Das Tschernobyl-Syndrom von Fukushima

Sag Russland Ja oder Nein zur Atomenergie? Foto: Reuters

Sag Russland Ja oder Nein zur Atomenergie? Foto: Reuters

Atomenergie-Experten in Russland zeigen sich nach dem GAU in Japan beunruhigt. Offiziell erklären sie zwar, es gäbe keinen Anlass zur Panik und die Pläne zur Ausweitung der Exportverträge würde man beibehalten. Doch in Wirklichkeit scheinen die Perspektiven dafür verschwommen. Der internationalen Atomwirtschaft droht ein neues Tschernobyl-Syndrom, wenn die Gesellschaft Kernenergie als zu gefährlich abstempelt.

Der GAU im japanischen Atomkraftwerk lässt das vergessen geglaubte Tschernobyl-Syndrom in der Weltenergiewirtschaft wieder aufleben. Dies wird auch  von anonymen Quellen von „Rosatom“, dem staatlichen Energiekonzern, bestätigt. Atomkraftexperten zeigen Besorgnis über die Aussichten russischer Exportverträge. Doch offiziell gibt sich Rosatom sogar mehr als optimistisch: Mit Vertragsausstiegen sei nicht zu rechnen, Gründe zur Panik gebe es nicht, die Kernenergiewirtschaft sei ungefährdet.

Nach Tschernobyl

Indessen stagnierte die internationale Atomindustrie zu Beginn des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts infolge der großen Resonanz auf die Explosion von Tschernobyl. Diese Katastrophe wirkte sich nicht nur auf die russische öffentliche Meinung aus, sondern auch International. Damals stellte man auf Nachdruck der Bevölkerung in den Ländern Nordamerikas und Westeuropas den Bau neuer AKWs ein. Insbesondere in Deutschland traf man damals die Entscheidung, völlig auf friedliche Kernkraftnutzung zu verzichten und allmählich zu Wärmekraftwerken und alternativen Energiewirtschaft zu wechseln. Dieser Übergang soll sich nach den Plänen der deutschen Regierung, die durch entsprechende Gesetze untermauert werden, im Lauf des nächsten Jahrzehnts vollziehen. Auch in Japan erfreute sich die Kernenergiewirtschaft vor fünfzehn Jahren keiner großen Sympathie. Der schleichendeWirtschaftsverfall war nicht förderlich für den Bau weiterer AKWs, und die Situation verschärfte sich durch das wachsende Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Kerntechnologie.

Auch in Russland zog man damals mit der weltweiten Tendenz mit. Experten des Instituts für Atomsicherheit erinnern sich, dass nach dem Super- GAU „in Russland die Vorbereitung zum Bau neuer AKWs an 20 Standorten gestoppt, und an weiteren fünf Standorten, die ein hohes oder mittleres Bereitschaftsstadium erreicht hatten, sämtliche Arbeiten eingefroren wurden“.

Doch die Zeit verging

 

Im neuen Jahrhundert traten Anzeichen eines Wiedererwachens auf, anstelle der Stagnation. Wie der erste stellvertretende Direktor des Instituts für Atomsicherheit, Rafael Arutjunjan, erklärt: „In der Welt begann eine atomare Renaissance, da praktisch allen führenden Ländern klar wurde, dass die Probleme der nachhaltigen Energieversorgung, darunter auch die ökologischen Fragen, nur durch die Entwicklung der Kernenergiewirtschaft zu lösen sind.“ Daraufhin gab sogar Deutschland zu verstehen, dass es moralisch bereit sei, sein Verbot der friedlichen Atomkraftnutzung zu überdenken.

