Perestroika Im Namen des Balls

 Torhüter Igor Akinfejew und die National-Elf müssen sich jetzt schon auf die WM einstellen. Foto: Imago/Legionmadia

Torhüter Igor Akinfejew und die National-Elf müssen sich jetzt schon auf die WM einstellen. Foto: Imago/Legionmadia

Bis spätestens 2018 müssen ein Dutzend neuer Stadien fertig sein. Dazu Autobahnen, moderne Schnellzüge, Flughäfen und Hotels. Die WM erweist sich als wirkungsvoller Wachstumsmotor.

Acht Worte, die die Welt erschütterten: „Let‘s me speak from my heart in English …”, begann der russische Sportminister Witalij Mutko an jenem Tag Anfang Dezember in Zürich – und kauderwelschte vor der versammelten FIFA-Elite zwei Minuten lang über die Vorzüge der russischen WM-Bewerbung. Das Video wurde auf der Welt innerhalb von Stunden zur Lachnummer. Aber nur wenige bemerkten, dass es außer seinen linguistischen Rafinessen auch das wahre Wesen der russischen Bewerbung offenbarte.

 

Jungbrunnen für Wirtschaft und Gesellschaft

 

Hauptargument Mutkos für den WM-Standort Russlands waren die wirtschaftlichen Hintergründe des sportlichen Großereignisses. In seinem eindrucksvollen Englisch überzeugte der Minister die FIFA schließlich, dass die WM Russland eine segensreiche Erneuerung von Wirtschaft und Gesellschaft bringe.

Walerij Schanzew, Gouverneur der Region Nischni Nowgorod, brachte es auf den Punkt: „Wir haben wahrlich ein Glückslos gezogen. Mit ganz konkreten Zielen schaffen wir wesentlich effizienter und schneller die Umsetzung eines Vorhabens.“ Nikolaj Merkuschkin, Oberhaupt der Republik Mordowien, führte aus, was Schanzew mit „effizienter“ und „schneller“ meinte und um welche Vorhaben es sich handelte: „So viele Fans per Flugzeug zu befördern ist logistisch kompliziert und teuer. Deshalb werden wir schon jetzt den Bau von Autobahnen und Hotels vorantreiben.“

Bei Straßenbau und Hotelgewerbe allein bleibt es aber nicht: Auch die Flughäfen fast aller Austragungsorte müssen dringend renoviert und saniert, die Sportarenen neu gebaut oder erweitert werden. Nach vorläufigen Schätzungen wird allein der Bau von neuen Stadien fast drei Milliarden Euro verschlingen.

 

Kostenpunkt: all-inclusive für 40 Milliarden Euro

 

Wie viel die Fußball-WM am Ende tatsächlich kosten wird, kann niemand so genau sagen. Russische Experten sprechen von mindestens 40 Milliarden Euro – vorausgesetzt, das russische Beamtenheer folgt tatsächlich dem Appell von Präsidentenberater Arkadij Dworkowitsch, der kurz nach der FIFA-Entscheidung twitterte: „Dieses Mal aber bitte ohne Schmiergeld.“

Doch nicht das ganze Land wird von der Modernisierung profitieren: Die Austragungsorte sind auf Zentralrussland beschränkt, weiter östlich als bis Jekaterinburg am Ural wird die WM nicht vordringen. Das bestätigte Premierminister Wladimir Putin: „Wir können nicht alles auf einmal aufbauen“, sagte er. Primär müsse man sich an den Wünschen und Forderungen der FIFA orientieren. Deshalb werde die WM auf einem möglichst kompakten 
Terrain organisiert. Die Städte sollten alle leicht erreichbar sein. „Ein Flug von Moskau nach Tschukotka im äußersten Nordosten dauert neun bis zehn Stunden, von Moskau nach New York hingegen nur acht“, rechnete der Premier vor, „sollten wir da die Weltmeisterschaft etwa auf die ganze Landesfläche verteilen?“

      

Das sollen die zukünftigen Fußballstadien werden, pünktlich zur WM.

 

Marode Fußballwirtschaft

 

Noch bevor es in Russland mit den WM-Vorbereitungen richtig losgeht, muss das Land seinen eigenen Fußball auf Vordermann bringen. Der Präsident des russischen Fußballverbandes Sergej Fursenko versprach seinerzeit einen WM-Sieg der russischen National-Elf, falls die Weltmeisterschaft in Russland stattfände. Doch gerade Fursenko hat zu den Problemen des russischen Fußballs im vergangenen Jahr nicht wenig beigetragen.

Der laut verkündete Großeinsatz gegen Korruption im Sport wurde auf die Unterschrift einer Willensbekundung durch die Fußballclubs reduziert. Und die dringend ausstehende Reform des Kinder- und Jugendfußballs liegt noch immer auf Eis. Zudem bröckelt die Basis des Profifußballs, da das russische Ligasystem ab 2012 auf europäischen Standard umgestellt werden soll. Die Spiele finden dann im Herbst und jeweils da-rauffolgenden Frühjahr statt und nicht wie bisher innerhalb eines Jahres. Auf regionaler wie auf föderaler Ebene erfordert dies große Investitionen. Plus den Anstrengungen für die WM ein Kraftakt ohnegleichen, der nur gemeistert werden kann, wenn die Prioritäten klar definiert sind.

Absolute Priorität sollte die Ausbildung des Nachwuchses haben. Denn von den 16 russischen Nationalspielern, die in der Qualifikation für die EM 2012 aufs Feld gingen, werden höchstens zwei an der WM 2018 teilnehmen – der Torwart Igor Akinfejew und der Mittelfeldspieler Alan Dsagojew. 2018 sind sie mit ihren 32 und 28 Jahren dann noch die jüngsten Spieler in der Mannschaft. Ihre Teamkollegen zwischen 34 und 37 Jahren sind da eher reif für die Pensionierung.

Derzeit scheitert der Fußballnachwuchs bereits in der Qualifika-
tion für europäische Turniere und verfügt kaum über Spielerfahrung auf dem internationalen Parkett. Vielleicht wird man das Problem in den verbleibenden acht Jahren lösen. Dafür sollten die potenziellen WM-Stars von morgen des Jahrgangs 1993 bis 1995 allerdings heute schon eine gute Figur auf dem Kickerplatz machen, wo sich zur Zeit nichts als Mittelmäßigkeit tummelt.

Am spannensten bleibt die Frage, ob Sportminister Mutko sein Versprechen einhält: Wird er bis zum Stichjahr 2018 Englisch gelernt haben? Die Russen würden zu gern daran glauben. Und nicht nur daran.

Dieser Beitrag erschien in dem Magazin Russkij Reportjor, das auch das Wikileaks-Dossier 
publiziert.

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