Der Drang nach Innovationen

Medwedjew selbst ist begeistert von Skolkovo - der Forschungsstadt der Zukunft. Foto: Itar-TASS

Medwedjew selbst ist begeistert von Skolkovo - der Forschungsstadt der Zukunft. Foto: Itar-TASS

Seit geraumer Zeit hört man in Russland ein und dieselben Begriffe: Modernisierung, Innovationen, Neue Technologien und keiner weiß, was genau dahinter steckt und was man sich darunter vorzustellen hat. Vielleicht, dass man jetzt gleich dem Präsidenten mit Ipad immer und überall zu sehen sein muss und permanent jeden Schritt von einem selbst im Twitter festhalten sollte, um so zur Modernisierung des Landes beizutragen?

Der Ipad war gemeinsam mit dem Iphone auf alle Fälle ein Markenzeichen der russischen Delegation beim WEF in Davos. Doch leider helfen einem auch die besten technischen Gadgets nicht, wenn das Internet fehlt. Lebt man in Russland, gewöhnt man sich nicht nur an Dinge, wie lange kalte Winter, Stau in der U-Bahn und zusammen geschlagen Journalisten, sondern auch daran, dass das Internet immer und überall da ist. Und man selbst – immer und überall online. Kostenlos. Doch in Europa hat das Internet nicht den Selben Status. Wahrscheinlich waren deswegen die aus Russland eingeflogenen Gäste und Teilnehmer des WEFs manchmal kurz vor einem Nervenzusammenbruch, wenn das Ipad im Taxi einfach kein Netz haben wollte. Darüber macht man sich außerhalb Russlands auch ein bisschen lustig, wie auch allgemein über den Drang nach Innovationen und Projekten wie etwa Skolkovo – eine Forschungsstadt die bis 2014 unweit von Moskau entstehen soll. Jeder weiß, dass es Medwedjews persönliche Innitiative war, die dieses Projekt ins Leben rief und die Gründe, warum die Meisten Menschen die Stirn darüber runzeln, sind auch kein Geheimnis.

Schlaraffenland Skolkovo


Es ist ja auch zu schön, um wahr zu sein, die Beschreibung der für 25.000 großen Forschungsstadt. Eine Technische Universität, Laboratorien, ausgestattet wie sonst nirgendwo auf der Welt, Kultureinrichtungen, Wohnhäuser und das alles auch noch umweltbewusst, energieeffizient, und modern, wie Russland es noch nicht erlebt hat. Eine Atmosphäre der Kreativität, Förderung von jungen klugen Köpfen, frei, transparent, und dann auch noch international und für alle Beteiligten – eine visafreie Zone. Also das totale Gegenteil von der Realität, die heute in Russland herrscht. Und deswegen ein bisschen wie „Utopia“. Schließlich ist ja auch noch nichts da, auch wenn das erste Haus im September 2011 schon da sein soll. Es wird auch schon tüchtig investiert, wer nur kann, beteiligt sich. Die Einheimischen wie etwa die Sberbank, Rosnano und auch Renova – ihr Gründer, der Aluminiumköngi Russlands Viktor Wechselberg ist der Präsident der Skolkovo-Stiftung ist mit im Boot. Von auländischen Unternehmen ist Siemens ganz weit vorne, Peter Löscher, der Siemens-Chef ist auch im Aufsichtsrat der Stiftung. Natürlich sagen alle, es wäre wieder nur ein Projekt, in dem das ganze Geld untereinander verteilt werden wird und aus einer guten Idee wird eben nur diese Idee bleiben.

Zu schön um wahr zu sein?


Aber es gibt auch immer mehr Menschen, die einen Funken Hoffnung haben, dass es doch klappt und Russland einen neuen, wie immer sehr eigenen Weg, einschlägt. Und sieht man die Skolkovo-Foundation in action – alle Mitarbeiter, vom Vize-Präsidenten, über die Cluster-Leiter, bis hin zu den einfachen Assistenten, fängt man selber auch an daran zu glauben. Ulrich Kunz, Berater des Präsidenten der Skolkvo-Stiftung Viktor Wechselberg, der Managment Konsultant und Gründer der Kunz und Partner AG, sprach in einem Interview darüber, warum Skolkovo wichtig für Russland, Europa und ihn selber ist.

RH: Warum glauben sie an das Projekt Skolkovo?

Ulrich Kunz: Weil es zum richtigen Zeitpunkt kommt und für Russland eine wesentliche Rolle spielen wird. Ich denke vieles ist richtig begonnen worden, und natürlich braucht es Zeit bis die Strukturen entstehen, aber das Momentum das man in diesem dreiviertel Jahr schon erreicht hat ist bemerkenswert.

