Die „schwarzen Witwen“ aus dem Kaukasus

Rasul Magomedow (rechts) ist Vater einer "schwarzen Witwe": seine Tochter sprengte sich 2010 in der Moskauer Metro in die Luft. Foto: Reuters/Vostock-Photo

Rasul Magomedow (rechts) ist Vater einer "schwarzen Witwe": seine Tochter sprengte sich 2010 in der Moskauer Metro in die Luft. Foto: Reuters/Vostock-Photo

Saira sucht die Normalität. Sie will einfach nur ihre Kinder großziehen. Ihr Mann wurde von Sicherheitskräften erschossen. Deswegen sieht man sie als potenzielle Attentäterin.

Fotos: Oksana Juschko

Saira, eine zarte kleine Frau aus Machatschkala, der staubigen Hauptstadt Dagestans, hat einen Sohn geboren. Doch die Menschen hier sehen sie nicht als junge Mutter, sondern als potenzielle Mörderin. Kürzlich, so erzählt sie, hätten Kunden im Supermarkt auf sie gezeigt und gesagt: „Da kommt die Märtyrerin!“ Die junge Frau bleibt jetzt lieber zu Hause, anstatt sich den vorwurfsvollen Blicken von Fremden in dieser vorwiegend muslimischen Region im Süden Russlands auszusetzen.

Die schwarze Liste

Was sich für Saira zu einem wahren Albtraum entwickelte, begann im letzten Frühjahr, als sich zwei Frauen aus Dagestan in der Moskauer U-Bahn in die Luft sprengten. 40 Menschen wurden getötet, mehr als 100 verletzt. Die Attentäterinnen hatten mit Saira mehr als nur die geografische Herkunft gemeinsam. Wie Sairas Mann waren auch ihre Ehemänner aufständische Islamisten, die bei Kämpfen mit russischen Sicherheitskräften ums Leben gekommen waren.

Immer wieder begehen in Russland solche Witwen Selbstmordattentate, weshalb die Medien sie als „schwarze Witwen“ bezeichnen. Nach dem U-Bahn-Attentat veröffentlichte die Zeitung Komsomolskaja Prawda Fotos von 22 potenziellen „schwarzen Witwen“, dazu persönliche Daten wie die Städte und Bezirke, in denen sie leben.

Die Schlagzeile lautete: „1000 Witwen und Schwestern von Banditen aus Dagestan helfen Terroristen“. Auch Sairas Foto war unter den 22, mit dem Kommentar, man müsse solche Personen fürchten und beobachten. „Unglaublich, mich auf diese Liste zu setzen“, Saira ringt nach Worten. „Wenn ich einen Terroranschlag planen wollte, würde ich nicht so offen in Machatschkala leben. Ich hätte meinen Sohn nicht auf die staatliche Schule geschickt.“

In den letzten zehn Jahren neigen die Sicherheitsorgane dazu, Islamisten grundsätzlich als Terrorverdächtige einzustufen. Und laut Menschenrechtlern geht die Polizei mit äußerst brutalen Mitteln gegen sie vor.

„Sie brennen dein Haus nieder, und es kann passieren, dass du und deine ganze Familie sang- und klanglos verschwinden oder ermordet werden“, sagt Tatjana Lokschina aus dem Moskauer Büro von Human Rights Watch. „Solcherart Methoden und der fehlende Raum für eine eigene Meinung oder religiöse Überzeugungen drängen immer mehr Menschen in den Untergrund. Gerade Jugendliche!“ Als die Polizei die Witwenliste der Zeitung zuspielte, habe sie die negativen Auswirkungen auf die hinterbliebenen Ehefrauen bewusst in Kauf genommen. Das sei eine neue, besonders hinterhältige Taktik in einem schmutzigen Konflikt.

Vor Kurzem wurde die nächste angebliche „schwarze Witwe“ in der Republik Inguschetien verhaftet: Fatima Jewlojewa, 22, Schwester von Magomed Jewlojew, dem Selbstmordattentäter, der am Flughafen Domodedowo 36 Menschen in den Tod riss. Die Ermittler behaupten, an Fatimas Händen Sprengstoffspuren gefunden zu haben; sie habe ihrem Bruder beim Bombenbau geholfen. Fatimas Ehemann, ein Aufständischer, wurde letzten Sommer getötet.

Mehr Überwachung für Sicherheitskräfte

Im letzten Jahr starben in Dagestan bei 112 Anschlägen, fünf davon Selbstmordattentate, 68 Menschen, 195 wurden verletzt. Human Rights Watch berichtet von 20 Entführungen und acht Morden an Islamisten durch die Polizei im zweiten Halbjahr 2010.

„Um eine wirkliche Diskussion über den Islam und vielleicht sogar Reformen in Gang zu bringen, müssen die Behörden versuchen, alle religiösen Führer zu hören, gerade auch die unbequemen“, so Lokschina.

Gennadi Gudkow vom Sicherheitskomitee der Staatsduma fordert mehr politische Befugnisse für den Gesetzgeber, um den Antiterrorkampf der Sicherheitskräfte überwachen und kontrollieren zu können. Gudkow beklagt, das Parlament habe keine Kontrolle über das staatliche Anti-Terror-Komitee. „Wir als Abgeordnete sind bei der Terrorismusbekämpfung völlig ausgeklammert“, sagt er. „Wir haben keinen blassen Schimmer davon, wie die Sicherheitskräfte vorgehen und welche speziellen Methoden sie dabei anwenden.“

„Wir wünschten, wir könnten dazugehören“


Der Fall Saira legt nahe, dass manche dieser Methoden eher kontraproduktiv sind. Seit ihr Ehemann getötet wurde, sagt Saira, habe sie alles versucht, um sich ein neues Leben aufzubauen. Sie hat wieder geheiratet, ein zweites Kind bekommen und eine Anstellung als Putzfrau in einem Geschäft gefunden.

Das alles wurde von der Zeitungsliste zerstört. Saira hat ihren Job verloren. Ihren achtjährigen Sohn hat sie aus der staatlichen Schule genommen und schickt ihn nun auf eine private Koranschule. Zuvor hatte ihn ein Lehrer geschlagen, weil er Wahhabit sei. Und sie selbst werde immer wieder von der Polizei aufgesucht und verhört.

„Wir wünschten, wir könnten dazugehören“, sagt sie. „Aber wir werden von der Gesellschaft nicht akzeptiert. Das drängt viele in den Untergrund.“

Anna Nemtsova schreibt über den Kaukasus für die amerikanische Newsweek.





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