Wenn Blogger zu Feuerlöschern greifen

Die Waldbrände im Sommer 2010 vereinten Blogger im Kampf gegen das Feuer. Foto: RIA NOVOSTI

Die Waldbrände im Sommer 2010 vereinten Blogger im Kampf gegen das Feuer. Foto: RIA NOVOSTI

Der Raubtierkapitalismus der 90er-Jahre lehrte die Russen: Jeder stirbt für sich allein. Nun bildet sich über das Internet eine neue Bewegung von freiwilligen Helfern.

Als Marina Litwinowitsch, bekannte oppositionelle Bloggerin, im Internet über die schrecklichen Waldbrände des letzten Jahres recherchierte, wurde sie auf zwei Arten von Kommentaren aufmerksam: „Die einen schrieben ‚Wir brennen‘, die anderen ‚Wie können wir helfen?‘ Diese beiden Strömungen galt es zusammenzuführen, und genau das taten wir.“

Innerhalb weniger Tage stellte Litwinowitsch mit ein paar Freiwilligen eine Seite ins Netz. Dazu benutzten sie Usahidi, ein Computerprogramm, das nach dem Erdbeben in Haiti dazu diente, die Hilfslieferungen zu koordinieren und an die Orte zu bringen, wo sie am dringendsten benötigt wurden. Hunderte von Freiwilligen boten ihre Hilfe an.

Die Freiwilligenbewegung ist in Russland auf dem Vormarsch, es entsteht eine Generation junger, interneterfahrener Aktivisten. Sie stehen für eine neue Mittelschicht, die entschlossen ist, soziale Probleme anzugehen und rasch auf Hilferufe zu reagieren.

Das Feuer schürt die Solidarität unter den Menschen

 

Während der Brände „gab es eine Welle an freiwilliger Unterstützung: Menschen halfen, Spendenlieferungen zu koordinieren, und unterstützten die Löscharbeiten mit ihren eigenen Fahrzeugen“, erzählt Maria Tschertok, Leiterin von CAF Russia, einer privaten Organisation für humanitäre Hilfen. Andere wohltätige Einrichtungen wie Miloserdie (Barmherzigkeit) von der Russisch-Orthodoxen Kirche beteiligten sich ebenfalls an der Hilfsaktion für die Brandopfer.

Doch anders als im Westen, wo sich Menschen verschiedener Altersgruppen ehrenamtlich engagieren, sind es in Russland eher die Jüngeren.

Freiwillige Hilfe aus Deutschland

Freiwillige Hilfe aus Deutschland.

Hanna, eine Freiwillige aus Deutschland, schenkt behinderten Waisenkindern in einem Heim bei Tula Suppe aus. Foto: Photoxpress


Hunderte Freiwillige – vor allem auch junge - kommen jedes Jahr in die Russische Föderation, um bei Menschenrechtsorganisationen wie 
MEMORIAL, in einem Waisenhaus in Sankt Petersburg oder im Naturpark auf Kamtschatka mitzuarbeiten. Für viele ist es der erste Kontakt mit einem fremden Land.


Die mehrmonatigen Aufenthalte sind eine einmalige Chance, Land, Leute und Kultur kennenzulernen – und gleichzeitig Gutes zu tun. Außerdem lernt man nebenbei die Landessprache. Freiwilligen wird meist Verpflegung und Unterkunft gestellt und ein kleines Taschengeld gezahlt. Außerdem sind sie gegen Unfälle versichert.


Eine Übersicht der Organisationen, die Freiwilligendienste in Russland 
koordinieren, bietet die Seite des Deutsch-Russischen Jugendaustausches www.stiftung-drja.de/russland/wege-nach-russland.


In Russland kann auch der sogenannte „Andere Dienst im Ausland“, eine besondere Form des Zivildienstes, geleistet werden, zum Beispiel bei der „Aktion Sühnezeichen“. Mehr dazu unter www.fsj-adia.de.

Die meisten sind unter 40 und schreiben Blogs, sie gehören weder Parteien noch Organisationen an. „Es gibt regelmäßige Internetkampagnen“, erzählt Tschertok. „Ein Blogger, der freiwillig in einer Reha-Einrichtung arbeitete, berichtete über die unhaltbaren Zustände und setzte alles in Bewegung, die Lage zu verbessern.“ Vertreter der örtlichen Behörden wurden entsandt, die Einrichtung zu überprüfen, und diese Publicity rief neue Freiwillige auf den Plan.

Die Gesellschaftskammer der Russischen Föderation beriet kürzlich über eine bessere Koordinierung der staatlichen und ehrenamtlichen Dienste, damit die humanitären Hilfeleistungen noch effektiver greifen können.

Gegenwärtig entsteht auch eine staatlich gesteuerte Freiwilligenbewegung, zum Beispiel bei der Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 und die Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Drei Universitäten bieten Kurse an, die die Helfer auf diese hochrangigen Veranstaltungen vorbereiten sollen.

Zum Wohltäter ausgebildet

 

Um eine bessere Ausbildung ehrenamtlicher Mitarbeiter kümmert sich auch Podari Schisn (Schenk Leben) mit Sitz in Moskau. Die Organisation hilft Kindern, die an Krebs oder anderen schwerwiegenden Erkrankungen leiden.

Anastassija Sewerina, 23, ist seit einiger Zeit mit großem Eifer 
ehrenamtlich tätig. Früher arbeitete sie als Freiwillige bei Nastenka, einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich ebenfalls für kranke Kinder einsetzt. „Wer in diesem Bereich tätig ist, trifft auf gute, freundliche Menschen“, erzählt sie.

Als sie noch in der freien Wirtschaft tätig war, fühlte sie sich stets zu wohltätiger Arbeit und ehrenamtlichem Engagement hingezogen. Inzwischen schreibt sie einen Blog, über den sie neue Freiwillige anwirbt.

Ihre jüngste gute Tat war der Aufruf, eine Familie mit sieben Kindern in Rjasan zu unterstützen, die sich mit der Bitte um Hilfe an sie gewandt hatte. „Sie leben in einem heruntergekommenen Haus und haben kaum zu essen.“ 


Sewerina berichtete in ihrem Blog darüber, was die Familie am nötigsten brauchte, und bekam spontan Lebensmittel und Kleidung zugeschickt. „Die Familie hat viele Probleme,“ sagt sie, „doch ich bin in der Lage, dies publik zu machen und gemeinsam mit anderen gezielt so zu helfen, dass sie ihr Leben meistern kann.“

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland