Ohne diesen Stempel bist du ein Niemand

Der Registrierungsstempel im Pass schränkt die Mobilität der Russen in ihrem eigenen Land stark ein.  Foto: Photoxpress

Der Registrierungsstempel im Pass schränkt die Mobilität der Russen in ihrem eigenen Land stark ein. Foto: Photoxpress

Vereinfachungen bei der Registrierung des Wohnorts sollen die Mobilität der Bevölkerung erhöhen. Die Russen ziehen dennoch selten um.

Olesja Melnikowa ist mit ihren 28 Jahren eine erfolgreiche PR-Managerin in Moskau. Vor fünf Jahren war sie wegen der Aussicht auf ein höheres Gehalt und ein internationales Umfeld aus dem sibirischen Omsk in die Hauptstadt gekommen.

Es passierte Mitte Dezember: Melnikowa wollte vor einem Flug nach Italien noch schnell einen Kaffee trinken, als ein Polizist auf sie zukam und ihren Inlandspass zu sehen wünschte. Sie zückte das Dokument, das dem deutschen Personalausweis entspricht. Der Beamte stellte fest, dass Melnikowa keinen Wohnsitz in Moskau gemeldet hatte und nahm sie kurzerhand mit aufs Revier. „Ohne diesen Stempel bist du ein Niemand“, sagte er.

Inländische Reisepässe, die Russen an eine bestimmte Stadt, deren System und Leistungen binden, wurden während der Stalinzeit eingeführt, um die Migration innerhalb der riesigen Sowjetunion unter Kontrolle zu halten. Bis heute ist diese Form der Registrierung gleich geblieben. Und für jeden, der in einen anderen Teil des Landes umziehen möchte, kann die Änderung der „Regis-trazija“ zu einem bürokratischen Albtraum werden. Wer nicht im Besitz einer eigenen Wohnung ist, musste bisher zusammen mit dem Vermieter zur Behörde. Viele Vermieter weigerten sich - da blieb nur der Gang zu einer zweifelhaften „Firma“, die für ein paar Hundert Rubel die zuständigen Behörden mobilisierte oder gar die Registrierung fälschte.

In Moskau und anderen wohlhabenden Städten verhalten sich die Behörden besonders restriktiv bei der Vergabe von Registrierungen. Denn mit dem Stempel im Pass hat man Zugang zu Moskaus hochwertigen Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Bakschisch für den Stempel

 

Probleme mit dem Registrierungsstatus können sich äußerst ungünstig auf die berufliche Karriere auswirken. Der 30-jährige Leonid Pokryschkin stammt aus Nischni Nowgorod und arbeitet als IT-Manager bei einer großen Moskauer Bank. Bei der Beantragung seines Reisepasses erfuhr er das ganze Ausmaß der russischen Bürokratie. „Ich musste dringend geschäftlich in die USA, doch mein Reisepass war abgelaufen. Auf dem Einwohnermeldeamt erfuhr ich, dass er mir ohne eine Regiestrierung in Moskau nicht verlängert würde. Also musste ich in meine Heimatstadt Nischni Nowgorod fahren, um dort den neuen Reisepass zu beantragen. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis ich ihn schließlich bekam“, erzählt Leonid. „Die Verzögerung, hieß es, sei deshalb entstanden, weil sich mein Wohnsitz und Arbeitsplatz in zwei verschiedenen Städten befänden.“

Seit dem ersten Januar nun kann man sich per Internet ummelden, eine Einwilligung des Vermieters benötigt man aber weiterhin. Von dieser Lockerung der Vorschriften sollen sowohl Bevölkerung und als auch Regierung profitierten, denn das alte Registrierungssystem fördere eindeutig die Korruption, so Sergej Smirnow von der Plechanow-Wirtschaftsuniversität, Moskau.

Mit den bürokratischen Erleichterungen seit Januar 2011 erhofft sich die Regierung zudem eine größere Mobilität unter den Arbeitskräften, speziell unter den jüngeren. Indermit Gill, Chefökonom der Weltbank für Europa und Mittelasien, hat die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt als nicht ausreichend bezeichnet. Ein Russe zieht in seinem Leben höchstens zweimal um, Amerikaner hingegen bis zu dreizehnmal.

Dabei gibt es gerade in Russland gute Gründe dafür, seinen Wohnsitz zu verlegen. Der wichtigste ist der immense Einkommensunterschied innerhalb der einzelnen Regionen. Das durchschnittliche Monatseinkommen im Autonomen Bezirk Yamalo-Nenets im Nordwesten Sibiriens, einer Gegend, die reich an Bodenschätzen ist, betrug im Jahr 2008 rund 38.000 Rubel (knapp 1000 Euro) verglichen mit einem Durchschnittseinkommen von nur 5500 Rubeln (etwa 150 Euro) im südrussischen Inguschetien.