Auch Russland und China gaben neue atomare Bestrebungen bekannt. Der Rosatom-Chef, Sergej Kirijenko, rief vor fünf Jahren dazu auf, im Land bis 2030 rund 40 Atomenergieblöckezu bauen. Präsident Dmitri Medwedew reihte die Kerntechnologie in die für die Modernisierung des Landes wichtigsten Bereiche ein, und Ministerpräsident Wladimir Putin sagte zu den Atomplänen Russlands: „Ich bin der Meinung, dass wir durchaus in der Lage sind, mindesten 25% des Weltmarktes für Dienstleistungen zum Bau und zur Nutzung von Atomkraftwerken für uns zu gewinnen.“ China trat seinerseits mit einem beispiellosen Atomprogramm an die Öffentlichkeit, das bis 2020 die siebenfache Erhöhung der Kapazität von AKWs vorsieht. Dies läuft auf die jährliche Inbetriebnahme von sechs oder sieben neuen AKW-Blöcken für die Dauer eines Jahrzehnts hinaus.

Die öffentliche Meinung zählt

Nun ist es jedoch möglich, dass sämtliche Kernenergiepläne erneut auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Manche Experten fürchten, dass sich die öffentliche Meinung in Deutschland und in anderen Ländern wieder gegen die Kernergiewirtschaft wenden könnte. Die Gegner von AKWs sehen sich einmal mehr in ihrer Überzeugung bestärkt, dass die Atomexperten die Sicherheit der Branche nicht zu garantieren vermögen. „Die Ereignisse in Japan zeigen mit aller Deutlichkeit, wie hilflos die Atomindustrie gegenüber den Naturgewalten ist. Und damit wird der Mythos von der Verlässlichkeit und Sicherheit der modernen Atomenergiewirtschaft ganz und gar zerschlagen“, erklärte gestern der Co-Vorsitzende der Umweltorganisation Ecodefense, Wladimir Sliwjak. Ihm zufolge entging Russland nur durch ein Wunder dem japanischen Szenario, als die Energieversorgung der Halbinsel Kola 1993 durch einen Orkan unterbrochen wurde. Im Jahr 2000 sei ein Reaktor im Kernkraftkombinat Majak durch Fehler im Swerdlowsker Überlandnetz ausgefallen. „Bis jetzt haben wir Glück gehabt, aber wird es so weitergehen? Die Geschehnisse in Japan sollten Russland als Lektion dienen. Sie besteht in Folgendem: Die Atomenergiewirtschaft kann prinzipiell nicht ungefährlich sein, und neue Projekte wie das eines schwimmenden AKW im Fernen Osten und oberirdischer Kraftwerke in seismisch gefährdeten Zonen erhöhen nur die von der Atomindustrie geschaffenen Risiken“, sagt Sliwjak zusammenfassend.

 

Rosatom will Panik vermeiden

Sergej Nowikow, Pressesprecher des Konzerns, teilte NG mit, dass der Energieblock des japanischen Meilers Fukushima-1, in dem es nach dem Erdbeben zur Explosion kam, vor 40 Jahren von Amerikanern gebaut worden sei. „Heutzutage werden AKW-Energieblöcke überall auf der Welt nach einer grundsätzlich anderen Konstruktion errichtet. Vor allem rüstet man sie mit passiven Schutzsystemen aus“, unterstreicht Nowikow. Zurzeit bauen russische Spezialisten im Ausland fünf Energieblöcke, und rund zehn ähnliche Projekte stehen kurz vor dem Beginn der Realisierung. Insgesamtverfügt Rosatomgegenwärtig über 30 Aufträge zum Bau von AKW-Energieblöcken in verschiedenen Ländern der Welt. Nach einer dem Energieministerium nahen Quelle werden die Ereignisse in Japan nicht den geringsten Einfluss auf die Verwirklichung der bis 2030 vorgesehenen Exportprojekte ausüben.

Andererseits sind einige Atomexperten der Meinung, dass „das japanische Tschernobyl“ die Situation in der Weltenergiewirtschaft verändern und die Perspektiven der Verwirklichung russischer Exportverträge über den Bau von AKWs beeinträchtigen könne. Den offiziellen Optimismus der Branchenführung führen sie auf den Versuch zurück, potenziell kritische oder gar panische Stimmungen hinsichtlich der Kernenergiewirtschaft abzuwehren.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Tageszeitung Nezawisimaja Gazeta.

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