Der Preis einer Modernisierung - Arbeitslosigkeit

Jewegenij Jurjew hat eine eigene Meinung zur Modernisierung Russlands. Foto: Kommersant Photo

Jewegenij Jurjew hat eine eigene Meinung zur Modernisierung Russlands. Foto: Kommersant Photo

Wie der Staat mit großen internationalen Konzernen kooperieren muss, warum steuerliche Flexibilität notwendig ist, und warum Modernisierung Arbeitslosigkeit hervorrufen kann – darüber äußert sich Jewgeni Jurjew, Präsident des Investmenthauses "ATON" und Präsident des Verbands klein- und mittelständischer Unternehmer, "Delowaja Rossija" ("Geschäftliches Russland"), den Russlands Präsident Dmitri Medwedjew im Herbst 2010 zu seinem Berater für soziale Fragen ernannt hatte.

Jewgenij Jurjew: "Wenn wir die Produktivität auf europäisches Niveau anheben, könnten 38. Millionen Menschen ohne Arbeit dastehen".

Warum fordern Sie eine Modernisierung der Wirtschaft in Russland, und wie könnte sie aussehen?

Jewgenij Jurjew: Die Unternehmer müssen die überfällige Modernisierung pragmatisch angehen, vor allem betrifft das die Modernisierung von Technologie und Produktion. In Russland gibt es noch viel Altsubstanz und überkommene Produktionsweisen, die nicht auf der Höhe der Zeit sind. Modernisierung von Technologie und Infrastruktur sind unbedingt notwendig. Denn nur dadurch lässt sich die Arbeitsproduktivität steigern, und das ist ja das eigentliche Ziel. Die Arbeitsproduktivität in Russland erreicht gerade mal ein Fünftel des amerikanischen oder ein Viertel des westeuropäischen Niveaus. Umfragen bei unseren Mitgliedern von "Delowaja Rossija" haben ergeben, dass die technologische Modernisierung der Produktion die Produktivität um das Drei- bis Fünffache erhöhen könnte. Doch was bedeutet das auf der anderen Seite? In dem Maße, wie die Produktivität steigt, wird Arbeitskraft freigesetzt.

  

Das heißt, es gibt für die Wirtschaft neben den offensichtlichen Pluspunkten auch Risiken?

Jewgenij Jurjew: Ja, und damit die Modernisierung der Produktion nicht zu sozialen und politischen Verwerfungen führt, , müssen vorausschauend neue Arbeitsplätze geschaffen werden.Die Akademie für Volkswirtschaft hat folgende Rechnung aufgestellt: In der Verarbeitenden Industrie sind in Russland 51,7 Mio. Menschen beschäftigt. Wird die Produktivität auf westeuropäisches Niveau angehoben, werden ca. 38 Mio. Arbeitskräfte freigesetzt, für die neue Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen werden müssten. Vielleicht sollte man so eine aberwitzige Herausforderung gar nicht annehmen, nämlich innerhalb von fünf bis zehn Jahren das Produktivitätsniveau von Westeuropa erreichen zu wollen. Denn hier spielen nicht nur Technologie, sondern auch Führungs- und Managementkultur, Produktionskultur, Humankapital und Traditionen eine Rolle. Es ist unmöglich, von jetzt auf gleich ein solches Niveau zu erreichen.

Konkret: Was muss Ihrer Meinung nach zuerst geändert werden?


Jewgenij Jurjew: Was Wirtschaft und Industrie vor allem brauchen, sind ein einfaches Steuersystem, unkomplizierter Zugang zu Kapital und eine wirtschaftlich begründete Tarifpolitik. Außerdem brauchen wir eine opotimale Infrastruktur sowie Hilfe und Unterstützung bei der Ausbildung und Gewinnung von Personal. Desweiteren ist eine Liberalisierung des Wirtschaftsstrafrechts vonnöten. Notwendig sind auch Veränderungen in der Corporate Governance, der Ethik der Geschäftsführung, in den Wechselbeziehungen von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Das sind die wichtigsten Elemente, aus denen sich das Wirtschaftsklima zusammensetzt.

Was empfehlen Sie für den Bereich Infrastruktur?