Die Frustration von Menschen, die nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes nicht in der Lage oder gewillt sind, in einer anderen Region neu anzufangen, entlud sich letztes Jahr in der Stadt Pikaljowo. Oleg Deripaska, zur Zeit reichster Mann Russlands, hatte seine Zementfabrik wegen Unrentabilität geschlossen. Die entlassenen Arbeiter protestierten mit einer Blockade der Autobahn Moskau - Sankt Petersburg. Putin flog eigens mit dem Hubschrauber ein und legte Deripaska dringend nahe, die Fabrik wieder zu öffnen. Sie hatte einen Großteil der Arbeitsplätze in der Region gesichert.

 

Mehr Mobilität

Um eine größere Mobilität in der Bevölkerung zu erreichen, stellte die russische Regierung 2010 4,5 Milliarden Rubel (110 Millionen Euro) bereit. Mit Reise- und Wohnungszuschüssen sollte den Menschen der Umzug in eine andere Stadt zu einem neuen Arbeitsplatz erleichtert werden. Bisher haben von diesen Maßnahmen jedoch noch nicht allzu viele Gebrauch gemacht.

Experten bezweifeln, dass die neuerliche Lockerung der Registrierungsvorschriften allein ausreiche, die Menschen zu einem Ortswechsel zu bewegen. „Wir brauchen vor allem bezahlbare Wohnungen. Und im Vergleich zu den USA unterscheiden sich unsere Regionen in vielerlei Hinsicht sehr stark voneinander. Vielen fällt es schwer, sich anzupassen“, so Ökonom Smirnow. Wladimir Mukomel, Soziologe an der Russischen Akademie der Wissenschaften, fügt hinzu: „Die Menschen haben wenig bis gar keine Motivation, in eine andere Stadt zu ziehen und die damit verbundenen immensen Schwierigkeiten auf sich zu nehmen.“

Die Abschaffung der „Registrazija“ wäre da ein Schritt in die richtige Richtung, meint auch der 27-jährige Artjom Sokolow. In Moskau geboren und aufgewachsen, kehrte er der Hauptstadt vor zwei Jahren den Rücken und zog nach Pawlowsk an den Rand von Sankt Petersburg. „Ich weiß nicht, warum ich die ganze Zeit am selben Ort leben sollte“, sagt er. „Wenn ich genug von einer Stadt habe, ziehe ich eben in eine andere. Alles, was ich zum Arbeiten brauche, ist eine schnelle Internetverbindung, ein Telefon und ein Laptop. „Die Leute müssen sich an einen mobilen Lebensstil erst gewöhnen. Die sowjetische Mentalität und Bequemlichkeit verschwindet nicht von heute auf morgen, aber es muss einmal ein Anfang gemacht werden.“

Darina Schwetschenko ist Journalistin bei der Zeitung The Moscow News.

Flucht in die Illegalität

Die Registrierung, auch bekannt als „Propiska“, ein System aus Melde-pflicht durch Eintrag in den Pass und staatlicher Verwaltung, wurde in der UdSSR im Jahr 1933 unter der Regie-rung Stalins eingeführt. Damals bestimmte die Meldepflicht wesentlich das Leben der russischen Bevölke-rung. Die Behörden konnten einen Menschen willkürlich von einer Wohnung abmelden und irgendwo anders anmelden. Vielen wurde aber auch grundsätzlich die Möglichkeit verwehrt, den Wohnort zu wechseln. 

„Stolze Bürger der Sowjetunion“ schrieben sowjetische Meldeämter auf ihre Fahnen in den 30ern und führten eine landesweite Meldepflicht ein”. Foto: ITAR-TASS 

Nach dem Zerfall der Sowjetunion räumte 1993 ein neues Gesetz allen russischen Bürgern gleichermaßen das Recht ein, Stadt und Region frei zu wählen. Doch es enthält eine Klausel, wonach sich jeder, der länger als drei Monate an einem neuen Ort verweilt, um eine befristete Registrie-rung bemühen muss. Umfragen des WZIOM-Meinungsforschungsinstituts haben ergeben, dass die Registrie-rungsprozedur kompliziert und zeitaufwendig ist: Die Hälfte der Befragten beklagte sich über lange Warteschlagen, 26 Prozent waren mit den Öfnungsszeiten der Passämter unzufrieden, und 23 Prozent beschwerten sich über die Unfreundlich-keit der Beamten. Zwölf Prozent mussten gar Dokumente vorweisen, die vom Gesetz nicht vorgeschrieben waren, und kamen nur mit Beste–chung weiter. Zehn Prozent wurde die Registrierung schlicht verweigert.

Viele Russen, die solcherart Schwierigkeiten nicht auf sich nehmen wollen, lassen sich daher erst gar nicht registrieren und ziehen die Illegalität vor. Besonders davon betroffen sind die Städte Moskau und Sankt Petersburg. 
Das Leben in der Illegalität hat indes seine Kehrseite: Illegale können sich nicht krankenversichern lassen, keinen internationalen Reisepass beantragen und bekommen keine Kredite.


 

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