RH: Warum sind sie der Meinung, dass das ein für Russland wichtiges Projekt ist?

Ulrich Kunz: Ich denke Russland hat verschiedene Fragestellungen zu lösen im Bezug auf Innovation, im Bezug auf die Kommerzialisierung und dem Zugang zu solchen Innovationen, und da gibt es eine Reihe von Rahmenbedingungen, die verändert werden müssen. Das werden sie bereits, auch aktiv auf der politischen Ebene, aber ich denke auch eben in der Schnittstelle zwischen den Universitäten und jungen Unternehmern, die solche Ideen aufgreifen und irgendwann auch kommerzialisieren. Da ist ein großer Handlungsbedarf vorhanden, aber auch gleichzeitig ein großes Potential, das Russland sehr geschickt durch eine solche Initiative nutzen kann.

RH: Und warum sollte Skolkovo für Europa interessant sein?

Ulrich Kunz: Weil wir in einer Welt leben, die in der Wirtschaft, aber auch in der Wissenschaft global agierende Welt ist und ich  denke es ist sehr zu begrüßen, dass Russland sich in letzter Zeit sehr geöffnet hat in verschiedensten Dimensionen. Im Bezug auf Wissenschaft, Kommerzialisierung, Märkte ist das ein Zusammengehen und ein Öffnen was von allen Seiten und für alle Seiten nur gewinnende Faktoren hat.

 RH: Medwedjew erwähnt Skolkovo im Zusammenhang der Modernisierung des Landes immer öfter, ist dieses Projekt etwa die einzige Möglichkeit Russland auf Vordermann zu bringen?

Ulrich Kunz: Die Modernisierung des Landes ist ein wichtiges Anliegen Medwedjews und in diesem Zusammenhang ist Skolkovo – ich nenne das ein Lighthouse – also ein Leuchtturm ähnliches Projekt. Skolkovo ist nicht die Antwort auf alle Fragen, die Russland lösen möchte, aber es ist eine Signalwirkung, die weit über die Grenzen hinaus sichtbar sein sollte und ich bin überzeugt, er wird einmal mehr seine Bekräftigung ausdrücken, dass solche Projekte, wie Skolkovo eben Teil einer Modernisierung sind, die letztlich der ganzen Russischen Bevölkerung und Gesellschaft zu wohl kommen sollen.

RH: Es gibt aber dennoch einige heikle Themen, die nicht gerade die Modernisierung vorantreiben, wie der zweite Chodorkowski-Prozess, die Frage der Rechtssicherheit, der Menschenrechte etc.


Ulrich Kunz: Ja das stimmt, aber das solche Veränderungen nicht einfach über Nacht kommen, sondern über einen sehr langen Zeitraum, sind sich denke ich doch alle bewusst. Viele Leute auf der Strasse finden natürlich solche Projekte überdeminsioniert und können nicht genau nachvollziehen, wo denn die Vorteile liegen. Das liegt in der Natur der Sache, das ist nicht spezifisch Russisch, sondern bei anderen solchen Innovationsprojekten auch der Fall. Ich denke dennoch, dass die Glaubwürdigkeit von Russland sehr hoch ist. Natürlich ist der Handlungsbedarf auf Bezug auf Rechtssicherheit, also auch Urheberrechte, Patentrechte, das ist nach wie vor ein Thema. Da gibt es Fortschritte, aber auch viel Arbeit zu tun, insofern wird man Skolkovo durchaus positiv wahrnehmen, aber man kann noch keinen Hacken setzten, im Sinne: gelöst, gemacht. Aber das ist wie ich sagte ein evolutionärer Prozess.

RH: Warum sollte die Öffentlichkeit, also nicht die Politik – oder Businesseliten, sondern die ganz normalen Menschen an dieses Projekt glauben und es als wichtig empfinden?

Ulrich Kunz: Innovation bedeutet Fortschritt in verschiedensten Bereichen und Richtungen. Fortschritt ist immer eine Kreuzung zwischen irgend etwas annehmlichen, qualitativen und wirtschaftlichen und das kommt der Gesellschaft zugute. Sie kann daran wachsen und ich denke das Wohl der Gesellschaft wird immer ein Thema sein und jeder Staat muss sich für seine Bürger dafür einsetzten, dass eine positive Entwicklung statt findet und das sieht man jetzt ganz deutlich in der Öffnung von Russland, was ich sehr begrüße.

RH: Vielen Dank für das Interview.