Jewgenij Jurjew: Industrieparks, Gewerbegebieten, Technologieparks müssten geschaffen werden. Das ist eine sehr effektive Maßnahme.  Schaut man sich die Länder an, die den Übergang von einem Entwicklungs- und/oder Schwellenland zu einem Industrieland rasch durchschritten haben, so findet man kein einziges Land, das diesen Ansatz nicht genutzt hätte. Oft geht es um mittelgroße Produktionsstätten, die neu geschaffen oder modernisiert werden. Wenn der Unternehmer sich entscheidet zu produzieren, widmet er sich ausschließlich dem Produkt und dessen Herstellung. Die Schaffung der notwendigen Infrastruktur – Energieversorgung, Logistik, Transport – muss ihm jemand abnehmen. Auch bürokratische Schwierigkeiten sollten bereits weitestgehend ausgeräumt sein. Oft geht solche Infrastrukturmaßnahmen Hand in Hand mit Ansiedlungsanreizen, Steuererleichterungen und besonders günstigen  Finanzierungsbedingungen.

Wer soll solche Parks gründen? Der Staat?


Jewgenij Jurjew: Hier ist zunächst einmal die Privatinitiative gefragt. Es gibt Unternehmer, deren Geschäftsmodell der Aufbau und die Entwicklung von Industrieparks ist, die sie selbst besitzen oder managen. Ihre Kompetenz ist die Analyse und Entscheidung zu Standorten und anzusiedelnden Branchen, Unternehmen und Produktionsstätten. Und diesen Initiativen sollte dann die öffentliche Hand, in der Regel die Kommune im Verbund mit regionaler Förderung, durch Kredite und Steuervergünstigungen unter die Arme greifen.

Derzeit ist es gewinnbringender, Wohnhäuser oder Bürozentren zu bauen. Wie also kann man Gewerbeparks für den privaten Investor attraktiv machen?


Jewgenij Jurjew: Industrieparks sind durchaus gewinnbringend, da lassen sich gute Geschäfte machen. Und zwar nicht nur mit Mietobjekten. Der Besitzer eines Industrieparks kann zum Beispiel eine Personalagentur eröffnen oder mit Banken bessere Finanzierungsbedingungen für seine Kunden aushandeln. Ein Gouverneur, der begreift, worum es geht, kann solche Objekte zur Visitenkarte seiner Region machen. Nehmen Sie zum Beispiel Iwanowo – eine Region, die derzeit im Vergleich zum Moskauer Gebiet wirtschaftlich nicht besonders gut dasteht. Hier hat ein Unternehmer bei Rodniki auf den Ruinen einer Textilfabrik einen Industriepark gegründet. Als erstes hat er ein Wärmekraftwerk gebaut. Anstatt sich im teuren Moskauer Gebiet anzusiedeln, haben Unternehmer jetzt die Alternative Iwanowo: Energie und Personal sind billiger, Es gibt keinerlei bürokratische Probleme, und man rollt ihnen den roten Teppich aus. Die Geschäfte laufen gut, obwohl Moskau 400 Kilometer weit weg liegt. Inzwischen wird hier sogar Toilettenpapier hergestellt und nach Moskau geliefert. Eigentlich Peanuts, aber es lohnt sich.

Wie beurteilen Sie den technologischen Fortschritt, der mit Volldampf forciert wird, wie der Präsident sagt?


Jewgenij Jurjew: Wenn wir die Entwicklung von Ideen und Patenten intensiver und erfolgreicher betreiben als die Entwicklung und Modernisierung der Industrie, kehren wir in gewissem Sinne zum Modell der Grundstoffindustrie zurück. Angenommen, im Innovationszentrum "Skolkowo" oder "Rosnano" wird ein neues Patent entwickelt. Was geschieht dann weiter mit diesem Patent? Wenn wir in Russland nicht in der Lage sind, das Patent in der eigenen Produktion zu nutzen, wird der Hauptmehrwert in den Ländern geschaffen, an die dieses Patent verkauft wird. Von unseren Innovationen wird in erster Linie das Bruttoinlandsprodukt derjenigen Volkswirtschaften profitieren, die ein großes industrielles Potenzial zur Verwertung innovativer Techniken besitzen. Denn sie können auf der Basis eines fremden Patents schnell ein Finalprodukt entwickeln, produzieren und vermarkten. Insofern wären unsere Ideen und Patente der Grundstoff für industriell hochentwickelte Vokswirtschaften, und wir bekämen nur Brosamen ab – in Form von Lizenzgebühren für die Nutzung unseres geistigen Produkte. Damit das nicht passiert, müssen die Rahmenbedingungen für unsere Wirtschaft dringend verbessert werden. Wir werden erst dann den nötigen Nutzen aus unseren eigenen Innovationen ziehen, wenn es gelingt, gleichzeitig solche Wirtschaftsformen zu entwickeln, die imstande sind, die neuen Technologien auch umzusetzen und die Nachfrage nach ihnen anzukurbeln.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Wochenmagazin "Geld".

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