Ljudmila Ulitzkaja warnt vor neuem Stalinismus

Foto: Photoxpress

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Sie wollte nicht und hat es doch wieder getan. Nach Erscheinen ihres Romans „Daniel Stein“ hatte Ljudmila Ulitzkaja, wichtigste russische Gegenwartsautorin und vor Kurzem mit dem Prix Simone de Beauvoir ausgezeichent, angekündigt, sich nicht mehr mit „großer Prosa“ befassen zu wollen. Nun, zwei Jahre später, legt sie das epochale, ein Vierteljahrhundert – von Stalins Tod bis zur Breschnew-Ära – umfassende Werk „Seljony schatjor“ (Das grüne Zelt) vor.

Am 8. Februar stellte Ulitzkaja im überfüllten Saal der Moskauer Bibliothek für fremdsprachige 
Literatur ihren eben erschienenen Roman vor. Eine Warnung vor einer nostalgischen Verklärung der „ruhmreichen sowjetischen Vergangenheit“ nennt die 68-jährige Autorin ihr neues Werk.

„Seljony schatjor“ ist ein Buch über Micha, Ilja und Sanja, Mitte der 1940er-Jahre in Moskau geboren und Freunde seit Kindertagen. In ihrer Schulzeit übt der Literaturlehrer großen Einfluss auf die Jungen aus, denn er lehrt sie, frei und unabhängig zu denken. Später führt alle drei Männer – den Dichter, den Fotografen und den Musiker – dieses freie Denken zu den Dissidenten, in einen Kreis, in dem so mancher dem Druck nicht standhält, zum Denunzianten wird und fortan im Bewusstsein der eigenen Schuld Gewissensqualen leidet. Auch reale Persönlichkeiten der Zeitgeschichte wie Andrej Sacharow, Juri Daniel, Andrej Sinjawski oder Jossif Brodski spielen eine Rolle in Ulitzkajas Buch.

Unter dem Druck der Vergangenheit

Eigentlich, so berichtet die Autorin, habe sie den Roman geschrieben, um noch einmal die Zeit ihrer Jugend – die 1960er- und 1970er- Jahre – aufzuarbeiten, nach Abschluss des Manuskripts jedoch festgestellt, dass ein brandaktueller Text entstanden sei.

„In letzter Zeit wird in Russland ganz bewusst eine Stalinisierung betrieben – was mir ganz und gar nicht gefällt. Die Generation der heute 30-Jährigen hat noch keine Schläge einstecken müssen, sie ist unverbraucht und risikofreudig, trotzdem spüre ich einen Anflug von Angst. Eigentlich haben wir den Sklaven aus uns herausgepresst, doch er macht sich wieder bemerkbar – in Kriecherei vor der ‚Obrigkeit‘, im Machtdünkel des Beamtenapparats.“

Die von einem totalitären Regime zerstörten Lebensentwürfe der Protagonisten sollten, so Ulitzkaja, all jenen eine Mahnung sein, die der sowjetischen Vergangenheit nachtrauern und sich allzu gern erinnern, „dass wir damals stärker waren, unsere Raketen geflogen sind, unser Ballett tanzen konnte und es sich irgendwie leichter gelebt hat“, so die Autorin im Gespräch mit dem Publikum.

Dem Roman „Seljony schatjor“ liegt eine bereits vor acht Jahren entstandene gleichnamige Erzählung zugrunde, die Ulitzkaja im letzten Moment aus der Anthologie „Maschas Glück“ herausnahm, weil sie ahnte, dieser Text könne die Keimzelle für ein größeres Werk bilden, doch „die Zeit unserer Jugend, schwierig und widerspruchsvoll wie sie war, sprengt natürlich selbst den Rahmen dieses 600-seitigen Werks.“

Ulitzkajas deutsche Leser müssen sich gedulden: Eine Übersetzung des Romans erscheint laut Hanser-Verlag erst im Herbst 2012.

Dieser Artikel erschien bei Ria Novosti.

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