Die Atom-Welle

Japan, nach dem Tsunami. Foto: Reuters/Vostok Photo

Japan, nach dem Tsunami. Foto: Reuters/Vostok Photo

Durch die Ereignisse in Japan, bei dem infolge des Erdbebens Tausende von Menschen ums Leben kamen, ist die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht geraten. Experten gehen davon aus, dass die Tragödie eine zweite Welle der Weltwirtschaftskrise auslösen könnte.

Eines der drei größten Verbraucher-Zentren der Welt und eine der drei tragenden Säulen der Weltwirtschaft (USA, EU, Japan) ist aus dem Rennen. Russland drohen dadurch nicht nur ein Mangel an japanischen Autos, sondern weitaus größere Probleme. Von der japanischen Automobilindustrie ist kaum mehr als die Hälfte übriggeblieben. „Das große Dreigespann“ der Automobilhersteller – Toyota, Honda und Nissan – ließ bereits erklären, dass wegen Engpässen bei der Beschaffung von Zulieferteilen momentan keine Fahrzeuge produziert werden können. Mitsubishi und Subaru teilten zudem mit, die Autoproduktion müsse in einigen Betrieben vorübergehend eingestellt werden. Die Unternehmen Mazda und Suzuki hatten mehr Glück, da sich ihre Werke nicht in den vom Erdbeben betroffenen Regionen des Landes befinden. Allerdings haben alle Unternehmen in mehr oder weniger starkem Umfang mit ernsten Problemen zu kämpfen – neben den Schwierigkeiten mit den Zulieferbetrieben haben die Automobilkonzerne bestehende Logistik und Tausende bereits für den Export bereitstehende Autos verloren. Nun können diese nur noch recycelt werden, da die Naturgewalten sie in einen Haufen Schrott verwandelt haben.

Aktienmärkte erleiden Verluste

Allerdings sind die Probleme der Automobilindustrie noch das geringste Problem. Nach den ersten Nachrichten aus Japan haben die Aktienmärkte dramatische Verluste erlitten. Am schlimmsten betroffen waren die Börsen in den USA und der EU, doch auch in Russland schlossen die Indizes RTS und MMWB im „roten“, alarmierenden  Bereich (sie fielen um 1,01 bzw. 0,68 Prozent). Am schlimmsten war es um die Wertpapiere von Versicherungsunternehmen bestellt, was auch verständlich ist, denn diese müssen voraussichtlich Unsummen für die Schäden in Japan aufbringen und es kann durchaus sein, dass einige der Gesellschaften dies nicht überleben werden. So sind die Aktien von Versicherungsgesellschaften wie AXA, Swiss Re oder Aviva PLC um 2 -3 Prozent gesunken.

Der Ölpreis im Sturzflug

Auch der Ölpreis ist drastisch gefallen - in New York sank der durchschnittliche Preis unter die Marke von 100 Dollar pro Barrel. Der im Sturzflug fallende Ölpreis zog auch die Wertpapiere der Ölgesellschaften mit nach unten (und das brachte auch die russischen Indizes in die „rote Zone“). Das Verhalten des Ölpreises lässt sich leicht erklären: Die japanische Industrie ist komplett lahmgelegt, die Lieferungen des „schwarzen Goldes“ nach Japan sind gefährdet, denn schließlich benötigt das Land nun Lebensmittel und Medikamente und keinen Brennstoff für die Industrie. „Es ist eben dieser Lebensmittelfaktor, der die Weltwirtschaft dieses Mal in den Ruin führt“, analysiert Vasilij Kaltaschow vom Institut für Probleme der Globalisierung und sozialer Bewegungen die Lage. Spekulanten, die aufgrund von dunklen Währungsmachenschaften enttäuscht zum Ölhandel abgewandert waren, kehren nun auch diesem wieder den Rücken und wechseln erneut zum Lebensmittelsektor. Der Wirtschaftsexperte ist überzeugt, dass der Anstieg der Lebensmittelpreise ein Zeichen für die bevorstehende zweite Phase der Krise ist.

Korrektur der Weltordnung

Er ist zudem davon überzeugt, dass der Ölpreis „stündlich“ fallen wird, denn die Weltwirtschaft erholte sich ohnehin nur langsam und nun liegt ein Drittel der Weltwirtschaft buchstäblich in Schutt und Asche. Und niemand wird diesen Preis fürs Öl bezahlen. Dies wiederum trifft direkt den russischen Etat. Koltaschow erwartet die Stunde X für das Rohstoff-Modell Mitte dieses Jahres, wenn die USA offiziell zu Einsparungen im Energiesektor übergehen werden, was sie bereits früher angekündigt hatten. „Dies geht zugleich einher mit einer Abkehr der Vereinigten Staaten von leichtsinnigen Dollar-Emissionen“, erläutert der Wirtschaftsexperte weiter, „und es bedeutet eine Korrektur der gesamten gegenwärtigen Weltordnung. Wird diese Krise wie die des Jahres 2008 ausfallen oder wird sie eher lokalen Charakter wie die Krise vom Frühjahr 2010 tragen?“, fragt sich Koltaschow. Das hängt von der Stärke der Weltwirtschaft ab. Doch auch wenn diese sich als ausgesprochen stark erweisen und die Welt nicht allzu heftig ins Wanken geraten sollte, folgt auf eine Krise stets Stagnation. Und eine Stagnation wäre womöglich noch gefährlicher als die eigentlichen Erschütterungen.

Für Japan und seine Wirtschaft ein ungewöhnliches Bild: Leergefegte Regale,

verunsicherte Bürger. Foto: Reuters


Es gibt kein zweites Tschernobyl

 

Führende russische Atomexperten analysierten die Entwicklungen in dem havarierten japanischen Kernkraftwerk. Nach ihren Worten handelt es sich dabei um ein altes und baufälliges Kernkraftwerk, das vor 40 Jahren von den Amerikanern erbaut wurde. Solche Kraftwerke wurden in Russland längst abgeschaltet. „Natürlich vergleiche ich die Havarie in dem japanischen Kernkraftwerk Fukushima zwangsläufig mit Tschernobyl“, erklärte Professor Wladimir Asmolow, erster stellvertretender Generaldirektor des russischen Energiekonzerns ROSENERGOATOM. Zusammen mit Kollegenhatte er in Tschernobyl nach der Reaktorkatastrophe viele Jahre lang die Aufräumarbeiten geleitet. „Die Radioaktivität in meinem Arbeitszimmer in Tschernobyl betrug 250 Milliröntgen und wir hielten uns wochenlang täglich acht Stunden in dieser Zone auf. In Fukushima beträgt die Radioaktivität auf dem Reaktorgelände 100 Milliröntgen. Gemäß den Normen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA stellt dies keine ernste Gefahr für die Gesundheit dar. Zudem basiert die Strahlenbelastung im Gegensatz zu Tschernobyl auf kurzlebigen Radioisotopen der Edelgase Xenon und Krypton. Panik und Radiophobie machen den Menschen viel mehr zu schaffen. Ich bin überzeugt, dass die Evakuierung zehntausender von Menschen in Fukushima eigentlich unnötig war. Doch die japanische Regierung hat es so entschieden.“

Die stärksten Naturkatastrophen

„In Japan trafen zwei Naturkatastrophen zusammen – das stärkste Erdbeben seiner Geschichte und ein gigantischer Tsunami. Bei uns wäre ein solcher Unfall schon aus technischen Gründen prinzipiell unmöglich“, stellt Professor Wladimir Asmolow kategorisch fest. „Das Kernkraftwerk Fukushima ist 40 Jahre alt und verfügt trotz aller Modernisierungsmaßnahmen über bestimmte Schwachstellen. Eine der wichtigsten Schwachstellen ist das Einkreiskühlsystem – alle russischen Kernkraftwerke sind mit Zweikreiskühlsystemen ausgestattet. Hätte sich ein derartiger Unfall bei uns ereignet, würden wir direkt Wasser vom zweiten ins erste Kühlsystem leiten. Da bei den Japanern die Stromversorgung infolge des Erdbebens zusammengebrochen war, suchte man viel zu lange nach einer Möglichkeit, um den Reaktor mit Meerwasser zu kühlen. Infolge einer Explosion wurde die Betonhülle des Reaktors zerstört. Der Reaktorblock steht noch, was wichtig für die Sicherheit ist. Die Japaner handelten richtig als sie, um eine Ausbreitung der Katastrophe zu vermeiden, zwei Reaktoren opferten.  Diese Blöcke brauchen nicht mehr wiederhergestellt werden.

Die möglichen Folgen

 

„Was könnte schlimmstenfalls passieren?“, fragt Professor Wladimir Asmolow. „Der schlimmste Fall würde eintreten, wenn das gesamte Personal aus irgendeinem Grund das Kernkraftwerk verlassen würde und die Ereignisse völlig unkontrolliert abliefen. In unserem Krisenstab, den wir sofort nach dem Unfall in Japan bei ROSATOM einberiefen, zogen wir auch diese absurde Variante in Betracht. Die Radioisotope würden bei einem sich selbst überlassenen Kraftwerk nach acht Tagen ins Erdreich vordringen. Doch das Kraftwerk wird nicht sich selbst überlassen, die Situation ist unter Kontrolle. Und ich sehe nicht, wie sich der Unfall in Japan auf russisches Territorium auswirken könnte. Ich möchte betonen, dass wir hier in Russland permanent online die neuesten Nachrichten über den Zustand des Kernkraftwerks in Japan über das Moskauer Zentrum der Internationalen Organisation des Kraftwerkpersonals erhalten. Angesichts der Tragödie, die der Tsunami Japan zugefügt hast, wäre es geradezu lächerlich, den Schaden dieses Reaktorunglücks beziffern zu wollen“, bemerkt Professor Rafael Arutjunjan.  Die Folgen lassen sich nicht miteinander vergleichen. Wir dürfen nicht vergessen, dass infolge der Strahlenbelastung kein einziger Mensch ums Leben kam. In Russland liegt die Norm für die Umschaltung auf Notstromaggregate im Falle eines Stromausfalls bei 24 Stunden, und zurzeit werden Kraftwerke gebaut, die im Falle einer Eigenversorgung durch Notstromaggregate 72 Stunden in Betrieb bleiben können – was sehr viel ist. Beim Kernkraftwerk Fukushima lag dieser Wert lediglich bei sechs Stunden, doch auch das half nicht, da die Dieselaggregate von Meerwasser überflutet wurden und ausfielen. 

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Zeitung Iswestija.

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