodorkowski nach seinen eigenen Regeln, ohne freilich die „Grenzen des Legalen“ je zu überschreiten, betont Newslin.

In der Geschäftswelt hatte er einen zweifelhaften Ruf, überliefert sind zwei Sätze, die er in einem Atemzug genannt haben soll: „Wenn wir einen Staat hätten, dann säße ich längst im Gefängnis.“ und „Was meins ist, ist meins; was deins ist, müssen wir noch besprechen.“ Existiert also in Russland erst seit 2003 ein Staat, dem Jahr von Chodorkowskis Festnahme wegen Steuerhinterziehung?

1990 wird Chodorkowski Berater des russischen Premierministers Iwan Silajew, einem Mitstreiter Boris Jelzins, der 1991 als Sieger aus dem Staatstreich hervorgeht. Die Sowjetunion bricht zusammen. Zu dem Zeitpunkt leiten Chodorkowski und Newslin bereits ihre eigene Bank – Menatep.

Der staatliche Großbesitz

Menatep ist eine der sieben Banken Russlands, die Geschäfte für staatliche Einrichtungen abwickeln. „Wir bekamen das Geld vom Staat, überwiesen es staatlichen Unternehmen, bekamen es zurück und überwiesen es dann wieder an den Staat. Dieser Umlauf brachte riesige Gewinne“, wird sich Chodorkowski später erinnern.

Der Staat ist überschuldet, und Geschäftemacher schlagen ein neues Kapitel auf: 1995 beginnt die Ära der Privatisierung. Über Pfandversteigerungen werden staatliche Liegenschaften in private Hände überspielt. Menatep kauft fast 100 Betriebe auf. Und ersteht für 150 Millionen Dollar ihr Kronjuwel: das Erdölunternehmen Yukos, das schon knapp zwei Jahre später eine Kapitalisierung von vier Milliarden Dollar bilanziert.

Von sozialer Verantwortung weiß Chodorkowki damals noch nichts. In den Medien tauchen erste Gerüchte auf, dass Yukos seine Aktiva – und somit auch den größten Teil seiner Gewinne – in Offshore-Zonen abführe. „Das zweitgrößte Erdölunternehmen Russlands entzog sich komplett der russischen Rechtshoheit“, so James Fenker von der Investmentbank Troika Dialog.

Der Wille zur Macht

Heute, wo das Unternehmertum an Kraft gewonnen hat, ändert sich auch unsere Einstellung zur Macht. Nach dem Prinzip: „Wer die Musik bezahlt, be-stimmt, was gespielt wird.“

 

M. Chodorkowski, L. Newslin 


Der Mann mit dem Rubel, 1993

 

Wladimir Petuchow, Bürgermeister der sibirischen Erdöl-Stadt Neftejugansk, erzählte noch kurz vor seiner Ermordung 1998 von seinem Kampf gegen Yukos. Er rechnete vor, dass der andere Ölgigant Surgutneftegas pro Barrel 100 Mal mehr Steuern zahle als Yukos. Er berichtete Moskauer Journalisten über seine leeren Stadtkassen, er verfasste Beschwerdebriefe an die Steuerbehörde und das Parlament.

Kurz vor Petuchows Ermordung hatte Chodorkowski die Steuerzahlungen an die Stadt komplett eingestellt. Stattdesen brachte er aus Moskau Säcke voller Bargeld mit und verteilte es an öffentliche Angestellte. Yukos hatte begonnen, staatliche Funktionen zu übernehmen.

Ob das anormal war? „Natürlich war es nicht normal. Aber niemand hat jemals behauptet, es sei unrechtmäßig gewesen“, erklärt Newslin, der für den Auftragsmord an Petuchow in Abwesenheit verurteilt wurde, jegliche Beteiligung jedoch abstreitet.

Chodorkowski schien damals zu der festen Überzeugung gelangt zu sein, er besitze das moralische Recht, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen und den ineffizienten Staat ersetzen zu können. Yukos wurde immer mehr zu einer Art Staat im Staat, übernahm einige staatliche Funktionen und baute einen eigenen Sicherheitsdienst auf.

