Kunst heute: meist Laut und Provokant

Provokativ: Mit der „Revierinspektorin“ stellen Winogradow und 
Dubossarskij die russische Polizei als Hüter der eigenen Interessen bloß.

Provokativ: Mit der „Revierinspektorin“ stellen Winogradow und 
Dubossarskij die russische Polizei als Hüter der eigenen Interessen bloß.

Seriöse Historiker verwenden ungern Kunstwerke als Quellen. Denn Kunst kann unglaublich wahrhaftig sein und doch täuschen. Die sowjetische Kunst der 30er-Jahre gab zwar ein klares Bild davon ab, welche Lampen auf den Schreibtischen der Partei-
führung standen und welchen Schmuck die Heldin der Arbeit Olga Lepeschinskaja gerne trug. Die tatsächlichen sozialen Realitäten klammerte sie aber aus.

Wer die offizielle Kunst der 70er- Jahre betrachtet, kommt zum Schluss, dass die Menschen vor allem damit beschäftigt waren, endlich den Kommunismus zu vollenden, auf den Vietnamkrieg zu starren und das hungernde Afrika zu versorgen. Die inoffizielle Kunst dagegen griff auf, wie die Gesellschaft sich über die Demagogie des Staates amüsierte, und ansonsten herzlich wenig Interesse an Vietnam und Afrika zeigte. Es war eine Epoche des klassischen Doppelsinnes. Und die Kunst lügt nicht.

Moderne Kunst im heutigen Russland

Im Jahr 2010 gibt es keine offizielle Kunst. Wer heute versucht, einen Staatsmythos zu schaffen, der tut dies auf eigene Initiative. Ein späterer Historiker wird den Eindruck haben, dass unsere Gesellschaft im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends von früh bis spät mit sozialen und politischen Problemen beschäftigt war. Die größte Resonanz in den Medien erhält naturgemäß diejenige Kunst, die am lautesten ist – und politisch. Die Gruppe „Wojna“, auf Deutsch „Krieg“, veranstaltet skandalumwitterte Happenings. Markenzeichen: Protest gegen jeden und alles – Wahlen, den Moskauer Bürgermeister, die schlechte Integration von Ausländern.

Der andere Headliner ist Awdej Ter-Oganjan. Mit Aktionen wie dem öffentlichen Zerhacken von Ikonen provoziert er erbitterte Diskussionen: Will er ganz einfach Hass schüren oder auf die problematische Beziehung zwischen Kirche und Staat hinweisen? Dasselbe gilt für Oleg Mawromatti. „Ich bin nicht Gottes Sohn“, ließ er verlauten und sich dann ans Kreuz nageln. Zur Zeit kann man im Internet über ihm höchstpersönlich zuzuführende Stromschläge abstimmen.

Installation von David Ter-Oganjan „Das ist keine Bombe“, 2005. Mischtechnik, verschiedene Abmessungen

Ganz wie der Vater: David Ter-Oganjan ist nicht weniger provokativ.

Installation "Das ist keine Bombe" auf der Moskauer Biennale für Moderne Kunst.

 

Der Mensch in der Kunst


In der Kunst auch konstruktive Ansätze zu finden ist weitaus schwieriger. Was sind positive Werte? Arbeit? Man erinnere sich an die Kakofonie der Mitarbeiter verschiedener Firmen, die im Projekt der Video-Künsterin Olga Tschernyschowa ihre „Unternehmenshymnen“ sangen. Alle gleichzeitig. Aus den hundert Stimmen hörte ein geübtes Ohr den fröhlich-stupiden Ton von Pionierliedern heraus. Auch zur Natur hat die Künstlerin ihren eigenen Ansatz: „Der Charme der russischen Landschaft liegt in ihrer Entropie, dem Eindruck erdgeschichtlicher Erschöpfung, den sie meistens vermittelt“, erklärte sie. Eines der bedeutendsten Projekte des letzten Jahrzehnts war der „Hölzerne Teilchenbeschleuniger“ des Land-Artisten Nikolaj Polisski. Und es ist bar jeder Ironie, dass dieses hypermoderne Aggregat aus Holz ist und so wenigstens keine Antimaterie bilden kann. Doch wo bleibt der Mensch bei all dieser Kunst? Er hat sich dort eingenistet, wo man ihn nicht erwartet.

Nikolaj Polisski: „Großer Hadronen-Speicherring“, 2009, Ausschnitt der Installation im GZSI (Staatliches Zentrum für Zeitgenössische Kunst)

Foto: Archiv des GZSI-Pressedienstes

In den Installationen von Alexander Brodski: Im Waschbecken, im Fernseher aus Ton, in leeren Flaschen. Und es ist diese feine Substanz, genannt Gedächtnis, die in unserer Gesellschaft am überzeugendsten wirkt. Die Projekte des Architeken, Visionärs und Querdenkers sind von klarer Einfachheit und zugleich theatralischer Stärke geprägt, nicht überzogen und ganz im Heute verwurzelt.

Alexander Brodski „Der Weg“, 2010

Archiv des Pressedienstes des Kandinsky-Preises

Julia Popowa ist Kunsthistorikerin und Autorin der Zeitschrift Expert.