Seid wachsam und pessimistisch

„Satschem?“ Wenn Sie dieses Wort an einer Moskauer Hauswand lesen, wissen Sie, dass Mischa Most hier war. Aber der Graffiti-Künstler hat noch mehr Fragen als „Warum?“

Ich will Mischa Most zu Hause treffen und wundere mich, dass er in einer so noblen Gegend wohnt – die amerikanische Botschaft links, das Weiße Haus gegenüber. Doch hinter der Adresse verbirgt sich ein gelbes, langgezogenes Haus, das aussieht wie ein abgewracktes Schiff. Mischa Most bringt mich zum „Ochrannik“, dem in Russland allgegenwärtigen Wachmann. Vor diesem liegt ein offenes Heft, in das Mischa meinen Namen und die Ankunftszeit notiert. Im zweiten Stock führt er mich in einen langen Korridor – Tür an Tür wie in einem sowjetischen Wohnheim. Putz bröckelt von der Decke, das Parkett ist mit Brettern und Karton geflickt. Doch die Türen haben polierte Stahlklinken. „Willkommen bei mir zu Hause,“ sagt Mischa. Ich blicke in ein riesiges Zimmer mit fünf Meter hoher Decke. Unerwartet. Das Fenster reicht über die ganze Wand, was für eine Aussicht!

Atelier mit Blick auf die amerikanische Botschaft

Mischa Most, 29, steht in der Mitte des Raumes, groß, dünn, mit zerzaustem braunen Haar und einem mit grüner Farbe bekleckerten T-Shirt. „Wenn du aus dem Fenster schaust, kannst du in die amerikanische Botschaft gucken. Die sehen die ganze Zeit fern“, sagt er.

Kurzvita

Mischa Most

1981 wird Mischa Most in Moskau geboren, mit 16 entdeckt er Graffiti für sich. 1999 gründet er die „Crew Satschem“, die zu großer Bekanntheit gelangt, unter anderem durch eine Ausstellung im Jahr 2000 in Moskau. 2005 schließt Mischa Most sein Studium als Erdkunde- und Englischlehrer ab. Seine engagierte Examensarbeit 
widmet er dem Umweltschutz.

Im Jahr 2006 folgt der künstlerische Ritterschlag für Most: eine Ausstellung über Graffiti und Street-Art in der Moskauer Tretjakow-Galerie mit einigen seiner Werke. Es folgen Ausstellungen in Sankt Petersburg, Kiew und Baku. 2011 werden Mosts Werke zum ersten Mal im Ausland gezeigt, auf der Arte Fiera in Bologna.

Er selbst hat natürlich keinen Fernseher, wie alle, die sich zu den Künstlern und Kreativen zählen. Er gehört dazu. Schon länger hat er den Schritt von der Häuser- zur Leinwand gemacht. Seine Bilder hängen in den angesagten Galerien für Moderne Kunst in Moskau, Sankt Petersburg oder in Perm. Doch auch in Kiew, Baku und in Westeuropa weiß man inzwischen, wer Mischa Most ist. Gerade ist er aus Bologna zurückgekehrt, wo er auf der Arte Fiera mit elf weiteren Künstlern aus Russland seine Werke zeigen konnte. Er will Anstöße geben; in fast allen Bildern, ob auf der Straße oder in der Galerie, findet sich ein sozialpolitischer Kontext.

Satschem – eine der bekanntesten Crews Russlands

 

Bereits vor zehn Jahren entstand Mosts Markenzeichen „Satschem?“, was ganz einfach „Warum?“ bedeutet . „‚Warum?‘ ist eine Frage, die sich jeder Mensch viel häufiger stellen sollte“, ist er überzeugt. Wurden beispielsweise wieder einmal unter Denkmalschutz stehende Häuser abgerissen – wie es unter Bürgermeister Luschkow oft der Fall war –, konnte man darauf wetten, dass schon kurz darauf „Satschem?“ in der Umgebung auftauchte. Auch die Zukunft des Menschen bewegt den Künstler. Sein Slogan „No future forever“ knüpft an die „No-future“-Bewegung der späten Siebziger an: „Ich will zeigen, dass die Zeit des Pessimismus nicht vorbei ist, vielleicht nie vorbei sein wird, wenn die Menschen nicht endlich aufwachen und begreifen, was sie tun.“ Er sprüht gegen Korruption, Umweltverschmutzung und Terrorismus. Er kritisiert eine Gesellschaft, die bequem ist und wegschaut. Er stellt die Mächtigen bloß, die allein ihren Profit sehen. Erst in jüngster Zeit sei für ihn die Politik interessant geworden, gesteht er. „Ein geplantes Gesetz soll Schriftzüge mit politischem Background unter den Verdacht der Volksaufhetzung stellen. Früher war das einfach nur Vandalismus ohne große Strafen.“

Kunst zum Nachdenken

In Italien zeigte er ein Werk über den Artikel 31 der russischen Verfassung, der die Versammlungsfreiheit garantiert. Die Zahl ist das Symbol von Menschen, die sich zu jedem 31. eines Monats im Zentrum Moskaus versammeln. Meist enden die Demonstrationen mit Festnahmen. Most hat den Paragraphen auf eine riesige Leinwand geschrieben und mit verschiedenen Farben so übermalt, dass fast nichts mehr zu erkennen ist. Demonstriert er auch selber? „Es ist gut, dass andere das tun. Aber ich mache Kunst und hoffe, dass jemand daran Anstoß nimmt und sich Gedanken macht, bevor die Ordnungshüter alles zupinseln.“ Mischa glaubt, dass seine Kunst verstanden wird. Vor ein paar Jahren bemerkte er zwei Frauen auf seiner Vernissage, „um die 50 – also nicht gerade meine Zielgruppe“. Es stellte sich heraus, dass sie Kunstlehrerinnen waren. „Die Schüler von solchen Lehrern haben Glück“, sagt Most. Zu oft werde Kunst als rein mechanisches Zeichnen verstanden. Der Kopf werde nicht genutzt. Im Westen sei man offener. Er selbst lebt in einem Experiment: Das Haus wurde 1928 als „konstruktivistisches Experiment“ erbaut, von der Form über die Materialien bis zum Lebensprinzip. Heute atmet es die Atmosphäre eines besetzten Hauses – mit Schauspielern, Fotografen und Künstlern wie Most, die an einer neuen Welt werkeln, damit „No future forever“ irgendwann kein Thema mehr ist.

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