Kurz vor der Verhaftung

Es war kein Geheimnis: Vor den Parlamentswahlen 2003 unterstützte Michail Chodorkowski 
liberale Parteien, während andere Yukos-Aktionäre die Kommunisten sponserten. Neben Yukos setzten sich auch andere Oligarchen für die Kommunisten ein.„Ein Geschäftsmann kann indirekt Parteien unterstützen, sollte aber nie direkt in die Politik eingreifen“, sagt der Volksökonom und ehemalige stellvertretende Finanzminister Sergej Alexaschenko. Und schon gar nicht dürfe er die Regeln in der Politik verletzen. Doch Chodorkowski sei es genau um diese Regeln gegangen: „Er war ein politischer Kopf und zeigte aktives Interesse an der Politik. Möglicherweise wäre es für ihn besser ausgegangen, hätte er an jenem Treffen der Oligarchen mit Putin am 19. Februar 2003 niemals teilgenommen.“ In dieser Sitzung soll Chodorkowski den staatlichen Ölkonzern 
Rosneft der Korruption beschuldigt haben, weil dieser die Erdölfirma Sewernaja Neft zu einem stark überhöhten Preis erstanden habe.

Dann schon im Gefängnis schreibt Chodorkowski, die Sorge um sein Eigentum habe ihn gelehrt, im richtigen Momen zu schweigen. Wahrscheinlich hatte diese seine Selbstkontrolle damals ausgesetzt, weil er sich plötzlich nicht mehr als reinen Geschäftmann sah. Er war zu einer öffentlichen Person geworden. Der ehemals zynische Kapitalist hatte erkannt, dass es keinen Sinn machte, nur an die Rendite zu denken. Yukos steckte zu diesem Zeitpunkt bereits 
Unsummen in Wohltätigkeit und Bildung als Investition für die Zukunft.

 Die Macht des Geldes

Große Vermögen machen einen Menschen nicht frei. Auch ich schwieg oft, weil es meinem Vermögen schaden könnte. Nicht nur ich hatte Macht über mein Vermögen – mein Vermögen hatte auch  Macht über mich.

 

M. Chodorkowski 


Freiheit und Gewissen, 2004

 

Chodorkowski behauptet, er sei schon nach der Finanzkrise 1998 zur Besinnung gekommen: „Business ist kein Spaß und auch kein Schachbrett, auf dem du die Personen hin und her schiebst. Du bist verantwortlich für deine Mitarbeiter, für ihre Familien, für ihre Renten. Jeder Fehler, jede unbedachte Handlung kann anderen Leid zufügen. Diese Verantwortung hat mich erdrückt.“

2003 begann für Chodorkowski ein neues Leben. Im Gefängnis. Er nutze seine Zeit zum Schreiben: „Wenn wir in unserer Heimat etwas verändern wollen, dann brauchen wir keine Mythen, sondern eine Wahrheit, die so schön ist wie ein Mythos. Solche Mythen (und vielleicht auch Wahrheiten) findet man in der Bibel. Ihre Kernaussage lautet: Ein amoralisches Leben ist schlecht.“

Der Chodor rund 14 Jahre danach: Die persöhnliche Transforamtion ist abgeschlossen. Foto: ITAR-TASS

Gute Führung und Äußerungen der Reue bieten einem Häftling gute Chancen, vorzeitig entlassen zu werden. Chodorkowski markiert aber nicht. Milliarden hat er auch keine mehr und empfindet es als sehr befriedigend, sich zur „oberen Mittelschicht“ zu zählen. Er ist Sozialist ohne politische Ambitionen geworden.

Doch der Staat ist nicht bereit, ihn freizulassen. Es ist eine irrationale, absurde Angst, die am 27. Dezember letzten Jahres mit Chodorkowskis neuerlicher Verurteilung bestätigt wurde. „Als Geschäftsmann war er eine interessante und starke Persönlichkeit“, sagt Alexaschenko. „Es gab viele, die schwächer, zynischer und prinzipienloser waren. Und so ist es auch heute noch.“

Der Artikel erschien im Magazin Russki Reportjor, das auch das Wikileaks-Dossier publiziert.

KOMMENTAR

Dieser Prozess ist noch nicht zu Ende 

Michail
Fedotow,
Jurist

Das jüngste Urteil im Prozess Chodorkowski wurde von einem Gericht niederer Instanz gefällt. Es ist also alles noch offen. Die Verteidiger haben bereits Einspruch eingelegt, es wird ein Berufungsverfahren folgen. Auch eine Neuverhandlung wäre denkbar. Bei erneutem Einspruch kommt der Fall in die dritte Instanz. Der Präsidialrat zur Förderung der Zivilgesellschaft und der Menschen-rechte beobachtet diesen Prozess sehr genau. Wir werden das Urteil eingehend prüfen und Verbesserungs-vorschläge zur bestehenden Rechts-lage bei Wirtschaftsdelikten dem Präsidenten zukommen lassen. Auch werden wir in Kürze über die Unab-hängigkeit der russischen Justiz mit Medwedjew sprechen. 

Michail Fedotow ist Vorsitzender des Präsidialrats Zivilgesellschaft und Menschenrechte. 


 

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