Dmitri Medwedjew: Herr über die Zeit

Russlands Präsident Dmitri Medwedjew bewies neulich, dass seine Vollmachten als Staatsoberhaupt bis in die am wenigsten erwarteten Sphären hineinreichen: Seine Entscheidung, ab Herbst 2011 den Übergang zur Winterzeit abzuschaffen, ist die natürliche Fortsetzung einer Initiative, die er bereits im November 2009 in seiner Jahresbotschaft an das Parlament und die Nation lancierte: eine Reduzierung der ursprünglich elf Zeitzonen in Russland.

Foto: Dmitry Divin

Bereits im vergangenen Jahr rückten fünf Regionen der Russischen Föderation um eine Stunde näher an Moskau heran, indem sie den Übergang zur Sommerzeit nicht 
mitvollzogen. Jetzt hat Medwedjew dem gesamten Land den 
Verzicht auf die Zeitumstellung verordnet.

Das Vorpreschen des russischen Präsidenten ist beispiellos. In vielen Ländern wie den USA oder den Staaten der EU gehört das regelmäßige Vor- und Zurückstellen der Uhren zur festen Gewohnheit. Der Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit gilt dort als ökonomisch gerechtfertigt und medizinisch unbedenklich. In Russland wie auch zuvor schon in der Sowjetunion sind sich die Experten hingegen uneinig. Als am 1. April 1981 der Zeitwechsel im Sowjetreich Einzug hielt, wurden dafür hauptsächlich wirtschaftliche Gründe ins Feld geführt.

Nach Einschätzung einiger Wissenschaftler hat Russland dank des Übergangs zur Winterzeit jährlich zweieinhalb Milliarden Kilowattstunden Strom eingespart. Doch während der gesamten drei Jahrzehnte verstummten auch die Gegner einer rein ökonomischen Betrachtungsweise nicht. Sie argumentierten, der Zeitwechsel störe den Biorhythmus. Unter dem Einfluss der Sommerzeit müssten die Menschen zwangsläufig eine Stunde früher aufwachen und sich während der Herbst- und Wintermonate in einen unnatürlichen Arbeitsrhythmus hineinfinden. Mediziner steuerten das Argument bei, in den ersten fünf Tagen nach der Zeitumstellung erhöhe sich die Anzahl der Notrufe Herzkranker jeweils um 11 Prozent. Vor allem letztere Argumente führte Dmitri Medwedjew bei der Begründung seiner Entscheidung an: „Die Zeitumstellung geht einher mit Stress und Erkrankungen.“

Man darf auch den Stromspareffekt nicht überschätzen. Nach dem Vorstellen der Zeiger auf die Winterzeit schalten die Menschen zwar tatsächlich das Licht in ihren Wohnungen früher aus, doch die Großverbraucher von Elektroenergie arbeiten in der Regel rund um die Uhr. Da fallen 60 Minuten nicht ins Gewicht. Es mussten jedoch 30 Jahre vergehen, bis sich diese Einsicht durchsetze.


Dmitrij Trenin ist Direktor des Carnegie-Zentrums in Moskau. 

Dieser Artikel erschien bei Ria Novosti.

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